Kapp-Putsch Marsch auf Berlin

Im März 1920 griffen rechte Republikfeinde erstmals nach der Macht in Deutschland. Doch der Kapp-Putsch scheiterte am entschlossenen Widerstand der Arbeiterschaft.

März 1920: Auch in München reiten Anhänger des Kapp-Putsches durch die Straßen

März 1920: Auch in München reiten Anhänger des Kapp-Putsches durch die Straßen

In den späten Abendstunden des 12. März 1920 alarmiert eine Nachricht die Reichshauptstadt: Die Marinebrigade Ehrhardt marschiert auf Berlin zu. Ihr Ziel: Sturz der amtierenden Koalitionsregierung unter dem sozialdemokratischen Reichskanzler Gustav Bauer und Beseitigung der erst wenige Monate alten deutschen Republik.

Eine Stunde nach Mitternacht versammelt Reichswehrminister Gustav Noske (SPD) die führenden Militärs in der Bendlerstraße. Seiner Forderung, dass man Gewalt nur mit Gewalt beantworten könne, schließt sich allein der Chef der Heeresleitung, General Walther Reinhardt, an. Alle anderen hohen Offiziere lehnen einen Kampf gegen die Putschisten ab. »Truppe schießt nicht auf Truppe«, erklärt der Chef des Truppenamts, General Hans von Seeckt.

Anzeige
Wolfgang Kapp
Wolfgang Kapp

Wolfgang Kapp (1868 - 1922 ) erklärte am 13. März 1920 nach der militärischen Besetzung Berlins die Regierungskoalition unter Reichskanzler Gustav Bauer für abgesetzt und proklamierte sich selbst zum Reichskanzler und preußischen Ministerpräsidenten. Die neue Regierung brach am 17. März nach nur fünf Tagen zusammen. 

In einer eilig zusammengerufenen Kabinettssitzung um vier Uhr morgens, an der neben Reichspräsident Friedrich Ebert auch Mitglieder der preußischen Regierung teilnehmen, wird beschlossen, auf bewaffneten Widerstand zu verzichten. Eine erregte Debatte entspinnt sich über die Frage, ob man in der Hauptstadt bleiben solle oder nicht. Schließlich einigt man sich auf einen Kompromiss: Ebert, Bauer und die meisten Minister sollen sich nach Dresden begeben, da Noske den dort kommandierenden General Georg Maercker für zuverlässig hält; der Vizekanzler aber, Justizminister Eugen Schiffer von der Deutschen Demokratischen Partei (DDP), soll mit zwei weiteren Ministern in Berlin ausharren.

Um 6.15 Uhr verlässt Ebert, in Begleitung von Außenminister Hermann Müller und seinem leitenden Büromitarbeiter Otto Meissner, im Kraftwagen seinen Amtssitz. Zehn Minuten später rücken die Putschtruppen in die Wilhelmstraße ein.

Eigentlich kam der Umsturzversuch nicht überraschend. »Was gegenwärtig marschiert, ist die Gegenrevolution, hinter der die Monarchie schon deutlich wieder auftaucht«, notierte der Diplomat und Kunstmäzen Harry Graf Kessler Anfang September 1919. Seit der Unterzeichnung des Versailler Vertrages am 28. Juni gärte es im Offizierskorps.Unerträglich war für die Militärs vor allem der Gedanke, die Regierung könne ihrer Verpflichtung nachkommen und das Heer auf 100.000 Mann reduzieren. In der Truppe herrsche große Unruhe, meldete der kommandierende General des Reichswehrgruppenkommandos I in Berlin, Walther Freiherr von Lüttwitz, dem Reichswehrminister, »weil die berechtigte Frage: Wann werde ich auf die Straße gesetzt? in allen Köpfen spukt«.

Vor allem die Freikorps, die Noske in den bürgerkriegsähnlichen Kämpfen des Frühjahrs 1919 gegen die radikale Linke eingesetzt hatte, sträubten sich gegen ihre Auflösung. Dazu zählte auch die Marinebrigade unter Korvettenkapitän Hermann Ehrhardt, die im Januar 1920 nach Döberitz, 25 Kilometer von Berlin entfernt, verlegt wurde. Die rund 5000 Mann starke Truppe betätigte sich offen republikfeindlich, lehnte Schwarzrotgold ab und trug – ein deutliches Zeichen für ihre Sympathien mit völkisch-rechtsradikalen Kreisen – das Hakenkreuz am Stahlhelm.

Einen starken Rückhalt erhielten die demokratiefeindlichen Bestrebungen in den alten konservativen Hochburgen Preußens. Die ostelbischen Rittergutsbesitzer hatten sich zwar einer Änderung der Eigentumsverhältnisse in der Revolution von 1918/19 erfolgreich widersetzt, aber ihre im Kaiserreich unbestrittene Vorrangstellung in Staat und Gesellschaft hatten sie eingebüßt. In ihrem Hass auf die Weimarer Republik und ihrer Sehnsucht nach einer Restauration der Monarchie fanden sich die Junker mit großen Teilen des Offizierskorps vereint.

So war es kein Zufall, dass ein Mann aus Ostelbien, der ostpreußische Generallandschaftsdirektor Wolfgang Kapp, zu einer der Schlüsselfiguren des Staatsstreichs vom März 1920 avancieren konnte. Kapp hatte im September 1917 gemeinsam mit Großadmiral Alfred von Tirpitz die Deutsche Vaterlandspartei gegründet, eine Massenbewegung, die für einen »Siegfrieden« Stimmung machte.

Nach 1918 wurde er Vorsitzender des ostpreußischen Landesverbands der neu gegründeten Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) und zugleich Mitglied ihres Hauptvorstands in Berlin. Er gehörte dem Aufsichtsrat der Deutschen Bank an und unterhielt enge Beziehungen zum Ruhrindustriellen Hugo Stinnes.

Am 8. Juli 1919 traf sich Kapp in seiner Berliner Wohnung mit den Generälen Otto von Below und Friedrich Karl von Loßberg. Mit dabei war Erich Ludendorff, neben Hindenburg Chef der Obersten Heeresleitung und heimlicher Militärdiktator in den beiden letzten Jahren des Ersten Weltkriegs. Ende Februar 1919 war er aus dem schwedischen Exil zurückgekehrt.

»Die größte Dummheit der Revolutionäre«, schrieb er seiner damaligen Frau Margarete, »war es, daß sie uns alle am Leben ließen. Na, ich komme einmal wieder zur Macht, dann gibt’s kein Pardon. Mit ruhigem Gewissen würde ich Ebert, Scheidemann und Genossen aufknüpfen lassen und baumeln sehen.«

Mit Ludendorff trat der Mann auf den Plan, der bei der Vorbereitung des Staatsstreichs die Fäden zog, ohne sich dabei jedoch selbst zu stark zu exponieren. In der Besprechung vom 8. Juli empfahl General von Below, mit dem Losschlagen noch zwei Jahre zu warten. Ludendorff und Kapp trieben indes die Planungen für den Umsturz zielstrebig voran.

Zur Zentrale der Verschwörung wurde die auf ihre Initiative im Oktober 1919 gegründete Nationale Vereinigung mit Sitz in der Berliner Schellingstraße 1. Die Geschäftsführung teilten sich Oberst Max Bauer, schon im Weltkrieg rechte Hand Ludendorffs, und Hauptmann Waldemar Pabst, Hauptdrahtzieher des Mordes an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht im Januar 1919.

Neben der Propaganda gegen die Republik und ihre führenden Repräsentanten widmete sich die Vereinigung vor allem der Rekrutierung bewaffneter Verbände. Dafür kam in erster Linie die Brigade Ehrhardt in Betracht, mit deren Kommandeur Kapp seit Juni 1919 in Verbindung stand.

Doch am 29. Februar 1920 ordnete Noske auf Drängen der Interalliierten Militär-Kontrollkommission die Auflösung der Brigade an. Damit eskalierte der Konflikt. General von Lüttwitz widersetzte sich dem Auflösungsbefehl. »Ich werde nicht dulden, daß mir eine solche Kerntruppe in einer so gewitterschwülen Zeit zerschlagen wird«, erklärte er.

Das war eine offene Kriegserklärung an die Regierung. In einer dramatischen Unterredung mit Ebert und Noske am Abend des 10. März verlangte Lüttwitz ultimativ nicht nur die Zurücknahme der Ordre, sondern die sofortige Auflösung der Nationalversammlung und Ausschreibung von Neuwahlen, die Absetzung des regierungsloyalen Generals Reinhardt und – um dem Ganzen die Krone aufzusetzen – seine, Lüttwitz’, Berufung zum Oberbefehlshaber der Reichswehr.

Statt den meuternden General sofort verhaften zu lassen, legten ihm Ebert und Noske nur den Abschied nahe. So konnte sich Lüttwitz ungehindert zu Kapitän Ehrhardt nach Döberitz begeben und mit ihm das weitere Vorgehen absprechen. Durch Lüttwitz’ Vorpreschen waren die Verschwörer in Zugzwang geraten. Ehrhardt sagte zu, seine Brigade am Abend des 12.März zum Marsch auf Berlin antreten zu lassen. »Morgen früh 4 Uhr erwacht das ganze Reich unter einer neuen Staatsgewalt«, gab sich Kapp bereits am Nachmittag siegessicher.

Von verschiedenen Seiten wurden Noske Nachrichten über den drohenden Putsch zugetragen. Doch er beschwichtigte seine Kabinettskollegen: Es sei »blinder Alarm wie schon wiederholt«.

Das böse Erwachen kam am Morgen des 13.März. Mit klingendem Spiel, freudig begrüßt vom bürgerlichen Publikum, rückte die Brigade Ehrhardt in Berlin ein. Am Brandenburger Tor nahmen Lüttwitz und Kapp die Parade ab. Auch Ludendorff war erschienen, keineswegs so zufällig, wie er später behauptete. Die Besetzung des Regierungsviertels vollzog sich reibungslos.

Gegen sieben Uhr betrat Kapp in Begleitung des ehemaligen Berliner Polizeipräsidenten und designierten Innenministers Traugott von Jagow und eines Majors die Reichskanzlei. Auf die Frage von Unterstaatssekretär Heinrich Albert, was die Herren wünschten, entgegnete Kapp: »Wir ergreifen die Regierungsgewalt.« Im Reichswehrministerium versicherte Ludendorff zur gleichen Zeit: »Wir werden ganze Arbeit machen.«

In seiner ersten Proklamation erklärte Kapp die bisherige Reichsregierung für abgesetzt. Zugleich ernannte er sich selbst zum Reichskanzler und preußischen Ministerpräsidenten und Lüttwitz zum Reichswehrminister und Oberbefehlshaber. Ein zweiter Aufruf versprach, eine »starke Staatsgewalt« aufzurichten, mit der »herrschsüchtigen Parteiregierung« aufzuräumen, Streiks »rücksichtslos« zu unterdrücken und »jede Auflehnung gegen die neue Ordnung mit schonungsloser Entschlossenheit« zu bekämpfen.

Allerdings zeigte sich rasch, wie mangelhaft die Regierungsübernahme vorbereitet war. Der neue Kanzler besaß nicht einmal eine Kabinettsliste und hatte Mühe, die Ministerien mit eigenen Leuten zu besetzen. Auch war es nicht wie geplant gelungen, die alte Regierung zu verhaften. Durch ihr Ausweichen nach Dresden ergab sich eine Art Doppelherrschaft, die noch Schwankende veranlassen konnte, sich mit einer offenen Parteinahme für die eine oder andere Seite vorerst zurückzuhalten.

Entscheidend für das Gelingen des Staatsstreichs war, ob die Putschisten ihre Macht über die Hauptstadt hinaus auf die übrigen Teile des Reiches ausdehnen und zugleich die Zustimmung wichtiger gesellschaftlicher Gruppen gewinnen konnten. Die größte Begeisterung löste der Pusch, wie nicht anders zu erwarten, im konservativen Milieu der preußischen Ostprovinzen aus. Zahlreiche Landräte und sogar der sozialdemokratische Oberpräsident von Ostpreußen, August Winnig, erklärten sich für Kapp. In Ostpreußen, Pommern, Schlesien, aber auch in Mecklenburg, Schleswig-Holstein, Hamburg, Thüringen, Sachsen stellten sich die kommandierenden Generäle der Militärbezirke hinter das neue Regime und enthoben verfassungstreue Beamte ihrer Posten.

Allerdings gab es in der Reichswehrführung auch Vorbehalte. Die Usurpatoren hätten »manche Qualitäten«, äußerte General von Seeckt in einem Gespräch mit Vizekanzler Schiffer, seien »jedoch politisch unklare Phantasten, blinde Draufgänger und selbstgefällige Dilettanten«. Auch unter den Industriellen überwog die Skepsis; allerdings weigerten sie sich, öffentlich gegen Kapp Stellung zu beziehen. Ähnlich abwartend verhielten sich die meisten Beamten. Die Berliner Ministerialbürokratie folgte jedoch fast ausnahmslos dem Appell der Unterstaatssekretäre, treu zur rechtmäßigen Regierung zu stehen, und ließ die Weisungen Kapps und seiner Leute ins Leere laufen.

Ganz unterschiedlich fiel die Stellungnahme der Parteien aus. Die beiden Rechtsparteien, DNVP und DVP, machten aus ihren Sympathien für die Putschisten keinen Hehl, vermieden es freilich, sich frühzeitig festzulegen. Vorbehaltlos ablehnend verhielten sich dagegen die DDP und das katholische Zentrum, die beiden Koalitionspartner der SPD in der Regierung.

Trotz der unklaren Lage hätte sich die Kapp-Regierung vielleicht behaupten können – wenn sie nicht auf den entschlossenen Widerstand der Arbeiterschaft gestoßen wäre. Am Morgen des 13. März erschien in Berlin ein Aufruf zum Generalstreik, unterzeichnet von Ebert, den SPD-Ministern und dem Parteivorsitzenden Otto Wels.

Damit vollzog die SPD-Führung scheinbar einen Kurswechsel, denn seit der Jahreswende 1918/19 hatte sie alle Streikbewegungen durch das Militär niederschlagen lassen. Kaum in Dresden angekommen, distanzierten sich die Minister gegenüber General Maecker wieder von dem Aufruf: Ihre Namen seien ohne ihre Einwilligung daruntergesetzt worden!

Doch die Gewerkschaften machten sich die Generalstreik-Parole zu eigen und übernahmen eine Führungsrolle. SPD und die Unabhängige Sozialdemokratische Partei (USPD) schlossen sich an; die noch kleine Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) verweigerte sich anfangs – sie werde »keinen Finger rühren für die in Schmach und Schande untergegangene Regierung der Mörder Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs« –, korrigierte sich aber schon wenig später, als sie merkte, dass sie sich mit dieser Haltung von der Arbeiterschaft isolieren würde.

Tatsächlich setzte am Sonntag, den 14. März, mit voller Wucht aber erst am Montag die größte Streikbewegung ein, die Deutschland jemals erlebt hat. In den meisten Betrieben ruhte die Arbeit; der Verkehr kam zum Erliegen. In Berlin gab es weder Wasser noch Strom, noch Gas. »Bei uns ist es nachts ganz dunkel. Eine Dunkelheit wie auf dem Lande. Samtschwarz«, schrieb die Künstlerin Käthe Kollwitz am 17.März in ihr Tagebuch.

Während die Arbeiter ihre Macht demonstrierten, zeigte sich die nach Dresden enteilte Reichsregierung zunächst handlungsunfähig. »Bauer fast gebrochen. Auch Ebert stumpf«, notierte Innenminister Erich Koch-Weser (DDP). Da sich General Maercker als unsicherer Kantonist erwies, entschlossen sich Ebert und die Minister, am Nachmittag des 14. März nach Stuttgart weiterzureisen. Unterdessen zeigte der Generalstreik im Verein mit dem Boykott der Ministerialbürokratie Wirkung.

Die Putschisten hockten in der Reichskanzlei bei Kerzenlicht, zunehmend isoliert von der Außenwelt. Eine halbwegs geordnete Regierungstätigkeit war unter diesen Umständen unmöglich. Zudem verweigerte die Reichsbank Zahlungen, sodass die neuen Machthaber auch finanziell auf dem Trockenen saßen. Je deutlicher sich das Scheitern des Putsches abzeichnete, desto mehr begannen auch diejenigen von dem Unternehmen abzurücken, die zunächst einer Zusammenarbeit gar nicht abgeneigt gewesen waren.

Bereits am 16. März war Koch-Weser überzeugt: »Kapp bricht zusammen.« Deshalb lehnte die von Stuttgart aus wieder selbstbewusster agierende Regierung auch alle Vermittlungsversuche ab. Mit der Konterrevolution dürfe es kein Verhandeln geben, erklärte Ebert. Am 17. März kapitulierten die Putschisten; zuerst trat Kapp zurück, danach Lüttwitz. Die Brigade Ehrhardt zog am 18. März ab, nicht ohne zuvor am Brandenburger Tor ein Blutbad anzurichten, bei dem zwölf Menschen getötet und dreißig verletzt wurden.

Das Ende des Putsches bedeutete noch nicht das Ende des Generalstreiks. Denn nun präsentierten die Gewerkschaften, die sich das Hauptverdienst an der Verteidigung der Republik zuschreiben konnten, ihre Rechnung: Sie verlangten den Rücktritt von Noske, den sie zu Recht für die reaktionären Umtriebe in der Reichswehr verantwortlich machten, darüber hinaus eine »entscheidende Mitwirkung bei der Neuordnung der Verhältnisse«. Obwohl Ebert alles versuchte, um Noskes Entlassung zu verhindern – der Reichswehrminister war nicht mehr zu halten. Ihre weiter gehenden Forderungen allerdings vermochten die Gewerkschaften nicht durchzusetzen.

Von einer durchgreifenden Erneuerung der Reichswehr konnte keine Rede sein. Zum Chef der Heeresleitung wurde General von Seeckt ernannt, der seine Unzuverlässigkeit in der Stunde des Putsches unter Beweis gestellt hatte. Unter seiner Ägide entwickelte sich die Reichswehr der Weimarer Republik zu einem »Staat im Staate«.

Das den Gewerkschaften gegebene Versprechen, die bewaffneten Arbeiter im Ruhrgebiet nicht anzugreifen, wurde von der Regierung gebrochen. Anfang April 1920, kaum dass der Generalstreik beendet war, setzte sie gegen die »Rote Ruhrarmee« ausgerechnet jene Freikorpsverbände ein, die eben noch den Putsch unterstützt hatten. Der Publizist und spätere Friedensnobelpreisträger Carl von Ossietzky traf ins Schwarze: »Die Soldateska, die von Lüttwitz zu Seeckt hinübergewechselt hat, wirtschaftet ungestört weiter. Übergriffe schlimmster Art sind an der Tagesordnung. Arbeiter, die zur Verteidigung der Republik die Waffen erhoben haben, werden von Seeckts ›republikanischen Truppen‹ vor Standgerichte geschleppt.«

Ebenso wenig gehalten wurde das Versprechen, die für den Staatsstreich Verantwortlichen zu bestrafen. Die meisten Verschwörer konnten sich einer Verhaftung entziehen. Kapp setzte sich nach Schweden, Lüttwitz nach Ungarn, Pabst nach Österreich ab. Ludendorff, Bauer und Ehrhardt begaben sich nach Bayern, dessen rechte Regierung die schützende Hand über sie hielt. Verurteilt wegen Hochverrats wurde im Dezember 1921 nur ein einziger Beteiligter, Kapps Innenminister Jagow. Von seiner fünfjährigen Festungshaft musste er nur drei Jahre absitzen. Gegen Ludendorff, den Regisseur des Staatsstreichs, wurde nicht einmal Anklage erhoben.

So konnte er im November 1923 von München aus zum zweiten Marsch auf Berlin ansetzen, diesmal im Bunde mit dem aufstrebenden Lokalmatador der Rechten, Adolf Hitler. Der war schon im März 1920 nach Berlin geflogen in der Hoffnung, sich den neuen Herren als Mann für die Propaganda andienen zu können. Doch er kam zu spät; der Zusammenbruch des Putsches stand unmittelbar bevor. »So wie Sie aussehen und sprechen, lachen die Leute Sie aus«, will Pabst den Bierkellerdemagogen abgekanzelt haben.

Wie man sich irren kann.

 
Leser-Kommentare
  1. Entfernt, bitte bleiben Sie sachlich. Die Redaktion/ft

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • commie
    • 13.03.2010 um 14:56 Uhr

    Entfernt, bitte bleiben Sie sachlich. Die Redaktion/ft

    • commie
    • 13.03.2010 um 14:56 Uhr

    Entfernt, bitte bleiben Sie sachlich. Die Redaktion/ft

    • commie
    • 13.03.2010 um 14:56 Uhr

    Entfernt, bitte bleiben Sie sachlich. Die Redaktion/ft

    Antwort auf "Gegenrevolution...."
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    sind, wie man sieht, bei Ihnen -, und erfahrungsgemäß bei den Sozialisten, egal ob rote oder auch braune, stets reichlich vorhanden!

    sind, wie man sieht, bei Ihnen -, und erfahrungsgemäß bei den Sozialisten, egal ob rote oder auch braune, stets reichlich vorhanden!

  2. Jedoch unermüdlich, leider aber auch erfolgreich die ständigen Versuche den National Sozialismus - das Kuckucksei der freimaurerischen Linken - bei den Rechten anzusiedeln. Genauso übrigens verlogen, wie der deutschen Arbeiterschaft eine Führungsrolle zu zusprechen, welche es in der neu entstandenen Krummenrepublik bis heute niemals hatte - selbstverständlich auch unter Hitler nicht!

    • colca
    • 13.03.2010 um 15:48 Uhr

    Schon bei den Ereignissen des Kapp-Putsches zeigte es sich, dass die Sozialdemokraten im Zweifelsfall Angst vor der eigenen Courage haben und falsche Entscheidungen treffen.
    Hätte die Reichsregierung 1920 den Aufbau einer republikanischen, loyalen Reichswehr voran getrieben und die Putschisten vor Gericht gebracht, wäre das Land 13 Jahre später nicht wehrlos den Nazis in die Hände gefallen.
    Aber das war schon immer das Problem der Sozialdemokratie, wenn sie schon mal an der Macht ist - sie nutzt einfach ihre Chancen nicht.

    Eine Leser-Empfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Sie schreiben: "Schon bei den Ereignissen des Kapp-Putsches zeigte es sich, dass die Sozialdemokraten im Zweifelsfall Angst vor der eigenen Courage haben und falsche Entscheidungen treffen."

    Es ist schon merkwürdig: Immer wird sofort auf die SPD'ler eingehauen, obwohl sie so gut sie konnten - oft mehr schlecht als recht -, eingeengt durch ihre politischen wie individuell biographischen Macken die Republik ins Leben riefen und am Leben hielten, mit durchaus beachtlichen Erfolgen.

    Dass das gesamte Bürgertum naserümpfend beiseite stand, davon kein Wort.

    Sie schreiben: "Schon bei den Ereignissen des Kapp-Putsches zeigte es sich, dass die Sozialdemokraten im Zweifelsfall Angst vor der eigenen Courage haben und falsche Entscheidungen treffen."

    Es ist schon merkwürdig: Immer wird sofort auf die SPD'ler eingehauen, obwohl sie so gut sie konnten - oft mehr schlecht als recht -, eingeengt durch ihre politischen wie individuell biographischen Macken die Republik ins Leben riefen und am Leben hielten, mit durchaus beachtlichen Erfolgen.

    Dass das gesamte Bürgertum naserümpfend beiseite stand, davon kein Wort.

  3. sind, wie man sieht, bei Ihnen -, und erfahrungsgemäß bei den Sozialisten, egal ob rote oder auch braune, stets reichlich vorhanden!

    Antwort auf "Kamerrrrad!"
  4. Wir haben so viel Vergangenheitsbewältigung fabriziert, dass inzwischen jedes Kind den famosen Herrn H. kennt samt seiner Entourage bis zu seinen Hunden.

    Die Weimarer Republik dagegen blieb ein blinder Fleck, obwohl gerade während dieser Zeit entscheidende Weichenstellungen erfolgten, etwa die Einführung der 4jährigen Grundschule als Gesamtschule. Zwölf Verfassungsartikel sicherten Grundrechte der Jugend auf Schutz, Fürsorge und Bildung. Die Gewerkschaften wurden anerkannt, Arbeitsämter eingerichtet, die Angestellten- und Arbeitslosenversicherung gesetzlich geregelt.

    Die Forschung wurde gefördert. Die Zahl der Studenten stieg von 1928 bis 1932 von 109 118 auf 124 796. Die Wissenschaft hatte Weltniveau. Zwischen 1901 bis 1917 erhielt Deutschland 17% aller Nobelpreise, zwischen 1918 und 1932 dagegen 21%. Die Lufhansa wurde gegründet, erste Pläne für die Autobahn entstanden.

    Das Problem beshreibt die ZEIT so: "Mit klingendem Spiel, freudig begrüßt vom bürgerlichen Publikum, rückte die Brigade Ehrhardt in Berlin ein."

    Das Bürgertum stand naserümpfend abseits und wollte sich von den hergelaufenen, vater
    vaterlandslosen Gesellen in der SPD nicht regieren lassen, die ihm zudem noch einen Schustergesellen als Reichspräsidenten 'zumuteten'.

    Ich wünschte mir, die sich bürgerlich-liberal nennende ZEIT würde da in Zukunft ein Stück alternativer Vergangenheitsbewältigung und Wiedergutmachung leisten. Der vorstehende Artikel wäre ein guter Anfang.

    Eine Leser-Empfehlung
  5. Sie schreiben: "Schon bei den Ereignissen des Kapp-Putsches zeigte es sich, dass die Sozialdemokraten im Zweifelsfall Angst vor der eigenen Courage haben und falsche Entscheidungen treffen."

    Es ist schon merkwürdig: Immer wird sofort auf die SPD'ler eingehauen, obwohl sie so gut sie konnten - oft mehr schlecht als recht -, eingeengt durch ihre politischen wie individuell biographischen Macken die Republik ins Leben riefen und am Leben hielten, mit durchaus beachtlichen Erfolgen.

    Dass das gesamte Bürgertum naserümpfend beiseite stand, davon kein Wort.

    Antwort auf "Sozialdemokraten"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service