Zinédine Zidane hatte bei seinem allerletzten Spiel im WM-Finale 2006 gegen Italien den Italiener Marco Materazzi mit einem Kopfstoß niedergestreckt, da dieser ihm allerlei Unfeines über seine Mutter und Schwester zugeraunt haben soll © Peter Schols/AFP/Getty Images

Als das Fechten und das Schießen der besseren Stände immer weniger Anhänger fanden, klagten die Duellbefürworter sehr hellsichtig, nun zeige der Kapitalismus sein hässliches Gesicht. Er fege alle Tradition hinweg. Schließlich vermochte, wer sein Leben aufs Spiel setzte, mit etwas Pech nicht mehr frisch rasiert sein Tagwerk zu verrichten. Heute ist uns der Begriff der Ehre, die beim Duell wiederhergestellt werden soll, etwas fremd geworden. Dass sich die Herren von Welt noch vor hundert Jahren ihres gesellschaftlichen Ansehens mit Waffengewalt versicherten – ein Verfahren, das außerhalb staatlicher Gesetze und ökonomischer Notwendigkeiten stand –, scheint bestenfalls kurios. Heute sagen wir vielleicht noch, es sei »Ehrensache«, wenn wir einem Freund beim lästigen Umzug helfen, oder sprechen vom »Ehrenamt«, wenn wir entgeltlos Alte durch den Park schieben. Wir lesen in der Zeitung von »Ehrenmorden«. Aber all das hat nur wenig, eigentlich gar nichts, mit dem ganz feinen, hochzivilen Gespür für die Verletzung des Ansehens gemein, das man einst zur Konfliktbewältigung entwickelt hatte. In Wahrheit endeten Duelle ja so gut wie nie tödlich, es ging vor allem darum, einen Ritus auszutragen, der weitaus blutrünstigere Gewalt verhinderte.

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Ganz in diesem Sinne sprach jüngst der ehemalige französische Nationalspieler Zinédine Zidane von Ehre. Er hatte bei seinem allerletzten Spiel im WM-Finale 2006 gegen Italien den Italiener Marco Materazzi mit einem Kopfstoß niedergestreckt, da dieser ihm allerlei Unfeines über seine Mutter und Schwester zugeraunt haben soll. Bei dem Italiener hat sich Zidane bis heute nicht entschuldigt. Gerade erklärte er der spanischen Zeitung El País: »Das würde mich entehren. Lieber würde ich sterben.«

Man sieht sogleich, wie es heute jenen ergeht, die zwar ein althergebrachtes Gespür für Ehrverletzung haben, diese aber nicht mehr aus der Welt schaffen können. Einst traf man sich nach einer Beleidigung im Wald, meist nur, um aneinander vorbeizuschießen und sich dann freudig die Hand zu geben. Heute ist eine derartige Wiederherstellung der Ehre verpönt. In einer satisfaktionsunfähigen Gesellschaft bleiben die Gegner, die noch auf Stolz und Ehre setzen, unversöhnlich, bleibt die Verletzung ungesühnt, der Konflikt unbewältigt. Stolz darf man heute, um des Friedens willen, gar nicht erst auf sich sein.