Gesundheitspolitik Hier operiert der Minister

Die Regierung will das Gesundheitswesen von Grund auf reformieren. Dabei kann die FDP beweisen, dass sie keine Partei des sozialen Kahlschlags ist

Der Raum hat etwas von einem Aquarium. Zwei der vier Wände des Großen Saals in der Vertretung des Landes Niedersachsen in Berlin sind aus Glas. Wer hier unbeobachtet tagen will, muss die Jalousien runterlassen und das Licht anknipsen.

Für den Mittwochnachmittag kommender Woche allerdings sind Fotografen und Kamerateams ausdrücklich erwünscht. Um 15 Uhr wird Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) dort das halbe Kabinett versammeln, um in einer Reformkommission zu beraten. Am Ende soll ein Vorschlag für eine andere Finanzierung der Gesundheitskosten stehen: Was die Krankenkassen von ihren Mitgliedern pro Monat als Beitrag bekommen, soll weniger als heute vom Einkommen abhängen.

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Wer viel verdient, zahlt viel ein ins Solidarsystem, auch wenn am Ende alle Kassenpatienten Anspruch auf die gleichen Leistungen haben – so lautet bisher die Grundidee des Solidarsystems. Röslers Kommission soll Lösungen für die Frage finden, ob und wie ein Teil des lohnbezogenen Kassenbeitrags durch eine für alle Versicherten einheitliche Prämie ersetzt werden kann. Das Ziel steht im Koalitionsvertrag, Einzelheiten stehen nicht darin. Die Prämie könnte theoretisch, je nach Modell, beispielsweise bei 20, 50 oder auch 150 Euro liegen, der alte Kassenbeitrag fiele niedriger aus. In jedem Fall stünde am Ende eine riesige Umverteilungsaktion, die mehr als 70 Millionen gesetzlich Versicherte beträfe. Deshalb gilt das Vorhaben als so wichtig, dass sich hochrangige Minister persönlich mit dem geplanten Umbau beschäftigen müssen.

Eingeladen sind unter anderem die Minister Wolfgang Schäuble (Finanzen), Ursula von der Leyen (Arbeit), Thomas de Maizière (Innen), Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (Justiz) und Rainer Brüderle (Wirtschaft). Schon jetzt reden einige in der Berliner FDP sehnsüchtig über die Fernsehbilder: Rösler, der lauter wichtige, harmonisch an einer Großreform arbeitende Minister lenkt – endlich mal was anderes als das verzankte schwarz-gelbe Regierungsgeschäft.

Zum Start der Kommission haben sich die Regierungsparteien deshalb eine Art gesundheitspolitischen Waffenstillstand verordnet: Prämie ja, aber vorläufig nur als kleine Ergänzung zum bestehenden Beitragssystem – so ungefähr lautet die Verabredung von CDU, CSU und FDP mit Blick auf die bevorstehende Landtagswahl in NRW. Geht die verloren und damit auch die Mehrheit im Bundesrat, kann die Regierung das Projekt Prämie ohnehin vergessen. Vorsichtshalber wird sich die Kommission deshalb zunächst mit der Beschreibung der Ausgangslage beschäftigen – und den steigenden Kosten, wenn nichts geschieht. Es gilt, einerseits Reformbereitschaft zu wecken und andererseits hässliche Schlagzeilen zu vermeiden. Deshalb wird es konkrete Zahlen zu verschiedenen Varianten einer Prämie wohl erst nach den Wahlen in NRW geben.

Bei allem Streit darüber, ob die Prämie überhaupt der richtige Weg ist – eines verbindet zumindest die Gesundheitspolitiker der Koalition: Vor der Reform und der Abneigung der Wähler gegen den geplanten Umbau haben alle größten Respekt. Dabei ist gar nicht ausgemacht, dass ein allmählicher Einstieg in eine andere Gesundheitsfinanzierung die Bürger besonders erregt. Die ersten Reaktionen auf die neuen Zusatzbeiträge einiger Krankenkassen, eine Mini-Ausgabe der geplanten Einheitsprämie, sind moderat ausgefallen. Vielleicht laufe es ja so glimpflich wie bei der Erhöhung der Mehrwertsteuer vor vier Jahren, heißt es inzwischen im Kanzleramt – auch da habe man sich auf eine Wutwelle eingestellt, aber kaum etwas geschah.

So weit das positive Szenario. Genauso verbreitet ist in der Koalition allerdings auch der Vergleich mit der Hartz-Reform. Vor allem in der Union warnen einige, die Gesundheitsprämie werde »unser Hartz IV«, und raunen dazu, von der Reform der Arbeitslosenversicherung seien nur sieben Millionen Menschen betroffen gewesen, bei der Prämie würden es 70 Millionen sein.

Leser-Kommentare
    • Chali
    • 12.03.2010 um 7:21 Uhr

    "Dabei kann die FDP beweisen, dass sie keine Partei des sozialen Kahlschlags ist"
    Aber das (besonders von seinen Freunden in der Finanz-Industrie) gepriese Vorbild Walter Riester ist doch in der Partei des sozialen Kahlschlags?!?

    Oder ist er aus der SPD ausgetreten? Wie Clement? Habe ich was verpasst?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • keox
    • 12.03.2010 um 19:43 Uhr

    "Während FDP-Politiker wie Guido Westerwelle oder die Fraktionschefin Birgit Homburger vor allem durch die Ära Kohl geprägt wurden, ist das Referenzsystem der Jungen Gerhard Schröder mit seiner Agenda 2010."

    Da ist was dran. Der Gas-Gerd, der Müntefering, der Clement, Steinmeier, Kahrs, Steinbrück, Nahles,...kurz: die ganze 'obere Etage' haben astreine fdp-Politik betrieben.

    Zurück zum Thema.

    Das ganze läuft ja unter der Rubrik: Entlastung der so genannten Lohnnebenkosten (LNK). Nun sind die LNK aber logischerweise Bestandteil des Lohnes, sie werden schließlich nur für den je Beschäftigten gezahlt.

    Das heißt, die geforderte Senkung der LNK bedeutet nix anders als die Senkung des Lohnes, 'Arbeit muß billiger werden'.

    Das ist eine Umverteilung von unten nach oben.

    Ganz abgesehen davon, daß sich das keine vernunftbegabte Bevölkerung gefallen lassen dürfte, zerstört es auch die die zartesten Blüten einer funktionierenden Volkswirtschaft.

    • keox
    • 12.03.2010 um 19:43 Uhr

    "Während FDP-Politiker wie Guido Westerwelle oder die Fraktionschefin Birgit Homburger vor allem durch die Ära Kohl geprägt wurden, ist das Referenzsystem der Jungen Gerhard Schröder mit seiner Agenda 2010."

    Da ist was dran. Der Gas-Gerd, der Müntefering, der Clement, Steinmeier, Kahrs, Steinbrück, Nahles,...kurz: die ganze 'obere Etage' haben astreine fdp-Politik betrieben.

    Zurück zum Thema.

    Das ganze läuft ja unter der Rubrik: Entlastung der so genannten Lohnnebenkosten (LNK). Nun sind die LNK aber logischerweise Bestandteil des Lohnes, sie werden schließlich nur für den je Beschäftigten gezahlt.

    Das heißt, die geforderte Senkung der LNK bedeutet nix anders als die Senkung des Lohnes, 'Arbeit muß billiger werden'.

    Das ist eine Umverteilung von unten nach oben.

    Ganz abgesehen davon, daß sich das keine vernunftbegabte Bevölkerung gefallen lassen dürfte, zerstört es auch die die zartesten Blüten einer funktionierenden Volkswirtschaft.

  1. Vermutlich wird die FDP der Pharmaindustrie einige Zugeständnisse abhandeln, um wenigstens noch eine Minichance für die mausetote Kopfpauschale zu haben.

    Vieleicht macht die FDP aber auch nur dicke Backen bis zur nächsten Großspende.

    Wer dieser Mövenpickpartei noch glaubt, hat auch sonst mentale Probleme.

  2. Die FDP hat nicht den Anschein sozialer Kälte, sie ist selbst die soziale Kälte schlechthin. Ebenso sind die maßlosen Gewinne der Gesundheits - u. Pharmaindustrie kein Naturgesetz sondern ein Produkt übersteigerter Gier. Nur 10% für Forschung aber über 30% für Marketing. Dann noch beklagen, dass die Forschung ja sooo teuer ist. Medikamente die schon lange auf dem Markt sind, nach Ansicht der Pharmaindustrie aber zu billig verkauft werden, bekommen einige Vitamine hinzugesetzt und einen neuen Namen um sie dann zum mindestens vierfachen Preis zu verkaufen. Der Wissenschaftler, der dies festgestellt hat, dessen Vertrag wird auf "Anordnung" der Pharmalobbyisten nicht mehr verlängert. Davon bin ich überzeugt. (Nachzulesen in den diversen Veröffentlichungen der Medien). Ebenso ist die geplante Kopfpauschale sowie der Gesundheitsfond, der Irrsinn des Jahres. Ich bin gerne bereit, einen höheren Betrag zu leisten. Jedoch nur, wenn dieser z.B. dem Pflegepersonal, Krankenschwestern usw. zugute kommt und nicht anderen Gierheinis die ohnehin schon genug
    haben.

    • T810
    • 12.03.2010 um 8:22 Uhr

    Nur ein Land mit freien Ärzten hat das Recht, zu behaupten, daß es sich an christlich-abendländischen Grundwerten orientiert....
    „….. Über „Ehrenberg“, „Geißler“, „Blüm“, „Seehofer“und zuletzt über „Ulla Schmidt“ und ihren Staatssekretär „Lauterbach“ erfolgte die mittlerweile „fast perfekt gelungene Entmündigung“ der Ärzte, entstand der wirtschaftliche Niedergang der Arztpraxen und die völlige Umstrukturierung des einst blühenden deutschen Gesundheitswesens hin zu planwirtschaftlichen, politisch zentral aus Berlin gesteuerten und dort erlassenen Gesetzen und Vorschriften, mit denen man den einst freien Arzt immer mehr zum Erfüllungsgehilfen degradierte von politischen Strömungen mit irrsinnigen und offensichtlich völlig jede „alte Ethik“ und „Wertvorstellung“ zerstörenden Gängelungen von Arzt und Patient.
    Bei der Gesundheitspolitik geht es nicht um irgendwelche Einzelinteressen, sondern um das grundsätzliche Prinzip, daß jedes Menschenleben heilig ist und daß jede Gesellschaft dieses Prinzip verteidigen muß, will sie nicht in die Barbarei abstürzen. Mit einer Konkursreorganisation des bankrotten Bankensystems und Staatskredit für die Produktion können wieder Millionen neuer, gut bezahlter Arbeitsplätze entstehen, das Steuereinkommen dramatisch steigen. Dann können auch unsere früher hervorragenden Sozialsysteme wieder funktionieren. Es ist eine Frage des politischen Willens, sich für das Gemeinwohl zu entscheiden.
    Gefunden bei: http://bueso.de/node/8108

    • lepkeb
    • 12.03.2010 um 8:27 Uhr

    "Deshalb wird es konkrete Zahlen zu verschiedenen Varianten einer Prämie wohl erst nach den Wahlen in NRW geben."

    Und wir fangen das dumme Wahlvieh wieder ein. Es hat ja auch mit "Mehr Netto vom Brutto" funktioniert.

    "Vielleicht laufe es ja so glimpflich wie bei der Erhöhung der Mehrwertsteuer vor vier Jahren, heißt es inzwischen im Kanzleramt"
    Das läuft nur glimplich ab, wenn der industrielle Komplex nach den Wahlen in NRW nicht mit massiven Stellenabbau in West- und Süd-land anfängt, was aber zu befürchtten ist.

  3. Klar kann man immer noch weiter optimieren, aber ich denke nicht, das wir zu viel für unser Gesundheitssystem zahlen.

    Wenns ums Sparen geht, bitte woanders!

  4. "Dabei kann die FDP beweisen, dass sie keine Partei des sozialen Kahlschlags ist"

    man hätte auch "könnte" schreiben können. "kann" klingt wie "wird", aber schon die idee der kopfpauschale ist teil des sozialen kahlschlags. die durch die sprachverdreher in der politik sensibilisierten ahnen nun, zu wessen stall die zeit gehört. die anderen werden sanft vorbereitet.

  5. Ist die zentrale Aussage des Artikels. Genau das will die FDP mit der Kopfpauschale. Und zwar von unten nach oben.

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