Inflation Unter DruckSeite 3/3
In diesen beiden Lagern wird so unterschiedlich gedacht, dass ihnen ein Kunststück gelingt: Keynesianer wie Monetaristen geben zwar zu, dass im Augenblick nichts von einer Inflation zu sehen ist – aber sie ziehen das beide zur Rechtfertigung ihrer Position heran.
Keine Inflation? Für Keynesianer ist das ein Zeichen dafür, dass das Wirtschaftswachstum nicht vom Fleck kommt, dass die Lager voll sind und die Arbeitslosigkeit hoch ist. Da könne also gar keine Inflation entstehen, weil sich Lohn- oder Preiserhöhungen kaum durchsetzen lassen.
Monetaristen sehen das anders. Für sie ist die Wirtschaft offensichtlich krank, sie steckt in einer Strukturkrise. Die angebotenen Produkte passen nicht zur Nachfrage und die Arbeitsplätze nicht zu den Qualifikationen der Bewerber. In einem solchen Umfeld kann die Wirtschaft sich besonders schnell überhitzen. Dann erlebt man Arbeitslosigkeit und hohe Preis- und Lohnsteigerungen zugleich, so wie in den siebziger Jahren.
Bald schlagen die hohen Preise aus den Schwellenländern bei uns durch
Der Ökonomenstreit wird so bald nicht beigelegt werden – doch in der Zwischenzeit geschieht etwas ganz anderes. Ein zusätzlicher Inflationstreiber ist aufgetreten, und er ist real und messbar. In einigen Teilen der Welt steigen die Preise: für Öl und Gas und bestimmte Erze, die Löhne guter Facharbeiter und die Kosten für den Bau neuer Fabriken. Diese Entwicklung geht nicht von den reichen Ländern des Westens aus, sondern von Schwellenländern wie China und Brasilien. Sie sind erstaunlich gut durch die Krise gekommen, und ihre anziehende Konjunktur lässt viele Dinge knapp werden. Spekulanten tun ihren Teil dazu. In Schwellenländern treten die ersten preistreibenden Blasen auf.
»Energie, Lebensmittel, Rohstoffe – oft steigen die Preise für solche Dinge sehr sprunghaft an«, sagt Willi Semmler, ein Ökonom an der New School University in New York. Früher oder später könnten diese höheren Preise auch bei uns im Westen durchschlagen, und in einigen Sektoren tun sie es bereits. »Inzwischen sind die Rohstoffpreise wieder deutlich angezogen«, warnte Mitte Februar fast beiläufig die Deutsche Bank, als sie den Wert von Chemie-Aktien abklopfte. »Die Chemische Industrie in Deutschland ist davon besonders betroffen, da sie einen breiten Rohstoffmix zur Herstellung ihrer Produkte benötigt und von Importen abhängig ist.«
Man verdrängt es allzu leicht: Die lange Phase der Stabilität und der niedrigen Inflation, die von den achtziger Jahren an die Weltwirtschaft zu Höchstleistungen anspornte, hatte auch viel mit Glück zu tun. Es gab günstiges Öl und Gas. Unternehmer erschlossen Jahr für Jahr neue Billigstandorte und sparten damit Kosten. Auch die Computerrevolution half Kosten sparen. All diese Tricks aber, warnen viele Ökonomen, seien bald ausgereizt. Dann müssten Produktivitätsfortschritte wieder härter erarbeitet werden, und die Gefahr wirtschaftlicher Überhitzung steige.
Mit anderen Worten: Wenn uns nichts Neues einfällt, wird es ab sofort viel schwieriger, den Wert des Geldes zu bewahren.
- Datum 15.03.2010 - 10:43 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 11.03.2010 Nr. 11
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