Marina Abramović wohnt in einem großen Loft im New Yorker Stadtteil Soho. Sie hat die Etage kurz nach dem 11. September 2001 gekauft, es sei ein Schnäppchen gewesen, niemand wollte damals so nah an Ground Zero wohnen. Es gibt eine Sitzecke mit gleich mehreren Sofas und Sesseln. Abramović wählt zunächst ein kleines, entscheidet sich dann doch für das ganz große Sofa mit der Liege und wickelt sich in eine Decke ein.

Marina Abramović: Kommen Sie, hier ist es schön gemütlich.

DIE ZEIT: Für Ihre Performances peitschen Sie sich aus, ritzen sich in die Haut, legen sich auf Eis

Abramović: Sie haben recht, meine Arbeit ist ziemlich ungemütlich. Manchmal sogar sehr ungemütlich. Meine nächste Performance heißt Der Künstler ist anwesend . So lautet auch der Titel meiner Retrospektive im Museum of Modern Art. Drei Monate lang werde ich dort anwesend sein, die gesamte Dauer der Ausstellung. Ich werde sechshundert Stunden lang im Museum sitzen. Da hinten steht der Holzstuhl, auf dem ich ausharren werde, ich trainiere schon darauf. Obwohl man für eine so lange Performance eigentlich nicht trainieren kann.

ZEIT: Warum müssen Sie da sitzen?

Abramović: Es geht um die pure Präsenz. Ich sitze an einem kleinen Tisch, der Stuhl mir gegenüber ist leer, jeder kann sich dort hinsetzen und mir in die Augen schauen, so lang wie er will, drei Minuten oder drei Stunden. Es wird nur den Blick geben. Ich werde nicht reden, ich werde mich nicht bewegen und noch nicht mal aufs Klo gehen. Schauen Sie, hier unter der Sitzfläche dieses Stuhls gibt es eine Klappe und darunter eine Plastikschüssel, für den Fall, dass ich pinkeln muss.

ZEIT: Das hört sich nach Selbstkasteiung an.

Abramović: Mein Leben wird dem in einem militärischen Drill-Lager ähneln. Ich werde immer zur selben Zeit aufstehen müssen, eine genau abgestimmte Menge Essen zu mir nehmen, verdauen und dann ins Museum gehen, dort stundenlang sitzen, und am nächsten Tag beginnt das Spiel von vorn. Ich werde drei Monate lang tagsüber nicht sprechen, keine Handys oder Computer benutzen. Ich werde mitten in New York in Klausur gehen.

ZEIT: In einer auf Video dokumentierten Performance aus dem Jahr 1975 bürsten Sie sich Ihr Haar so hart und heftig, dass man beim Zusehen den Schmerz spürt. Dazu wiederholten Sie immer wieder: »Kunst muss schön sein.« Heißt das: Kunst muss wehtun?

Abramović: Diese Performance war ein Protest gegen das damals noch herrschende Schönheitsdiktat in der Kunst. Ich war es einfach satt, dass Gemälde zum Teppich und Sofa passen sollten. Ein Kunstwerk sollte nie einfach nur schön, aber auch nicht nur politisch oder schmerzvoll sein, sondern verschiedene Facetten haben.