ZEIT: Wenn Sie sich harten Situationen aussetzen und sich schlagen, leiden Sie dann für den Betrachter oder für sich selbst?

Abramović: Es geht nicht ums Leiden. Es geht darum, die eigenen Ängste zu verstehen und sie zu überwinden. Jeder von uns hat Angst vorm Sterben und vorm Schmerz. Ich setze mich bewusst der Gefahr und dem Schmerz aus, ich führe das Leiden auf und überwinde durch diese Aufführsituation meine Ängste. Und dann funktioniere ich wie ein Spiegel: Wenn ich diese Schmerzen überwinden kann, können es die Betrachter in ihrem eigenen Leben auch.

ZEIT: Es tut nicht weh, wenn Sie sich einen großen Stern in die Haut ritzen und dann einen heißen Föhn auf die Wunde halten?

Abramović: Ich habe nie gelitten während meiner Performances, sondern reines Glück verspürt. Der Schmerz ist nur eine Tür, hinter der dieses Geheimnis verborgen ist. In allen Kulturen gibt es Rituale, die extrem brutal mit dem Körper umgehen. Es geht in diesen Ritualen um die Aufspaltung von Körper und Geist, und es ist erstaunlich, wie umfassend wir unseren Körper kontrollieren können. Wir im Westen nutzen diese Möglichkeiten nur nicht. Statt durch Telepathie zu kommunizieren, benutzen wir teure Handys.

ZEIT: Sie beherrschen die Telepathie?

Abramović: Ja, mit einigen Menschen. Jeder kann das! Das lernt man innerhalb von vier Jahren.

ZEIT: Verraten Sie mir, wo?

Abramović: Ich musste es nicht einmal wirklich lernen, bei mir stellte sich dieses Phänomen ein, als ich bei den Aborigines in Australien lebte. Es gibt so vieles, was wir mit unseren Körpern machen könnten. Technische Geräte wurden erfunden, damit wir mehr Freizeit haben. Und was ist passiert? Wir wurden zu Sklaven der Technik! Es ist gruselig. Das Internet ist die größte Falle. Tagsüber beantwortet man die ganzen E-Mails, und abends sind da schon wieder mehr neue Mails im Postfach als man selbst je geschrieben hat. Man zappt sich nur noch durchs Leben. Und das Leben wird kürzer. Deshalb soll meine Kunst langsamer werden.

ZEIT: Sie meinen, der Slow Art gehört die Zukunft?

Abramović: Viel zu viele Künstler geben sich nur noch mit kurzen Aufmerksamkeitsspannen zufrieden. Das führt ins Nichts. Man muss die Bewegungen reduzieren und auf die Stille setzen. So habe ich das schon 2002 in meiner Performance The House with the Ocean View gemacht. Ich habe zwölf Tage in einer Galerie, in einem Bühnenbild vor Publikum gelebt und nichts gegessen. Da fingen Menschen an, mir plötzlich drei Stunden zuzusehen. Manche von ihnen kamen jeden Tag wieder, schauten mir immer länger zu, obwohl diese Performance so statisch war. Und das in einer Stadt wie New York, wo man normalerweise nicht einmal drei Minuten irgendwo stehen bleibt. Die Leute fühlten sich plötzlich leicht und stressfrei, wenn sie mir stundenlang beim Nichtstun zusahen. Manche fingen regelmäßig an zu weinen. Die lange Dauer hat einen unglaublichen Effekt auf mich und die Betrachter. Solche ausgedehnten Performances sind die bewegendsten Kunstwerke, die es gibt. Man hört auf, sich zu verstellen, zu schauspielern. Die Kunst wird sehr echt, sehr wahr. Das ist nichts für Scharlatane. Ich gründe übrigens gerade ein Institut, das Marina-Abramović-Institut in Upstate New York. Alles, was dort aufgeführt wird, muss mindestens sechs Stunden dauern. Dieses Institut soll auch eine Schule für die Öffentlichkeit sein. Die Kunstinteressierten sollen hier lernen, wie man mit langwieriger Kunst umgeht. Für die Zuschauer will ich spezielle Stühle entwickeln, die man in Liegen verwandeln kann, auf denen man schlafen und essen kann. Auch für das Klo-Problem werde ich eine Lösung finden. Die Besucher müssen dann nicht mehr aufstehen. Sie können in der Kunst einschlafen und aufwachen.

ZEIT: Normalerweise verweilen Museumsbesucher nur noch wenige Sekunden vor einem Bild.

Abramović: In meinem Institut wird das nicht funktionieren! Ich habe im vergangenen Sommer eine Ausstellung in Manchester kuratiert, in der mussten die Besucher einen Entschleunigungs-Drill durchlaufen und einen Vertrag unterschreiben, dass sie vier Stunden lang im Museum verweilen würden. Nach den vier Stunden bekamen sie dann ein Zertifikat über die bestandene Leistung.