Gab es eine Liebe zu dritt zwischen Johann Wolfgang von Goethe, Charlotte von Stein und Anna Amalia? © Hulton Archive/Getty Images

Als Ettore Ghibellino 2003 mit der These einer »verbotenen Liebe« zwischen Goethe und Herzogin Anna Amalia aufwartete, war das die Goethe-Sensation des Jahres. Das Buch wurde zu einer Art wissenschaftlichem Bestseller (sofern da von Wissenschaft geredet werden konnte), während die Goethe-Forscher den Kopf schüttelten, erst eher belustigt, dann mehr und mehr verärgert, als das Buch von Auflage zu Auflage eilte und der Autor mit seiner Fangemeinde immer lautstärkere Resonanz fand: eine Art germanistisches Pendant zu Dan Browns The Da Vinci Code und seiner Erfolgsgeschichte. Irgendeinen schlüssigen Quellenbeleg für seine These konnte Ghibellino nicht beibringen und trotzdem ein ziemlich mühsam zu lesendes Buch darüber schreiben.

Nun greift ein sehr viel respektablerer und eleganter schreibender Autor Ghibellinos These auf, ohne ihren Urheber freilich direkt der Beachtung zu würdigen. Es handelt sich um Norbert Leitholds Biografie des Grafen Johann Eustachius Goertz, des Erziehers von Karl August von Sachsen-Weimar und späteren Diplomaten in preußischen Diensten. Er bildete mit seiner Frau Karoline und der Gräfin Gianini den harten Kern der erbitterten Goethe-Feinde und notorischen Lästermäuler am weimarischen Hofe. Ihre ätzenden Sottisen über den von Goethe charismatisch dominierten Musenhof nimmt Leithold gern für bare Münze, um das schönfärbende Bild der Weimarer Klassik in der etablierten Forschung infrage zu stellen.

Ghibellinos törichter Behauptung, Goethes große Liebe habe nicht Charlotte von Stein, sondern der Herzoginmutter Anna Amalia gegolten, Frau von Stein sei nur eine Strohfrau gewesen, die von den Liebenden aus Gründen der Etikette vorgeschoben werden musste, mithin die »Briefkasten«-Adressatin der eigentlich an Anna Amalia gerichteten Briefe und Liebesgedichte, folgt Leithold freilich nicht ohne Weiteres. Seine These lautet vielmehr, zwischen Goethe, der Herzoginmutter und Frau von Stein habe eine »Liebe zu dritt« bestanden. Einen überzeugenden dokumentarischen Beleg kann er dafür kaum mehr als Ghibellino für seine These beibringen. Kein Wunder aus seiner Sicht, denn erstens hielt man in höfischen Kreisen auf die »Dehors«, auf Etikette und Diskretion, zweitens sind die wirklich aussagekräftigen Quellen, so mutmaßt Leithold, seinerzeit vernichtet worden, und drittens will die Mafia der offiziellen Goethe-Forschung davon nichts wissen, um sich ihr harmonisches Bild des Weimarer Musenhofs nicht stören zu lassen.

Deshalb muss Leithold auf vermeintliche Indizienbeweise setzen. So fertigt er anhand von Goethes Tagebuch eine Strichliste seiner jeweiligen Besuche bei Anna Amalia und Charlotte an oder markiert im Tagebuch sein Zusammensein mit ihnen farbig, und da geht es dann sehr bunt zu, was der Verfasser für einen Beweis hält. Wenn es bei Goethe etwa heißt: »Stein angekommen – mit ihr zu Nacht gessen«, was sich nach dem Sprachgebrauch der Zeit einfach aufs Abendessen bezieht, werden aus der »Nacht« weitreichende erotische Konsequenzen gezogen. Goethe, der »Popstar«, der »Talkmaster«, der so schöne »Events« am Hofe zu veranstalten wusste – da musste man sich doch einfach hinlegen, auch wenn man eine Herzogin und erst recht, wenn man nur eine Hofdame war.