Goethe und die Frauen Wer liebte wen am Weimarer Hof?
Über die Beziehung zwischen Goethe und Frau von Stein wird seit 250 Jahren gerätselt. Norbert Leithold hat in seinem neuen Buch »Graf Goertz. Der große Unbekannte« einen Briefwechsel veröffentlicht, der auf die Verhältnisse am Weimarer Musenhof ein neues Licht werfen könnte: War auch die Herzoginmutter Anna Amalia Teil des Liebesreigens? Zwei Einschätzungen
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Gab es eine Liebe zu dritt zwischen Johann Wolfgang von Goethe, Charlotte von Stein und Anna Amalia?
Als Ettore Ghibellino 2003 mit der These einer »verbotenen Liebe« zwischen Goethe und Herzogin Anna Amalia aufwartete, war das die Goethe-Sensation des Jahres. Das Buch wurde zu einer Art wissenschaftlichem Bestseller (sofern da von Wissenschaft geredet werden konnte), während die Goethe-Forscher den Kopf schüttelten, erst eher belustigt, dann mehr und mehr verärgert, als das Buch von Auflage zu Auflage eilte und der Autor mit seiner Fangemeinde immer lautstärkere Resonanz fand: eine Art germanistisches Pendant zu Dan Browns The Da Vinci Code und seiner Erfolgsgeschichte. Irgendeinen schlüssigen Quellenbeleg für seine These konnte Ghibellino nicht beibringen und trotzdem ein ziemlich mühsam zu lesendes Buch darüber schreiben.
Nun greift ein sehr viel respektablerer und eleganter schreibender Autor Ghibellinos These auf, ohne ihren Urheber freilich direkt der Beachtung zu würdigen. Es handelt sich um Norbert Leitholds Biografie des Grafen Johann Eustachius Goertz, des Erziehers von Karl August von Sachsen-Weimar und späteren Diplomaten in preußischen Diensten. Er bildete mit seiner Frau Karoline und der Gräfin Gianini den harten Kern der erbitterten Goethe-Feinde und notorischen Lästermäuler am weimarischen Hofe. Ihre ätzenden Sottisen über den von Goethe charismatisch dominierten Musenhof nimmt Leithold gern für bare Münze, um das schönfärbende Bild der Weimarer Klassik in der etablierten Forschung infrage zu stellen.
- Lebens-Rätsel
1775 kam Goethe an den Hof von Weimar. Dort hatte gerade der junge Herzog Karl August sein Amt angetreten. Aber auch die Herzogin Mutter Anna Amalia war ein Goethe-Fan und hatte bereits mit Christoph Martin Wieland den Grundstock für ihren sogenannten Musenhof gelegt. Eine dunkle Stelle in der Erforschung von Goethes Biografie bleibt sein Verhältnis zu Charlotte von Stein. Von dem umfangreichen Briefwechsel zwischen beiden sind nur Goethes Briefe erhalten, die ihren ließ Charlotte von Stein vernichten. Wer Goethes Briefe an Charlotte von Stein heute liest, stößt auf tausend Ungereimtheiten. Grund genug seit je für tausend Spekulationen. Norbert Leithold hat nun für seine Goertz-Biographie den Briefwechsel des Grafen mit seiner Frau ausgewertet und stellt die These einer »Liebe zu dritt« zwischen Goethe, Charlotte von Stein und Anna Amalia auf. Was ist davon zu halten? Wir baten zwei Experten um ihre Antwort.
Ghibellinos törichter Behauptung, Goethes große Liebe habe nicht Charlotte von Stein, sondern der Herzoginmutter Anna Amalia gegolten, Frau von Stein sei nur eine Strohfrau gewesen, die von den Liebenden aus Gründen der Etikette vorgeschoben werden musste, mithin die »Briefkasten«-Adressatin der eigentlich an Anna Amalia gerichteten Briefe und Liebesgedichte, folgt Leithold freilich nicht ohne Weiteres. Seine These lautet vielmehr, zwischen Goethe, der Herzoginmutter und Frau von Stein habe eine »Liebe zu dritt« bestanden. Einen überzeugenden dokumentarischen Beleg kann er dafür kaum mehr als Ghibellino für seine These beibringen. Kein Wunder aus seiner Sicht, denn erstens hielt man in höfischen Kreisen auf die »Dehors«, auf Etikette und Diskretion, zweitens sind die wirklich aussagekräftigen Quellen, so mutmaßt Leithold, seinerzeit vernichtet worden, und drittens will die Mafia der offiziellen Goethe-Forschung davon nichts wissen, um sich ihr harmonisches Bild des Weimarer Musenhofs nicht stören zu lassen.
Deshalb muss Leithold auf vermeintliche Indizienbeweise setzen. So fertigt er anhand von Goethes Tagebuch eine Strichliste seiner jeweiligen Besuche bei Anna Amalia und Charlotte an oder markiert im Tagebuch sein Zusammensein mit ihnen farbig, und da geht es dann sehr bunt zu, was der Verfasser für einen Beweis hält. Wenn es bei Goethe etwa heißt: »Stein angekommen – mit ihr zu Nacht gessen«, was sich nach dem Sprachgebrauch der Zeit einfach aufs Abendessen bezieht, werden aus der »Nacht« weitreichende erotische Konsequenzen gezogen. Goethe, der »Popstar«, der »Talkmaster«, der so schöne »Events« am Hofe zu veranstalten wusste – da musste man sich doch einfach hinlegen, auch wenn man eine Herzogin und erst recht, wenn man nur eine Hofdame war.
Da die Korrespondenz der höfischen Aristokratie weithin französisch geführt wurde, heuerte Leithold drei Übersetzerinnen an. Im Falle der angeblichen Goetheschen Dreiecksbeziehung handelt es sich freilich um eine sehr schmale Quellenbasis, auf die er sich stützen kann, und es sind immer wieder dieselben Zitate, die wie gepresste Zitronen mehrfach ausgedrückt werden. Zumindest eines der vermeintlich beweiskräftigsten Quellenzitate, das wiederholt hin und her gewendet wird, hat Leithold jedoch in seiner ganzen Holprigkeit ohne Quellenangabe wörtlich von Ghibellino übernommen – mitsamt einem gravierenden (längst bemerkten) Übersetzungsfehler. Da schreibt die Klatschbase Gianini, welcher Anna Amalia, Charlotte wie Goethe gleichermaßen verhasst waren, an ihre Busenfreundin Karoline von Goertz – angeblich: »Goethe drechselt immer noch an der vollkommenen Liebe und die arme Frau von Stein, dümmer gab es noch keine, erträgt geduldig das Geschwätz in der Öffentlichkeit und von Herrn Goethe und die üblen Launen seiner Frau.« Seiner Frau? Natürlich Anna Amalia – meinen Ghibellino und offenbar auch Leithold. Im französischen Originaltext, der in Ernst und Renate Grumachs Edition Goethe. Begegnungen und Gespräche abgedruckt ist, heißt es jedoch: »le pauvre Stein plus bête qu’il n’a été reçoit en patience les mauvais propos du public, et de Mr. Goethe, et les humeurs de sa femme«. Also von Charlotte von Steins Gatten ist die Rede, und es sind ihre üblen Launen, die er geduldig erträgt. Ein Beweisstück für die »Ménage-à-trois« weniger!
Anders als Ghibellino kleidet Leithold seine Spekulationen über das behauptete Dreiecksverhältnis öfter wenigstens in die Frageform, oder er sagt: »es hat den Anschein«. Aber dann, zumal am Schluss des einschlägigen Kapitels, verwandeln sich die Fragen doch in apodiktische Feststellungen. Es steht für ihn unwiderleglich fest, dass es jene erotische Dreierbeziehung gab, dass Goethe, um die Eifersucht der beiden Frauen in Grenzen zu halten, auf eine Art erotische »balance of power« bedacht war und deshalb bei Frau von Stein nicht aufs Ganze ging, was diese aber nicht akzeptierte (»entweder Goethe widersteht entschieden den Avancen der Herzogin oder sie beendet ihre Beziehung zum Dichter«), dass der Musenhof nur eine Instrumentalisierung und »Kanalisierung« der Leidenschaft Anna Amalias für Goethe war, dass der Herzog dieses Verhältnis aus taktischen Gründen tolerierte, damit die Mutter durch Liebe abgelenkt war und sich nicht in die Politik einmischte – alles schöne Fantasiegedanken à la Leithold, die nicht den leisesten Beleg für sich verbuchen können. Froh darf man nur sein, dass Leithold sich nicht wie der tumbe Tor Ghibellino erlaubt, nun auch Goethes Werke – etwa den Tasso – von seinen erotischen Hypothesen her neu »aufzuschlüsseln«.
Was aber hat all das in einer – der ersten – Biografie des Grafen Goertz zu suchen? Herzlich wenig! Und doch umfasst dieser Teil ein Fünftel des Buchs. Warum? Leithold hat den Briefnachlass von Goertz und seine Bibliothek aufgespürt und bietet in den anderen Teilen seines Buchs, wenn auch hier und da überspitzt, hoch interessante Einblicke in das politische Leben der Goethezeit. So wichtig die Biografie dieser zwiespältigen Hintergrundfigur der Weimarer Klassik und der preußischen Politik ist – ein echtes Desiderat –, so würde sie doch wohl nur die Experten unter den Historikern der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert ernsthaft beschäftigen. Das hat den Verfasser dazu verführt, sie durch ein allzu voyeuristisches Kapitel aufzupeppen, das doch nicht hält, was es verspricht.
Dieter Borchmeyer ist Professor emeritus für Neuere deutsche Literatur und Theaterwissenschaft in Heidelberg. Zuletzt erschien von ihm »Mozart oder Die Entdeckung der Liebe« im Insel Verlag
- Datum 16.03.2010 - 13:36 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 11.03.2010 Nr. 11
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Mit Recht stellt Borchmeyer klar, daß Leithold seine These, ohne dies kenntlich zu machen, von Ghibellino - na, sagen wir mal: entlehnt hat. Dessen These einer heimlichen Liebesbeziehung zwischen Goethe und Anna Amalia ist freilich weit besser begründet als Borchmeyer wahrhaben will. Immerhin scheint er begriffen zu haben, daß Totschweigen nicht weiter hilft. Ergo versucht er es mit Beschimpfungen. Kein guter Stil.
wieviel einfacher ist es fuer literaturpaedagogen, bewaehrtes bis aufs blut zu verteidigen als sich die schmach einzugestehen, zeit seines lebens die bedeutendste deutsche dichtkunst falsch gedeutet zu haben. ein echter goethe-liebhaber muesste entzueckt sein, des meisters werke aus einem anderen blickwinkel neu entdecken zu duerfen.
Mon Dieu!
Was zum Henker ist denn an JWGs Amouren so relevant, dass nun aber auch jede Liaison unters Mikroskop muss? Soll das etwa helfen, bei der Entschlüsselung problematischer und/oder unverstandener Passagen in seinem Werk zu helfen?
Der Alte aus Weimar hätte es wohl eher nichtig-komisch gefunden:
»Wir sind emsig, nachzuspüren,
Wir, die Anekdotenjäger,
Wer dein Liebchen sei und ob du
Nicht auch habest viele Schwäger.
Denn daß du verliebt bist, sehn wir,
Mögen dir es gerne gönnen;
Doch, daß Liebchen so dich liebe,
Werden wir nicht glauben können.«
So JWG im "West-östlichen Divan".
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