Goethe und die Frauen Wer liebte wen am Weimarer Hof?Seite 2/2

Da die Korrespondenz der höfischen Aristokratie weithin französisch geführt wurde, heuerte Leithold drei Übersetzerinnen an. Im Falle der angeblichen Goetheschen Dreiecksbeziehung handelt es sich freilich um eine sehr schmale Quellenbasis, auf die er sich stützen kann, und es sind immer wieder dieselben Zitate, die wie gepresste Zitronen mehrfach ausgedrückt werden. Zumindest eines der vermeintlich beweiskräftigsten Quellenzitate, das wiederholt hin und her gewendet wird, hat Leithold jedoch in seiner ganzen Holprigkeit ohne Quellenangabe wörtlich von Ghibellino übernommen – mitsamt einem gravierenden (längst bemerkten) Übersetzungsfehler. Da schreibt die Klatschbase Gianini, welcher Anna Amalia, Charlotte wie Goethe gleichermaßen verhasst waren, an ihre Busenfreundin Karoline von Goertz – angeblich: »Goethe drechselt immer noch an der vollkommenen Liebe und die arme Frau von Stein, dümmer gab es noch keine, erträgt geduldig das Geschwätz in der Öffentlichkeit und von Herrn Goethe und die üblen Launen seiner Frau.« Seiner Frau? Natürlich Anna Amalia – meinen Ghibellino und offenbar auch Leithold. Im französischen Originaltext, der in Ernst und Renate Grumachs Edition Goethe. Begegnungen und Gespräche abgedruckt ist, heißt es jedoch: »le pauvre Stein plus bête qu’il n’a été reçoit en patience les mauvais propos du public, et de Mr. Goethe, et les humeurs de sa femme«. Also von Charlotte von Steins Gatten ist die Rede, und es sind ihre üblen Launen, die er geduldig erträgt. Ein Beweisstück für die »Ménage-à-trois« weniger!

Anders als Ghibellino kleidet Leithold seine Spekulationen über das behauptete Dreiecksverhältnis öfter wenigstens in die Frageform, oder er sagt: »es hat den Anschein«. Aber dann, zumal am Schluss des einschlägigen Kapitels, verwandeln sich die Fragen doch in apodiktische Feststellungen. Es steht für ihn unwiderleglich fest, dass es jene erotische Dreierbeziehung gab, dass Goethe, um die Eifersucht der beiden Frauen in Grenzen zu halten, auf eine Art erotische »balance of power« bedacht war und deshalb bei Frau von Stein nicht aufs Ganze ging, was diese aber nicht akzeptierte (»entweder Goethe widersteht entschieden den Avancen der Herzogin oder sie beendet ihre Beziehung zum Dichter«), dass der Musenhof nur eine Instrumentalisierung und »Kanalisierung« der Leidenschaft Anna Amalias für Goethe war, dass der Herzog dieses Verhältnis aus taktischen Gründen tolerierte, damit die Mutter durch Liebe abgelenkt war und sich nicht in die Politik einmischte – alles schöne Fantasiegedanken à la Leithold, die nicht den leisesten Beleg für sich verbuchen können. Froh darf man nur sein, dass Leithold sich nicht wie der tumbe Tor Ghibellino erlaubt, nun auch Goethes Werke – etwa den Tasso – von seinen erotischen Hypothesen her neu »aufzuschlüsseln«.

Was aber hat all das in einer – der ersten – Biografie des Grafen Goertz zu suchen? Herzlich wenig! Und doch umfasst dieser Teil ein Fünftel des Buchs. Warum? Leithold hat den Briefnachlass von Goertz und seine Bibliothek aufgespürt und bietet in den anderen Teilen seines Buchs, wenn auch hier und da überspitzt, hoch interessante Einblicke in das politische Leben der Goethezeit. So wichtig die Biografie dieser zwiespältigen Hintergrundfigur der Weimarer Klassik und der preußischen Politik ist – ein echtes Desiderat –, so würde sie doch wohl nur die Experten unter den Historikern der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert ernsthaft beschäftigen. Das hat den Verfasser dazu verführt, sie durch ein allzu voyeuristisches Kapitel aufzupeppen, das doch nicht hält, was es verspricht.  

Dieter Borchmeyer ist Professor emeritus für Neuere deutsche Literatur und Theaterwissenschaft in Heidelberg. Zuletzt erschien von ihm »Mozart oder Die Entdeckung der Liebe« im Insel Verlag

 
Leser-Kommentare
  1. Mit Recht stellt Borchmeyer klar, daß Leithold seine These, ohne dies kenntlich zu machen, von Ghibellino - na, sagen wir mal: entlehnt hat. Dessen These einer heimlichen Liebesbeziehung zwischen Goethe und Anna Amalia ist freilich weit besser begründet als Borchmeyer wahrhaben will. Immerhin scheint er begriffen zu haben, daß Totschweigen nicht weiter hilft. Ergo versucht er es mit Beschimpfungen. Kein guter Stil.

  2. wieviel einfacher ist es fuer literaturpaedagogen, bewaehrtes bis aufs blut zu verteidigen als sich die schmach einzugestehen, zeit seines lebens die bedeutendste deutsche dichtkunst falsch gedeutet zu haben. ein echter goethe-liebhaber muesste entzueckt sein, des meisters werke aus einem anderen blickwinkel neu entdecken zu duerfen.

  3. Mon Dieu!
    Was zum Henker ist denn an JWGs Amouren so relevant, dass nun aber auch jede Liaison unters Mikroskop muss? Soll das etwa helfen, bei der Entschlüsselung problematischer und/oder unverstandener Passagen in seinem Werk zu helfen?

    Der Alte aus Weimar hätte es wohl eher nichtig-komisch gefunden:

    »Wir sind emsig, nachzuspüren,
    Wir, die Anekdotenjäger,
    Wer dein Liebchen sei und ob du
    Nicht auch habest viele Schwäger.

    Denn daß du verliebt bist, sehn wir,
    Mögen dir es gerne gönnen;
    Doch, daß Liebchen so dich liebe,
    Werden wir nicht glauben können.«

    So JWG im "West-östlichen Divan".

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