Wohnen, wo andere Urlaub machen. So hatte sich Johann Hadler seinen Ruhestand vorgestellt. Viel war der ehemalige Bauleiter in der Welt herumgekommen, hatte in Spanien , Australien und Marokko gearbeitet. Den letzten Lebensabschnitt wollte er mit seiner Frau mitten in Deutschland verbringen, im idyllischen Braunlage. In guter Höhenluft winters Ski fahren, im Sommer Waldspaziergänge: Das niedersächsische Städtchen im Harz verfügt über Reize, die jedes Jahr viele Touristen anlocken. Hier würde es ihnen im Alter gut ergehen, dachten die Hadlers und kauften sich eine Eigentumswohnung.

Heute, vier Jahre später, ist sich das Rentnerpaar seiner Entscheidung nicht mehr sicher. Beide sind jetzt Mitte sechzig, und jeder von ihnen hat so seine Wehwehchen. Da erscheint die Wahl ihres Alterssitzes mittlerweile gesundheitsgefährdend: Die »katastrophale ärztliche Versorgung« in Braunlage macht den beiden Angst. Schon seit Jahren gibt es in dem Städtchen keinen Facharzt mehr.

Wer für sein krankes Herz oder Nervenleiden einen Spezialisten benötigt, muss ins 25 Kilometer entfernte Bad Harzburg fahren oder 40 Kilometer bis Goslar. Und auch die beiden Braunlager Hausärzte mit Kassenzulassung werden nicht mehr lange für ihre Patienten da sein. Einer ist der Pensionsgrenze nahe, die Praxis des anderen steht schon zum Verkauf – und trotz intensiver Suche ist kein Nachfolger in Sicht. In seiner Not unternimmt Johann Hadler nun etwas, was er noch nie gemacht hat: Er und seine Mitstreiter ziehen in Braunlage von Haus zu Haus und sammeln Unterschriften für einen Appell an Politiker und ärztliche Standesvertreter: »Tut endlich etwas, sonst ist bald der ganze Oberharz arztfrei.«

Jeder zweite Allgemeinmediziner mit Praxis ist älter als 55 Jahre

Die Angst vor verwaisten Sprechzimmern treibt unzählige Gemeinden um, in Niedersachsen wie im übrigen Deutschland. Bewohner machen mit Bürgerinitiativen politisch Druck; Stadtoberhäupter versprechen Ärzten zinsfreie Kredite und kostenlose Praxisräume; Mediziner erhalten Umsatzgarantien gegen das Risiko der Selbstständigkeit auf dem Land. Angehenden Medizinern wird die Niederlassung leichter gemacht denn je – und nie war es so schwer, einen scheidenden Landarzt zu ersetzen.

Bereits über 3600 freie Arztsitze meldet die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), mehr als die Hälfte von ihnen wartet auf Allgemeinmediziner. Im Deutschen Ärzteblatt füllen Stellenanzeigen inzwischen mehr als drei Viertel jeder Ausgabe. Und die Zahl der unter der Rubrik »Praxisabgaben« geschalteten Inserate wird in Zukunft weiter steigen. Denn mehr als die Hälfte der Hausärzte ist älter als 55 Jahre. »Wenn diese Kollegen in den nächsten Jahren ihre Praxis aufgeben, bekommen wir ein dramatisches Problem«, warnt Ulrich Weigeldt, Präsident des Deutschen Hausärzteverbands.

Der Medizinermangel trifft den Lebensnerv vieler Kommunen. Im Kurörtchen Braunlage kommt die Sorge dazu, Touristen, zumal ältere Stammgäste, könnten bald vom Mangel an medizinischer Vor-Ort-Versorgung abgeschreckt werden. »Schon heute muss man oft stundenlang auf einen Notarzt warten, wenn man nachts oder am Wochenende Hilfe benötigt«, klagt Apotheker Peter Braem, der die Hausarzt-Bürgerinitiative mitbegründet hat.

Die Ärzteknappheit ist nicht mehr nur ein ostdeutsches Problem, sondern ebenso eines vieler westlicher Flächenländer. So scheiden in Schleswig-Holstein in den nächsten fünf Jahren 900 Hausärzte aus, in Bayern schätzungsweise 2500. Viele werden keinen Nachfolger finden. Schon heute gibt es die meisten freien Hausarztstellen nicht in Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern, sondern in Niedersachsen.

Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler kennt die Zahlen aus seiner Zeit als Minister in Hannover – und will handeln. Nach Informationen der ZEIT füllt sein Berliner Ministerium derzeit einen Block von Rezepten gegen den Ärztemangel. Die Medizinerversorung sei, so Rösler, »die wichtigste Herausforderung in der Gesundheitspolitik«.

Soll diese Offensive erfolgreich sein, muss sie Privilegien brechen, Honorare neu verteilen und etablierte Strukturen der Medizinerausbildung verändern. Vor allem aber kommt es darauf an, die Attraktivität des Hausarztes zu erhöhen und die Abwanderung ins Ausland zu verhindern. Vorab fordert Rösler schon ein Umdenken: etwa die engere Zusammenarbeit von Krankenhäusern und niedergelassenen Ärzten oder den erleichterten Zugang zum Medizinstudium.