DIE ZEIT: Professor Lieb, was hat Sie zu Ihrer Studie Hirndoping motiviert?

Klaus Lieb:Wir diskutieren seit Jahren über dieses Thema , ohne die Datenlage in Deutschland zu kennen. Über die Einstellungen von Schülern und Studierenden wussten wir diesbezüglich gar nichts. Das wollten wir ändern.

ZEIT: Und was wissen Sie jetzt?

Lieb: Wir haben 1035 Schüler und 512 Studenten zu verschiedenen Möglichkeiten des Hirndopings befragt: Rund vier Prozent der Studienteilnehmer hatten bislang mindestens einmal versucht, ihre Konzentration, ihre Aufmerksamkeit oder Wachheit zu steigern. Mithilfe von legalen oder illegalen Substanzen.

ZEIT: Wie interpretieren Sie diese Zahlen?

Lieb: Sie sagen uns, dass junge Menschen in Deutschland bereit sind, mentale Leistungen mithilfe von Pillen zu optimieren. Sie sagen uns aber auch, dass die Zurückhaltung gegenüber diesen Medikamenten größer ist als in den USA . Dort nehmen rund acht Prozent der Studenten irgendwann einmal Tabletten ein, um ihre kognitiven Fähigkeiten zu steigern. In einer Umfrage der Zeitschrift Nature zum Konsum unter Akademikern waren es sogar zwanzig Prozent.

ZEIT: Können Sie also Entwarnung geben?

Lieb: Nein, denn wir haben Schüler und Studenten auch gefragt: Was würdet Ihr tun, wenn es künftig eine Pille gäbe, die keine Nebenwirkungen hätte, bei der keine Langzeitschäden drohten? Mehr als achtzig Prozent der Befragten gaben an, so eine Pille nehmen zu wollen! Nur elf Prozent sagten, dass sie auch dann nicht zu Tabletten greifen würden.

ZEIT: Aber so ein Wundermittel ohne Nebenwirkungen ist doch sehr hypothetisch!

Lieb: Das ist richtig. Wohl aber könnte es in Zukunft Substanzen mit einem akzeptablen Risikoprofil geben, die gleichzeitig sehr effektiv kognitive Fähigkeiten stärken. Die dürften bei Schülern und Studenten auf fruchtbaren Boden fallen. Das können wir heute schon bei Koffeintabletten beobachten: Jeder zehnte Schüler und Student hat sich diese schon mindestens einmal in der Apotheke besorgt.

ZEIT: Sind Koffeintabletten schon Hirndoping?

Lieb: Nein, Hirndoping bedeutet für mich, dass gesunde Menschen rezeptpflichtige Medikamente zur Leistungssteigerung einnehmen, also Mittel, die eigentlich für die Behandlung bestimmter Erkrankungen zugelassen sind. Ich sehe Hirndoping ähnlich definiert wie Doping im Leistungssport. Darum zählt für mich Kaffee nicht dazu, ebenso wenig Präparate wie Ginkgo biloba.

ZEIT: Welche Geistesdrogen spielten in Ihrer Befragung eine Rolle?

Lieb: Etwa der Wirkstoff Modafinil – ein Wachmacher, den Patienten mit Narkolepsie einnehmen, um ihrem Schlafzwang zu widerstehen. Die Befragten griffen aber vor allem nach Methylphenidat, das unter dem Markennamen Ritalin bei Menschen mit Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom verschrieben wird. 1,6 Prozent der befragten Schüler und 0,8 Prozent der Studenten hatten dieses Mittel mindestens einmal zur neuropharmakologischen Nachhilfe eingesetzt. Hinzu kamen noch illegale Psychostimulanzien wie Amphetamine, Ecstasy oder Kokain.

ZEIT: Manche Forscher meinen, jegliche Debatte zum Thema Hirndoping sei hinfällig, da keine der bislang verfügbaren Substanzen tatsächlich unsere mentalen Leistungen verbessern könne.

Lieb: Das stimmt insofern, als dass bislang kein Medikament bei Gesunden direkt dem Gedächtnis nachhelfen, die Intelligenz steigern oder die Stimmung heben kann. Dennoch gibt es sehr wohl Substanzen, die unsere Aufmerksamkeit, Konzentration und Wachheit verbessern. Und das sind wichtige geistige Funktionen, mit deren Hilfe wir Texte konzentrierter lesen und somit besser im Gedächtnis speichern können. So zu tun, als gäbe es keine leistungssteigernden Medikamente für Gesunde, bringt uns nicht weiter. Wir sollten uns vielmehr mit den existierenden Möglichkeiten auseinandersetzen und fragen, wie wir als Gesellschaft damit umgehen wollen.