"Bislang ist völlig unklar, wie sicher die heute verfügbaren Mittel langfristig sind"
ZEIT: Welche Risiken sehen Sie?
Lieb: Die Substanzen wirken ja nicht immer gleich. Bei einem Chirurgen etwa, der vor einer Operation bereits hellwach und konzentriert ist, kann Hirndoping sogar gegenteilige Effekte haben. Statt seine Leistung zu verbessern, werden die Medikamente ihn nur unruhig machen und seine Konzentration schwächen. Wir kennen das alle von Prüfungen: Ein wenig Aufregung hilft, gute Leistungen zu bringen; liegen hingegen die Nerven blank, schneiden wir eher schlecht ab.
ZEIT: Die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie hat im Dezember 2009 explizit vor Hirndoping gewarnt. Warum?
Lieb: Weil die Einnahme von Substanzen wie Modafinil oder Amphetaminen dazu führen kann, die eigenen Fähigkeiten falsch einzuschätzen. Das zeigte etwa eine Studie 2008: Die Probanden erhielten nach einer durchwachten Nacht Modafinil, dann wurde ihre Fahrleistung im Simulator getestet. Auch wenn ihre Fahrfähigkeit gut war, überschätzten die Studienteilnehmer ihre Leistungen deutlich. Bei Chirurgen könnte die Einnahme der Substanz demnach zu einer erhöhten Risikobereitschaft und Gefährdung von Patienten führen.
ZEIT: Wie sieht es bei einem dauerhaften Einsatz dieser Substanzen aus?
Lieb: Bislang ist völlig unklar, wie sicher die heute verfügbaren Mittel langfristig sind. Sie können womöglich zu Abhängigkeit und Psychosen führen. There is no such thing as a free lunch , sagen die Amerikaner dazu treffend. Wir können eben unsere Leistungen nicht unbegrenzt steigern. Nach Abschluss einer intensiven Lernphase oder eines wichtigen Projekts muss eine Phase der Erholung einsetzen, in der wir abschalten, zur Ruhe kommen. Natürlich wäre es toll, wenn wir dauerhaft nur zwei Stunden Schlaf bräuchten, um geistig fit zu sein. Aber da macht unser Gehirn nicht mit.
ZEIT: Was bedeutet dauerhaftes Optimierungsstreben für unsere Persönlichkeit?
Lieb: In einem ständigen Konkurrenzkampf vergessen wir schnell, dass im Leben auch anderes zählt als nur der Erfolg. Als Individuen reifen wir auch durch Schwächen und Niederlagen.
ZEIT: Sie arbeiten selbst als Chefarzt an einer Uniklinik in einem extrem kompetitiven Umfeld. Dennoch warnen Sie vor permanentem Leistungsstreben. Wie passt das zusammen?
Lieb: Ich habe nichts gegen einen gesunden Wettbewerb. Aber ich wehre mich dagegen, sich von bestimmten Aufmerksamkeitspillen das Leben diktieren zu lassen. Zudem gibt es Hinweise, dass die Kreativität unter Hirndoping leidet. Als Psychiater habe ich eher mit den Schwachen unserer Gesellschaft zu tun – Patienten mit Depressionen, Demenzen oder Kinder mit Entwicklungsstörungen. Wenn es künftig nur noch darum geht, Medikamente zum Hirndoping für Gesunde zu entwickeln, wird das große Nachteile für unsere Patienten haben. Die Pharmaindustrie könnte das Interesse verlieren, nach neuen Wirkstoffen gegen bestimmte Erkrankungen zu suchen, und sich stattdessen auf den sehr viel lukrativeren Markt der Gesunden konzentrieren. Das ist für mich vielleicht das wichtigste Argument gegen Hirndoping: Wir müssen uns um jene kümmern, die am meisten unter kognitiven Störungen leiden. Für diese Menschen wird heute schon zu wenig getan.
Das Gespräch führte Astrid Viciano
- Datum 12.03.2010 - 10:52 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 11.03.2010 Nr. 11
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Ich nehme an, die Frage war nicht, wie viele Studenten haben sich schonmal vor einer Vorlesung einen Kaffee geholt zum expliziten Zweck des Wachbleibens...
Rund vier Prozent der Studienteilnehmer hatten bislang mindestens einmal versucht, ihre Konzentration, ihre Aufmerksamkeit oder Wachheit zu steigern.
Im Vergleich zu einem Alkoholmissbrauch in der Größenordnung von mind. fünf Prozent ist das kein großer Wert.
Was würdet Ihr tun, wenn es künftig eine Pille gäbe, die keine Nebenwirkungen hätte, bei der keine Langzeitschäden drohten?
Was für eine Frage! (Ist der ZEIT selbst aufgefallen.)
Ich sehe Hirndoping ähnlich definiert wie Doping im Leistungssport.
Sehe ich ähnlich - aber man könnte auch "umgekehrt einen Schuh draus machen".
Wir können eben unsere Leistungen nicht unbegrenzt steigern.
Eine Füllphrase. Offensichtlich kann die Konzentration gesteigert werden. "Unbegrenzte" Steigerungen sind nicht das Thema.
Wenn es künftig nur noch darum geht, Medikamente zum Hirndoping für Gesunde zu entwickeln, wird das große Nachteile für unsere Patienten haben.
Warum? Es entwickelt sich einfach ein zusätzlicher Markt.
Das einzige Argument, das eine nichttriviale Relevanz hat: die eigenen Fähigkeiten falsch einzuschätzen.
Herzlichst Crest
Ein Problem in der Herangehensweise an Gehirndoping (oder Neuro-Enhancement, wie es ohne den negativen Unterton heisst), zeigt sich gleich zu Beginn:
"Hirndoping bedeutet für mich..."
Solange der Begriff nicht einmal eindeutig festgelegt ist, kann man die Studien darueber schlecht vergleichen. Das ist sehr schade.
Dazu ist die Art, wie Professor Lieb "Gehirndoping" fuer sich definiert sehr ungluecklich gewæhlt, da sie nicht auf der Wirkweise der Substanzen im Gehirn beruht, sondern auf deren gesellschaftlicher Bewertung.
Eine Definition, die darauf basiert, dass "gesunde Menschen rezeptpflichtige Medikamente zur Leistungssteigerung einnehmen, also Mittel, die eigentlich für die Behandlung bestimmter Erkrankungen zugelassen sind.", riskiert, dass einige Mittel, die derzeit frei erhæltlich sind (folglich kein Hirndoping) in Zukunft zu Hirndoping werden, weil sie vom freien Markt genommen werden.
Dagegen fallen Mittel, die explizit nicht fuer Kranke entwickelt werden oder nicht rezeptpflichtig sind nicht unter diese Definition.
Damit werden Ergebnisse noch schlechter vergleichbar, weil nicht nur Forscher A etwas anderes untersucht als Forscher B, sondern auch, weil der Untersuchungsgegenstand zum Zeitpunkt A andere Substanzen beinhaltet als zum Zeitpunkt B.
Eine stabile Definition basierend auf der Wirkweise im Gehin halte ich fuer sinnvoller, auch wenn das bedeutet, dass man sich mit den Gegenargumenten "Kaffee", "Traubenzucker", etc herumschlagen muss.
...wenn man mehr und gewichtigere Vorteile mit Einnahme hat, statt ohne, dann wird das zum Trend.
Umso mehr deshalb, weil Schule und Uni auf dem didaktischen Stand des 18 Jhdts. verharren, mir ist kein abgestimmter Lehrplan bekannt, der auch nur ansatzweise berücksichtigt, was ein gesunder normaler Schüler überhaupt innerhalb einer bestimmten Zeit aufnehmen KANN. Der Schüler/Student ist nicht interessant, er muss lediglich "performen", egal wie, schafft er es nicht, fliegt er knallhart raus und gilt als zu dumm oder faul. So sieht doch die Realität in dieser Schei**-Gesellschaft aus, oder nicht?
"Als Individuen reifen wir auch durch Schwächen und Niederlagen."
Mit anderen Worten, der Herr Chefarzt wäre jetzt viel reifer, wenn er nicht Chefarzt geworden wäre?
In einer Gesellschaft in der jede kleine Niederlage weit in die Zukunft reichende persönliche Konsequenzen haben kann, geht obige Argumentation vollkommen ins Leere.
Herr Lieb,
ich teile Ihre Meinung, dass Hirndoping sehr bedenklich ist und schätze Ihr Verantwortungsbewußtsein, dass Sie sich auch sehr kritisch zu diesem Thema äußern. Ganz richtig haben Sie erwähnt, dass wir als Gesellschaft uns lieber fragen sollten, wie wir mit dem Leistungsdruck und Leistungswahn unserer heutigen Zeit umgehen sollen.
Zu Ihrer Äußerung am Ende des Interviews - "Als Psychiater habe ich eher mit den Schwachen unserer Gesellschaft zu tun – Patienten mit Depressionen, Demenzen oder Kinder mit Entwicklungsstörungen." - möchte ich aber dennoch Ihre Wahrnehmung der Gesellschaft hinterfragen.
In der ZEIT finden Sie viele Artikel zum Thema "Depressionen" und "Burn-out," die verlauten lassen, dass diese Krankheiten jeden treffen können. Anne Wills Lebensgefährtin hat sich auch hierzu in der ZEIT zu Wort gemeldet mit ihrer eigenen Geschichte. Diese Frau wird sicherlich nicht als eine "Schwache in unserer Gesellschaft" betrachtet. Oder Robert Enke oder Willy Brandt etwa, gehört er Ihrer Meinung nach zu den "Schwachen der Gesellschaft"?
Die Krankheiten - Depressionen, Burn-out, Demenz oder Entwicklungsstörungen in der Kindheit - können jeden treffen. Dennoch sagen sie nicht aus, ob die jeweiligen Patienten tatsächlich gesellschaftlich schwach sind oder nicht. Dass sie durch die Krankheiten geschwächt werden, diesen Punkt erkenne ich an.
Dennoch haftet an Ihrer Formulierung - "Als Psychiater habe ich eher mit den Schwachen unserer Gesellschaft zu tun – Patienten mit Depressionen, Demenzen oder Kinder mit Entwicklungsstörungen." - der fade Beigeschmack des Erhabenseins. Sie als Psychiater mit wissenschaftlich-akademischer Ausbildung, wie ich vermute, sollten doch zumindest in der Lage sein, die Themen so differenziert zu betrachten und in Worte zu fassen, so dass deutlich wird, dass auch Sie erkannt haben, dass die Krankheiten, die Sie behandeln, jeden treffen können. Diese Krankheiten haben nichts damit zu tun, ob jemand "schwach in unserer Gesellschaft" ist oder nicht. Auch wenn Sie gegen Hirndoping plädiert haben, kritisch Ihren Zeigefinger gegen den enormen Leistungswahn erhoben und zuerst ganz richtig erkannt hatten, dass in unserer Gesellschaft etwas nicht stimmt, mit Ihrer Formulierung in Ihrem letzten Absatz haben Sie nur deutlich gemacht, dass Sie diesem Leistungsdenken, der in unserer Gesellschaft vorherrscht, selbst erlegen sind.
Noch kann ich Sie dazu beglückwünschen, dass Sie in Ihrer Praxis noch auf der "Arzt"-Seite und nicht auf der "Patienten"-Seite sitzen.
Ich wünsche Ihnen alles Gute und möge dies ein kleiner Denkanstoß für Ihre eigene Reflexionsarbeit sein.
Mit besten Grüßen
expressstudent
Dennoch haftet an Ihrer Formulierung - "Als Psychiater habe ich eher mit den Schwachen unserer Gesellschaft zu tun – Patienten mit Depressionen, Demenzen oder Kinder mit Entwicklungsstörungen." - der fade Beigeschmack des Erhabenseins. Sie als Psychiater mit wissenschaftlich-akademischer Ausbildung, wie ich vermute, sollten doch zumindest in der Lage sein, die Themen so differenziert zu betrachten und in Worte zu fassen, so dass deutlich wird, dass auch Sie erkannt haben, dass die Krankheiten, die Sie behandeln, jeden treffen können. Diese Krankheiten haben nichts damit zu tun, ob jemand "schwach in unserer Gesellschaft" ist oder nicht. Auch wenn Sie gegen Hirndoping plädiert haben, kritisch Ihren Zeigefinger gegen den enormen Leistungswahn erhoben und zuerst ganz richtig erkannt hatten, dass in unserer Gesellschaft etwas nicht stimmt, mit Ihrer Formulierung in Ihrem letzten Absatz haben Sie nur deutlich gemacht, dass Sie diesem Leistungsdenken, der in unserer Gesellschaft vorherrscht, selbst erlegen sind.
Noch kann ich Sie dazu beglückwünschen, dass Sie in Ihrer Praxis noch auf der "Arzt"-Seite und nicht auf der "Patienten"-Seite sitzen.
Ich wünsche Ihnen alles Gute und möge dies ein kleiner Denkanstoß für Ihre eigene Reflexionsarbeit sein.
Mit besten Grüßen
expressstudent
Dennoch haftet an Ihrer Formulierung - "Als Psychiater habe ich eher mit den Schwachen unserer Gesellschaft zu tun – Patienten mit Depressionen, Demenzen oder Kinder mit Entwicklungsstörungen." - der fade Beigeschmack des Erhabenseins. Sie als Psychiater mit wissenschaftlich-akademischer Ausbildung, wie ich vermute, sollten doch zumindest in der Lage sein, die Themen so differenziert zu betrachten und in Worte zu fassen, so dass deutlich wird, dass auch Sie erkannt haben, dass die Krankheiten, die Sie behandeln, jeden treffen können. Diese Krankheiten haben nichts damit zu tun, ob jemand "schwach in unserer Gesellschaft" ist oder nicht. Auch wenn Sie gegen Hirndoping plädiert haben, kritisch Ihren Zeigefinger gegen den enormen Leistungswahn erhoben und zuerst ganz richtig erkannt hatten, dass in unserer Gesellschaft etwas nicht stimmt, mit Ihrer Formulierung in Ihrem letzten Absatz haben Sie nur deutlich gemacht, dass Sie diesem Leistungsdenken, der in unserer Gesellschaft vorherrscht, selbst erlegen sind.
Noch kann ich Sie dazu beglückwünschen, dass Sie in Ihrer Praxis noch auf der "Arzt"-Seite und nicht auf der "Patienten"-Seite sitzen.
Ich wünsche Ihnen alles Gute und möge dies ein kleiner Denkanstoß für Ihre eigene Reflexionsarbeit sein.
Mit besten Grüßen
expressstudent
...Patienten, die depressiv, dement oder entwicklungsgestört sind, zu den Schwachen der Gesellschaft. Nämlich ab dem Zeitpunkt ihrer Erkrankung. Wie viel gesellschaftlichen Einfluss hat den jemand mit diesen Erkrankungen? Es geht hier nicht um eine "Klasseneinteilung"...
...Patienten, die depressiv, dement oder entwicklungsgestört sind, zu den Schwachen der Gesellschaft. Nämlich ab dem Zeitpunkt ihrer Erkrankung. Wie viel gesellschaftlichen Einfluss hat den jemand mit diesen Erkrankungen? Es geht hier nicht um eine "Klasseneinteilung"...
...Patienten, die depressiv, dement oder entwicklungsgestört sind, zu den Schwachen der Gesellschaft. Nämlich ab dem Zeitpunkt ihrer Erkrankung. Wie viel gesellschaftlichen Einfluss hat den jemand mit diesen Erkrankungen? Es geht hier nicht um eine "Klasseneinteilung"...
...dann gehören Willy Brandt oder Miriam Meckel Ihrer Meinung nach zu den Schwachen der Gesellschaft. Beide sind von Depressionen, bei Frau Meckel kam noch das Burn-Out Syndrom hinzu, betroffen (gewesen). Trotzdem haben sie gesellschaftlichen Einfluss.
Den Punkt, dass die Krankheit schwächt, habe ich bereits oben genannt. Nichtsdestotrotz sind die Betroffenen nicht die "Schwachen der Gesellschaft".
...dann gehören Willy Brandt oder Miriam Meckel Ihrer Meinung nach zu den Schwachen der Gesellschaft. Beide sind von Depressionen, bei Frau Meckel kam noch das Burn-Out Syndrom hinzu, betroffen (gewesen). Trotzdem haben sie gesellschaftlichen Einfluss.
Den Punkt, dass die Krankheit schwächt, habe ich bereits oben genannt. Nichtsdestotrotz sind die Betroffenen nicht die "Schwachen der Gesellschaft".
...dann gehören Willy Brandt oder Miriam Meckel Ihrer Meinung nach zu den Schwachen der Gesellschaft. Beide sind von Depressionen, bei Frau Meckel kam noch das Burn-Out Syndrom hinzu, betroffen (gewesen). Trotzdem haben sie gesellschaftlichen Einfluss.
Den Punkt, dass die Krankheit schwächt, habe ich bereits oben genannt. Nichtsdestotrotz sind die Betroffenen nicht die "Schwachen der Gesellschaft".
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