Martenstein Mr. Smart

Harald Martenstein bewundert einen Mann, der ein ungewöhnliches Talent besitzt: Er kann sich Namen für Dinge ausdenken. Zum Beispiel "Katzenschmaus". Oder "Smart"

Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen

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K. erzählte mir von seinem Freund, der aus einer reichen Familie stammt. Der Freund hat Verschiedenes ausprobiert, wie man so sagt. Keiner dieser Versuche gelang. Seit zwanzig Jahren lebe er jetzt, alleine, in seinem Haus im Gebirge und rauche Haschisch. Vor etlichen Jahren habe er sich sein Erbteil auszahlen lassen, aber dieses Geld sei irgendwann aufgebraucht gewesen. Kurz darauf starb seine Mutter, die schon seit Längerem verwirrt war. Die Geschwister teilten das Erbe unter sich auf, und dieser Freund, der, wie gesagt, seinen Anteil schon erhalten hatte und keine finanziellen Ansprüche mehr stellen durfte, bekam, weil kein anderer daran interessiert war, die Bibliothek der Mutter.

Er belud einen Transporter mit Bücherkisten und fuhr ins Gebirge. Als er das erste Buch aufschlug, fand er darin einen 100-Euro-Schein. Er blätterte weiter und stellte fest, dass seine Mutter überall in dem Buch Geldscheine versteckt hatte, Dutzende, und als er daraufhin andere Bücher durchsuchte, fand er dort ebenfalls Geld, eine beträchtliche Summe, von der er voraussichtlich bis an sein Ende leben kann. Ob das Geld ihm rechtmäßig gehört, weiß ich nicht, sagte K., es interessiert mich auch nicht. Aber das sei noch nicht alles.

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Auf den leeren Seiten der Bücher hatte die Mutter mit sehr kleiner Schrift alles notiert, was sie nicht vergessen wollte. Ich heiße Hedwig. Meine Kinder heißen Bert, Klaus und Susanne. Ich habe auf dem Bismarck-Gymnasium Abitur gemacht. Ich bin Ärztin. Ich mag Kornblumen. Das ging über Dutzende Seiten. All diese Dinge, die seiner Mutter wichtig waren, habe der Freund auswendig gelernt, und wenn er nachts nicht schlafen könne, stelle er sich auf die Terrasse und erzähle dem Weltall das Leben seiner Mutter.

Dazu fiel mir eine andere Geschichte ein, die ich in einer Zeitung gefunden hatte. Sie handelt von einem Mann, dessen Vater unbedingt wollte, dass er eine Lehre macht und Steuerberater wird. Der Sohn wollte aber lieber studieren, am Ende brach er sein Studium ab und arbeitete jahrelang als Tankwart und Briefträger. Mit fast vierzig war er Aushilfe in einer kleinen Werbeagentur. Eines Tages fiel ihm dort ein Wort ein, das Wort "Katzenschmaus". Er ging zu seinem Chef und schlug vor, dass sie ein bestimmtes Tierfutter, für das sie eine Werbekampagne planten, "Katzenschmaus" nennen. Dieses Futter wurde ein großer Verkaufserfolg. Der Mann kündigte, kaufte auf Pump ein Auto und fuhr quer durch Deutschland, zu allen möglichen Firmen. Er ließ sich einen Termin geben und sagte: "Ich kann Namen erfinden."

Die meisten Manager lachten ihn aus. Nach vielen Monaten aber meldete sich eine Autofabrik, sie hätten da ein neues Modell und noch keinen überzeugenden Namen, er solle mal nachdenken. Der Mann erfand den Namen "Opel Vectra". Damit war er im Geschäft. Er hat die Autonamen "Cayenne", "Smart", "Twingo" und "Mégane" erfunden, den Namen "Xetra" für irgendwas mit Aktien, auch "Congstar", das Bier "Kelts" und "Evonik", so heißt jetzt die Firma, die früher Ruhrkohle hieß. Er nimmt etwa 100.000 Euro für einen Namen und braucht zwei bis drei Monate zum Nachdenken.

Ich stelle mir vor, wie dieser Mann, er heißt Manfred Gotta, falls auch ihm eines Tages die Welt und ihre Wörter entgleiten, durch sein Haus geht, oder sein Kind betrachtet, und wie er nicht verzweifelt, sondern lächelt. Und Gotta findet für jedes Ding der Welt und für jeden Menschen einen neuen Namen, der viel schöner ist als der alte.

 
Leser-Kommentare
  1. 1. Gotta

    Herr Martenstein,

    immer wieder (und immer noch) sind Ihre Texte einige von den wenigen tauglichen, die man noch in der deutschen Presse finden kann. Wirklich, ein Genuss!

    aber zu dem Punkt: wenn der Herr Gotta heißt und sein Name kein Pseudonym ist, dann wurde er vom Geburt her ausgewählt, nicht? Ein guter "Gotta-Almanach", den man jederzeit ab- und anrufen, fragen und, natürlich, dafür bezahlen kann, hätte man denken können, wäre zu unseren Zeiten gar nicht mehr findbar.

    Na, sehen Sie, bis Herr Guggl kommen wird, hat Herr Gotta noch seine Nische.

    allerherzliche Wunsche aus Osteuropa,

    cobernic

  2. Ich will auch mal Namenserfinder werden. Ich hab mehrere (MINT) - Fächer studiert - alles brotlose Kunst!
    Das Wort ist eine Goldgrube!

  3. War oder ist K. Herr Keuner? Egal diese Parabel war dennoch eindeutig von Martenstein.Habe sie gern gelesen.Wir brauchen auch heute noch Parabeln.

    • reifue
    • 01.04.2010 um 16:56 Uhr

    Er mag ja schöne Namen erfinden, aber bei seiner Website hätte er sich mal besser beraten lassen. Webseiten, die die Größe des Browsers verändern, sind eine schlimme Sache. Er kann sich dafür ja mal einen Namen ausdenken.

  4. ...Marsti !

    • hagego
    • 09.12.2010 um 0:17 Uhr

    Den Begriff

    "Twitteratur"

    habe ich mir schützen lassen. Habe ihn hier irgendwo in einem Online-Thread das erste Mal benutzt.

    Noch will ihn keiner kaufen. Aber ich habe Geduld. Ich bin erst 76 Jahre alt und habe meiner Mutter damals versprochen, dass ich es bis 80 geschafft haben werde.

    "Twitteratur" - wer macht mir ein seriöses Angebot?

    Twittern Sie eigentlich Mr. Martenstein? Obama ist - indirekt - dadurch amerikanischer Präsident geworden!

    Moderne Schnecken sind Twitter!

    Bei uns in der Robocop-Kantine gibt es freitags immer "Arme Twitter" als Stammgericht.

    http://www.moviepilot.de/... - Twitter von Links bin ich!

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