Die Häuser der Odenwaldschule im hessischen Heppenheim © dpa

Am Morgen war die Leiterin der Odenwaldschule beim ZDF, soeben hat sie eine große Pressekonferenz in ihrer Schule in Heppenheim gegeben, ständig klingelt das Telefon, über 100 Mails hat sie allein an diesem Montag bekommen. Mails, die ihr Mut machen, dass sie das Richtige tut. Margarita Kaufmann will die dunkle Vergangenheit der Schule aufklären. Und das jetzt, da die Schule bald ihren 100. Geburtstag feiert und eigentlich stolz auf ihre Geschichte als Vorzeigemodell einer modernen Pädagogik sein möchte. Die Odenwaldschule ist ein Internat in abgelegener, idyllischer Umgebung, wo die Schüler in »Familien« mit jeweils einem Lehrer zusammenleben. Doch seit Margarita Kaufmann aufklärt, wird nicht mehr über ganzheitliche Erziehung gesprochen, sondern über Sexdienste am Wochenende und über Streicheln der Genitalien zum Aufwachen. Vor allem wird über den renommierten ehemaligen Schulleiter Gerold Becker gesprochen, der am stärksten von ehemaligen Schülern beschuldigt wird. Neulich hat ein früherer Lehrer Margarita Kaufmann einen Spruch von Ingeborg Bachmann gemailt: »Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.« Der Satz gefalle ihr, sagt Kaufmann.

In seinem Wohnzimmer in einer Kleinstadt am Bodensee sitzt der ehemalige Geschichtslehrer Wolfgang Wenzel* vor einem Brief und fragt sich, wo diese Wahrheit aufhört und wo die Dichtung beginnt. In dem Brief schreibt ein ehemaliger Schüler von sexuellem Missbrauch durch seinen »Familienvater«, den Musiklehrer H., von zwei Übergriffen durch Becker und von Alkoholexzessen in der »Becker-Familie«. Er berichtet von »Mobbing, Gewalt, Drogen, Alkohol und sexuellem Missbrauch« und zählt neben Becker und H. namentlich sieben weitere Lehrer auf. Dann setzt er zum Rundumschlag an. Die Aufzählung endet mit »und wie sie alle geheißen haben«. Auch Wenzel wird mit Namen genannt. Er weist die Vorwürfe weit von sich und hat einen Anwalt eingeschaltet. Mit dem Schüler gesprochen hat er nicht. Nur dessen Website hat er sich einmal angeguckt, und die Kunst, die er macht, gefalle ihm. »Mit ihm zu reden, dazu habe ich wirklich keinen Drang«, sagt Wenzel.

Solche Reaktionen bestärken Kaufmann in ihrem Kurs. »Ein anderer Lehrer hat einem Schüler bei einem Jahrestreffen auf dessen Anschuldigungen erwidert: ›So besoffen kann ich damals gar nicht gewesen sein.‹« Sie nennt es die Mauer des Schweigens, die auch nach vielen Jahren noch halte.

Im Oktober 2007 kam Kaufmann an die Odenwaldschule. Kurz darauf wurde sie von einer Schülerin angesprochen, wie sie denn im Jubiläumsjahr mit den alten Missbrauchsfällen umgehen wolle. Kaufmann wandte sich an den Vorstand der Schule, der winkte ab: alte Geschichten!

1998 waren die Missbrauchsfälle im Zusammenhang mit Gerold Becker zum ersten Mal öffentlich geworden. Einige Schüler hatten sich an Becker, dann an die Schule gewandt. Keiner zweifelte damals an den Vorwürfen, Becker entschuldigte sich in einem Brief, der Schulleiter sprach lange mit den Schülern, Becker trat von seinem Posten zurück, es gab eine Konferenz, damit war das Thema vom Tisch. Und nun lag es plötzlich wieder vor Kaufmann. Im Juli 2009 traf sie sich zum ersten Mal mit vier ehemaligen Schülern in Frankfurt am Main. Mit dabei waren ein ehemaliger Lehrer, der Psychologe Walter Schwertl und die Filmemacherin Luzia Schmid, die die Unterhaltung aufzeichnete. »Damals habe ich die Geschichten zum ersten Mal live gehört«, sagt Kaufmann. Ein Schüler habe berichtet, dass er täglich »im Sexdienst« war. Ein anderer habe von 400 Misshandlungen in drei Jahren gesprochen. Er sei das Lieblingskind von Gerold Becker gewesen und habe fast täglich »Manipulationen am Genital und Küsse« über sich ergehen lassen müssen. »Das ist einfach grausam«, sagt Kaufmann.