Odenwaldschule Eine schrecklich nette FamilieSeite 2/2

Seit sie offen mit den Missbräuchen umgeht, melden sich immer mehr Opfer bei ihr. Woher sie weiß, dass all diese Opfergeschichten der Wahrheit entsprechen? »Ich bin natürlich kein Staatsanwalt«, sagt Kaufmann, »ich kann das nicht überprüfen. Aber wenn mir jemand von seiner Misshandlung erzählt, dann glaube ich ihm.« Margarita Kaufmann hat sich entschieden, auf der Seite der Opfer zu stehen.

Auch Wenzel hat sich entschieden. Er steht auf der Seite der Schule. Denn er befürchte, dass die pädagogische Idee, die ihn als jungen Referendar so für die Odenwaldschule eingenommen habe, beschädigt oder ruiniert werde – durch diese neue Schulleiterin, eine ehemalige Dezernentin für Kultur, Bildung und Tourismus in Friedrichshafen, keine Reformpädagogin. Wenzel war 1970 an die Schule gekommen. »Vertrauen in die Selbstentwicklung der Heranwachsenden, das war der Geist der Schule, und der war sehr anziehend«, sagt er. »›Werde der, der du bist‹ ist eine der wichtigsten Aussagen der Schule«, sagt er, das habe vielen Schülern geholfen. Auch Marc Tügel. Wie auch andere Schüler kam er aus einer problematischen Familie, die Eltern waren zerstritten, im Gymnasium verweigerte er jede Leistung. Die Odenwaldschule hat ihn aufgenommen, ohne zu wissen, wer die Schulgebühren (heute 2000 Euro im Monat) zahlen würde. Er hat später ein glänzendes Abitur abgelegt.

Die Odenwaldschule ist in vielerlei Hinsicht anders. Die Lehrer leben mit ihrer eigenen Familie in ihrer »Schulfamilie«. Zwischen Beruf und Freizeit, öffentlich und privat gibt es keine Trennung. Für keinen. Auch nicht am Wochenende. Die jungen Referendare machte das oft einsam. »Um einen Partner kennenzulernen, blieben nur die Kollegen oder die heranwachsenden Schüler«, sagt Wenzel. Und der offene Umgang der Geschlechter miteinander erleichterte die Annäherung. Koedukation oder gleichgeschlechtliche Erziehung hieß das. Das sah im Alltag so aus, dass Mädchen und Jungen gemeinsam Sport machten und zusammen duschten. »Das war nach den prüden Fünfzigern sehr hilfreich«, sagt Wenzel. In seinem ersten Jahr verliebte er sich in eine seiner Schülerinnen, eine Abiturientin. Drei Jahre später heirateten sie, seine Frau zog zurück in die Schule, und sie bekamen drei Kinder. Noch heute sind sie miteinander verheiratet. In den Anschuldigungen ehemaliger Schüler macht ihn das zu einem Lehrer, der »Beziehungen mit Schülerinnen« hatte.

Und dann kommt plötzlich heraus, dass auch Margarita Kaufmann mit einem ihrer ehemaligen Schüler verheiratet ist. Sie war Referendarin, er Abiturient. Man verlor sich aus den Augen, traf sich wieder, zehn Jahre später heirateten die beiden. Im Kampf um Dichtung und Wahrheit werden jetzt alle Geschütze aufgefahren. Denn mittlerweile geht es nur noch um eine Frage: Welches Schulkonzept wird überleben? Margarita Kaufmann will, dass die Schule sich dem Zeitgeist anpasst. Vor allem will sie das Konzept der sogenannten Familien überdenken. Den Kern der Idee dieser Schule. Wenzel will ihn retten, denn sonst drohe »die Rückkehr zu einem klassischen bornierten Gymnasium«. Und so mischen sich Täter- und Opfergeschichten immer stärker mit pädagogischen Konzepten und Karrierewünschen. Der Einzige, der die alte Ordnung wieder herstellen könnte, ist der 73-jährige Gerold Becker. Er lebt in Berlin, leidet an einem Lungenemphysem und schweigt.

Über 20 Jahre hat Wenzel mit seiner Frau und seinen Kindern und etwa sechs bis zehn Schülern zusammengewohnt. »Es gab Familien, die sehr begehrt waren, und solche, die eher Durchlauferhitzer waren, da wechselten die Schüler jedes Jahr«, sagt Wenzel. Die Familie des Schulleiters Becker war sehr begehrt. »Gerold Becker war ein sehr charismatischer Mensch. Er hörte zu, war empathiefähig und konnte wunderbar formulieren«, sagt Wenzel ungebrochen bewundernd. Denn er war es, dem die Schule ihren Glamour und ihre Bedeutung verdankte. »Es gab damals Gerüchte, Gerold stehe auf kleine Jungs. Das hätten wir nachprüfen müssen. Aber der Zeitgeist war ein anderer.« Aber auch 30 Jahre später sucht Wenzel lieber die beruhigende Bestätigung in seinen Erinnerungen, als sich die Mühe zu machen, den ehemaligen Schüler anzurufen, der den Brief mit den Anschuldigungen schrieb.

* Name geändert

Mitarbeit: Christiane Grefe

 
Leser-Kommentare
  1. Wir müssen nun alle aufpassen, dass wir nun nicht allen Lebenslügen Glauben schenken.
    Die Hoffnung auf eine zusätzliche kleine Rente, oder auf eine finanzielle Abfindung, lassen möglicherweise Menschen zu Opfern werden, die nie welche waren. Auch hier könnte es , wie bei den Vorfällen innerhalb der Kirchen (jetzt K.K. ) auch Trittbrettfahrer geben.

    Ich selbst glaube einigen ihre Anschuldigen, aber längst noch nicht allen.

    Orpheus

  2. Ja, Orpheus ! Aufpassen ist oberste Pflicht. Hier droht Ver-
    mengung und psychotische Flut. Kein X für'n U.

    Odenwaldschule und das besondere Konzept :

    http://de.wikipedia.org/w...

    Also, nicht das Kind mit dem Bade ausschütten ! Sonst ....

    http://de.wikipedia.org/w...

  3. Können sich ändern. Deshalb gelten sie für mich immer nur
    zum Zeitpunkt der Einstellung in einen Text. Vertiefende
    Literatur der klassischen Art bleibt notwendig.

    • aram62
    • 16.03.2010 um 9:11 Uhr

    Nachdem sich die Gerechten und Reinen im Lande allmählich ausgetobt haben, bekommen nun hoffentlich auch die Nachdenklichen eine Chance. Vielleicht erinnert man sich dann auch an den altmodischen Grundsatz der Unschuldsvermutung bis zum Beweis der Schuld durch belastbares Material. Man sollte zumindest die Möglichkeit einräumen, dass manch einer die gegenwärtige Pädophilenhatz dazu benutzt, alte Rechnungen mit verhassten Lehrern oder einer missliebigen Einrichtung zu begleichen.

  4. [...]
    [entfernt. Bitte bleiben Sie trotz des schwierigen Themas im Rahmen des guten Geschmacks. Danke, die Redaktion/vv]

    Hatten wir nicht in den Neunzigern dasselbe Theater mit Kindergärten und Kinderheimen - mit Dutzenden und immer mehr und noch mehr Missbrauchsfällen? Und hinterher entpuppte sich das Ganze als aufgeblasene Paranoia.

    Aber es ist doch immer wieder ein reizvolles Thema für den kleinen verborgenen Päderasten im ZEIT-Leser, nicht wahr?

    Maya

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    Ich dachte da mal an den großen Fall, als eine ganze Familie, samt Großeltern und Bekanntenkreis, förmlich zerstört wurde.

    Und weshalb, weil voreilige und besonders angagierte Erzieherinnen glaubten den großen Mißbrauch erkannt zu haben.

    Am Ende und nachdem alles zerstört war, die Kinder, unberechtigterweise alle in Pflegefamilien untergebracht waren, stellte sich alles was an Beschuldigungen auf dem Tisch war , als unwahr heraus.

    Wer nun glaubte, dass die Kinder schnell wieder in ihre Familien konnten, der irrte aber gewaltig.
    Die Mühlen der Verantwortlichen mahlen nicht so schnell.

    Orpheus

    Ich dachte da mal an den großen Fall, als eine ganze Familie, samt Großeltern und Bekanntenkreis, förmlich zerstört wurde.

    Und weshalb, weil voreilige und besonders angagierte Erzieherinnen glaubten den großen Mißbrauch erkannt zu haben.

    Am Ende und nachdem alles zerstört war, die Kinder, unberechtigterweise alle in Pflegefamilien untergebracht waren, stellte sich alles was an Beschuldigungen auf dem Tisch war , als unwahr heraus.

    Wer nun glaubte, dass die Kinder schnell wieder in ihre Familien konnten, der irrte aber gewaltig.
    Die Mühlen der Verantwortlichen mahlen nicht so schnell.

    Orpheus

  5. Es ist sehr interessant, sowohl im Artikel, als auch in den Kommentaren, plötzlich nachdenkliche Töne zu lesen. Als es um die katholische Kirche ging, ereiferte man sich in hasserfüllten Beschuldigungen und "Auflösen" Forderungen.
    Geht es nun um eine weltliche Einrichtung, so wird zur Umsicht gemahnt und erklärt, wie es dazu kommen konnte. Ja fast relativierend wird erläutert, dass die armen Referendare ja anders keinen Partner finden konnten, als unter den SchülerInnen.

    Es drängt sich der Verdacht auf, dass es bei dieser Kampagne gar nicht um bedauernswerte Missbrauchsfälle ging, sondern um Antikatholizismus in der Tradition eines Joseph Goebbels. Es ist ja nicht das erste Mal, dass sich unsere Regierung an Kampagnen gegen die katholische Kirche beteiligt, womöglich sogar steuernd begleitet.

    Nun, wo auch andere Institutionen diskutiert werden, denen man eben wohlwollend gegenübersteht, ist Pädophilie plötzlich ganz anders zu beurteilen, ja eigentlich aus den Umständen selbsterklärend. Unfassbar.

    Man lernt mal wieder: Es kommt nicht darauf an, was passiert ist, sondern wer daran beteiligt war, um daraus einen medialen Hexenprozess zu machen.

    Sowohl Medien, als auch Politiker entsprechen nicht dem, was man in einer aufgeklärten Gesellschaft erwarten würde.

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    "Es drängt sich der Verdacht auf, dass es bei dieser Kampagne gar nicht um bedauernswerte Missbrauchsfälle ging, sondern um Antikatholizismus in der Tradition eines Joseph Goebbels. Es ist ja nicht das erste Mal, dass sich unsere Regierung an Kampagnen gegen die katholische Kirche beteiligt, womöglich sogar steuernd begleitet."

    Das nennt man "Verschwörungstheorie" oder auch: Sie ham se nich alle.
    [Verzichten Sie bitte auf Beleidigungen. Danke, die Redaktion/vv]

    "Es drängt sich der Verdacht auf, dass es bei dieser Kampagne gar nicht um bedauernswerte Missbrauchsfälle ging, sondern um Antikatholizismus in der Tradition eines Joseph Goebbels. Es ist ja nicht das erste Mal, dass sich unsere Regierung an Kampagnen gegen die katholische Kirche beteiligt, womöglich sogar steuernd begleitet."

    Das nennt man "Verschwörungstheorie" oder auch: Sie ham se nich alle.
    [Verzichten Sie bitte auf Beleidigungen. Danke, die Redaktion/vv]

  6. Aus meiner Sicht gehts doch nicht um Aufrechnung oder Trittbrettfahrer, das sind Ausreden. Sondern es geht um die Konfrontation mit Autoritätsidealen. Bei "positiven" Idealen wie Neuerer, die sich denn auch zum Platzhalter aufgeschwungen haben wie die Reformpädagogiker und nun mit ihrer "Fehlbarkeit" und ihren Vergehen konfrontieren werden. Sicher sehr schmerzhaft für die Anhänger, "den Vater" zu demontieren, aber heilend, das Gültige der Neuerer wird sich weiter bewähren, der Rest kann ohnehin nicht bleiben. Schlimmer in Katholischen Einrichtungen, wo die so durchschaubare autoritätshörige, zu Gehorsam verpflichtete Hierarchiemaschinerie zusammenbricht und nichts mehr zusammen passt. Vertuschen hat lange geholfen in einer unsäglich perfiden Mischung aus Macht, Herrschaft, Grenzüberschreitung, Schuldzuweisung, Selbstüberschätzung, und Eitelkeit gepaart mit Selbstmitleid und emotionaler Unreife. Beide Autoritätsformen - die autoritär-hierarchische und die antiautoritäre haben ihre Gültigkeit längst verloren. Aber die Leichen, die auf dem Weg zum krampfhaften Festklammern an vorvorvorgestrigen und vorgestrigen Strukturen liegen, sie sind der Preis dafür. Um sie geht es. Das ist der Skandal. Vielleicht ist dem einen oder anderen Mitkommentator auch schon aufgefallen, dass es hier ununterbrochen um Grabenkämpfe in Männervereinen geht? Auch die beiden berühmten Reformpädagogen befanden sich emotional in einer reinen Männerwelt. Es ist Zeit, diese Welten sterben zu lassen.

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    "Aus meiner Sicht gehts doch nicht um Aufrechnung oder Trittbrettfahrer, das sind Ausreden. Sondern es geht um die Konfrontation mit Autoritätsidealen."

    Dies wäre dann ein "Gemengelage" von sehr unterschiedlichen Motiven und das Vehikel, um die Abschaffung tradierter Institutionen zu bewirken, das ist dann wohl eine Kampagne gegen alle Erziehungsinstitutionen, die sich zu irgendeiner Zeit einen guten Ruf erworben haben. Mancher könnte dies als Benutzung "vorgeschobener Tatgründe" bezeichnen, indem behauptete und aufgebauschte Delikte in der Vergangenheit benutzt werden, um in der Gegenwart beliebige Verleumdungen aus anonymer Position heraus in die Welt setzen zu können. Insofern sollte die Angelegenheit der Polizei und Justiz überlassen werden - und der Rest scheint Kampagne gegen Erziehungsinstitutionen hierzulande und auch Förderung der Verbreitung entsprechenden Vokabulars zu sein.
    Was dann fehlt, ist die positive Ersetzung solcher "autoritärer" traditioneller Erziehungsinstitutionen - und daran mangelt es dann.

    "Aus meiner Sicht gehts doch nicht um Aufrechnung oder Trittbrettfahrer, das sind Ausreden. Sondern es geht um die Konfrontation mit Autoritätsidealen."

    Dies wäre dann ein "Gemengelage" von sehr unterschiedlichen Motiven und das Vehikel, um die Abschaffung tradierter Institutionen zu bewirken, das ist dann wohl eine Kampagne gegen alle Erziehungsinstitutionen, die sich zu irgendeiner Zeit einen guten Ruf erworben haben. Mancher könnte dies als Benutzung "vorgeschobener Tatgründe" bezeichnen, indem behauptete und aufgebauschte Delikte in der Vergangenheit benutzt werden, um in der Gegenwart beliebige Verleumdungen aus anonymer Position heraus in die Welt setzen zu können. Insofern sollte die Angelegenheit der Polizei und Justiz überlassen werden - und der Rest scheint Kampagne gegen Erziehungsinstitutionen hierzulande und auch Förderung der Verbreitung entsprechenden Vokabulars zu sein.
    Was dann fehlt, ist die positive Ersetzung solcher "autoritärer" traditioneller Erziehungsinstitutionen - und daran mangelt es dann.

  7. Ich dachte da mal an den großen Fall, als eine ganze Familie, samt Großeltern und Bekanntenkreis, förmlich zerstört wurde.

    Und weshalb, weil voreilige und besonders angagierte Erzieherinnen glaubten den großen Mißbrauch erkannt zu haben.

    Am Ende und nachdem alles zerstört war, die Kinder, unberechtigterweise alle in Pflegefamilien untergebracht waren, stellte sich alles was an Beschuldigungen auf dem Tisch war , als unwahr heraus.

    Wer nun glaubte, dass die Kinder schnell wieder in ihre Familien konnten, der irrte aber gewaltig.
    Die Mühlen der Verantwortlichen mahlen nicht so schnell.

    Orpheus

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