Sexueller Missbrauch»Wir haben Fehler gemacht«

Der Europa-Abgeordnete Daniel Cohn-Bendit über seine Zeit an der hessischen Odenwaldschule und den Überschwang der Reformpädagogen von 

DIE ZEIT: Sie waren von 1958 bis 1965 Schüler der Odenwaldschule. Bekannt wurden dort Missbrauchsfälle aus den siebziger und achtziger Jahren. Erinnern Sie sich an Vorfälle während Ihrer Schulzeit?

Daniel Cohn-Bendit: Nein, sonst hätte ich das längst publik gemacht. Ich bin nicht so vermessen, mit absoluter Sicherheit zu sagen, dass es das zu unserer Zeit nicht gab. Aber ich glaube es nicht. Mitschülern aus meiner Zeit, mit denen ich geredet habe, geht es auch so.

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ZEIT: Man hat den Eindruck, dass viele, die mehr wissen, nicht reden.

Cohn-Bendit: Es gibt bei einigen die Haltung, dass die Kritiker die Schule, die ja große Verdienste hat, vernichten wollten. Ich sehe das nicht so. Die Opfer des Missbrauchs haben das Recht auf Rache. Nur ihre Enthüllungen haben den Skandal ans Licht gebracht, und da gehört er hin. Alles, was der Aufklärung dient, ist gut.

ZEIT: Zum Konzept der Odenwaldschule gehört das Zusammenleben in sogenannten Familien. Der Lehrer ist gleichzeitig Erzieher, eine Art Ersatzvater. Begünstigt diese Nähe den Missbrauch?

Cohn-Bendit: Diese Nähe ist sicher ein Problem. Die meisten Missbrauchsfälle finden in der Familie statt, auch da begünstigen die Nähe und Vertrautheit die Täter. Dennoch wird keiner auf die Idee kommen, die Familie abzuschaffen. Für viele Odenwaldschüler war die Familienstruktur die Rettung, auch für mich. Ich kam aus Frankreich und wollte nicht nach Deutschland. Wäre ich nicht in dieser Lehrer-Schüler-Familie gelandet, hätte ich wahnsinnige Schwierigkeiten gehabt, in der Schule meinen Platz zu finden.

ZEIT: Jetzt stehen Reformpädagogen mit ihrer libertären Sexualmoral in der Kritik. Macht Sie das nachdenklich?

Cohn-Bendit: Natürlich. Für die katholische Kirche und ihre Erziehung bin ich kein Spezialist, die müssen das für sich klären. Mich bewegt, dass eine libertäre Sexualmoral, die auf Emanzipation angelegt ist, für sexuellen Missbrauch und sexuelle Ausbeutung benutzt wurde. Ich bin immer für diese libertäre Sexualmoral eingetreten und werde es auch weiter tun, denn die repressive Vor-68er-Sexualmoral hat großen Schaden angerichtet. Aber wir haben im Überschwang auch Fehler gemacht, die man korrigieren muss. Wir haben keine klaren Grenzen gezogen. Den Kindern und Jugendlichen eine eigene Sexualität, einen eigenen Weg zur Entwicklung der Sexualität zuzugestehen war und ist richtig. Dass Erwachsene Kindern ihre Art von Sexualität, auch wenn sie einen libertären Anstrich hat, überstülpen, das verkehrt Emanzipation in ihr Gegenteil.

Leserkommentare
    • ddkddk
    • 15. März 2010 19:32 Uhr

    dass er mit Kindern keine sexuellen Handlungen begangen hat wie ihm immer wieder unterstellt wurde.

    Damit dürfte auch eines der wesentlichen Argumente derjenigen, die die 68iger für die heutigen Missstände verantwortlich machen, beseitigt sein.

  1. ach, wer in fremder Leute Vergangenheit wühlt...

    [...]

    [Gekürzt, bitte sehen Sie von Links auf Seiten ab, welche die persönliche Beleidigung Dritter beinhalten. Danke. /Die Redaktion pt.]

  2. @1: Der Papst, die Bischöfe und die grosse Mehrheit katholischer Priester haben auch KEINE sexuellen Handlungen begangen!

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    • ddkddk
    • 15. März 2010 22:21 Uhr

    und hinsichtlich der Mehrheit der Bischöfe und Priester auch.

    Aber was hat Ihre Bemerkung mit dem Kommentar #1 zu tun?

    Aus welchen Gründen leiten Sie daraus irgendeinen Bezug zum Papst ab?

    Oder leitet Sie da Ihr Unterbewusstsein irgendwie in die Irre?

    • ddkddk
    • 15. März 2010 22:21 Uhr

    und hinsichtlich der Mehrheit der Bischöfe und Priester auch.

    Aber was hat Ihre Bemerkung mit dem Kommentar #1 zu tun?

    Aus welchen Gründen leiten Sie daraus irgendeinen Bezug zum Papst ab?

    Oder leitet Sie da Ihr Unterbewusstsein irgendwie in die Irre?

  3. viereggtext - ... Schlechte Literatur! Aha. Nachdem das in dem Buch stand, war das wohl nur schlechter Geschmack zu der Zeit. Zu viel Drugs and Rock'n' Roll? Zeugenberichte der Vergehen werden gebraucht. Sobald die Zeugen sie freigeben und ernst zu nehmen sind, wollen wir es lesen. So wie in der FAZ der Zeugenbericht, der Bände von schlechter Literatur spricht.

  4. Ich glaube Herrn Cohn-Bendit nicht, auch wenn ich das nicht beweisen kann.

    Es sind schon arg viele Zufälle, dass er an einem Internat sozialisiert wurde, indem die Leitung offenbar "freie Liebe" mit Minderjährigen als gesellschaftsfähig ansah und das Umfeld Pädophilie legalisieren wolle, damals.

    In seiner Szene in den 1970ger Jahren war er ja mit seinen "Memoiren" ein toller Hecht, machte Karriere, weil er eben auch bei Sexualität mit Minderjährigen besonders "fortschrittlich" war. Das nun alles frei erfunden gewesen sein soll und auf keinerlei "Erfahrung" beruhte, ist doch sehr unplausibel. Vielleicht sollte man mal Zeitzeugen aus seinem damaligen Umfeld ausfindig machen.

    Dass dies ein totaler Irrweg war, hat auch Cohn-Bendit glücklicherweise eingesehen. Er scheint sich ja heute fast für seine damaligen Äußerungen zu schämen.

    Nur damals hätte auch ein Cohn-Bendit die katholische Kirche als "veraltet" und "reaktionär" beschimpft, wenn sie mit pädophilen Kirchenmitarbeitern so umgegangen wären, wie man das heute richtigerweise verlangt.

    Wer sich immer dem Zeitgeist unterwirft, eben kein werteorientierter Fels in der Brandung ist, begeht auch die Verbrechen des Zeitgeistes. Mal ist der Zeitgeist, Behinderte und Juden ins KZ zu werfen, mal ist der Zeitgeist, Sex mit Kindern zu legalisieren, mal ist der Zeitgeist, Klima über alles zu stellen und die Weltklimadiktatur auszurufen.

    Immer ist eine kritische Distanz angebracht. Zu selten wird dies aber praktiziert.

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    "Mal ist der Zeitgeist, Behinderte und Juden ins KZ zu werfen, mal ist der Zeitgeist, Sex mit Kindern zu legalisieren, mal ist der Zeitgeist, Klima über alles zu stellen und die Weltklimadiktatur auszurufen."

    Es war ja dann auch Zeitgeist all diese Nazis und Stasi Leute mit Akribie zu jagen.
    Angesichts der hunderttausenden Toten und Flüchtlinge, die selbst eine relativ kleine Klimaänderung auf einer übervölkerten Erde mit sich bringen würde, können die ganzen Kritiker der Klimadebatte nur hoffen, dass es für sie nicht so kommt. Oder, wahrscheinlicher, sie sind doch, ganz Zeitgeist, Fähnchen im Wind, wenn die Konsequenzen eintreten.

  5. Der gemeinsame Nenner der Sexualvergehen in den Erziehungseinrichtungen der Kirche u der modernen Reformpädagogik liegt im Missbrauch der gesellschaftlich zugeschriebenen und so der Gemeinschaft aufoktroyierten Macht.

    Woraus besteht die Macht im Falle der Sexualvergehen?
    Wer ist zur Verantwortung zu ziehen ?

    Im Falle der modernen Reformpädagogik (Odenwaldschule) besteht die Macht in der erziehungswissenschaftlich-regierungsamtlich zugewiesenen Anbetung realitätskonträrer Ansichten eines Kartells über Jugendliche u Schüler schlechthin, mit dem Ziel der Vernichtung der professionellen Distanz zwischen Lehrer u Schüler.

    Eine Anbetung, die auf den Weg gebracht wurde durch weite Teile der schüler- u unterrichts-erfahrungslosen universitären Pädagogik.

    In der Folge erfolgte eine um sich greifende Apotheose durch Lehrerverbände wie die GEW u Grundschullehrerverband, pädagogische Publikationen, Hessen-Pädagogik, Bertelsmann-Stiftung, NRW-Pädagogik (Rau-Denkschrift), bis hin zur kultusministeriell verantworteten. Monumentalisierung dieser realitätsleugnenden Prinzipien in sämtlichen Richtlinien aller Bundesländer.

    DIE MENSCHEN STÄRKEN, DIE SACHEN KLÄREN

    „Wenn überhaupt,“ sagte Hentig der SZ, „dann könnte mal ein Schüler den Lehrer Becker verführt haben.“
    http://de.wikipedia.org/w...

    Suchen wir eine Gruppe, die als Sündenbock für genannte Ereignisse u Phänomene geeignet ist,
    um abzulenken von der klar zuzuordnenden Verantwortung!

  6. "Die Opfer des Mißbrauchs haben das Recht auf Rache". Ich bin entsetzt über diese Äußerung von Herrn Cohn Bendit. Nein, niemand hat Recht auf Rache.

    Die kindlichen Opfer von sexueller und anderer Gewalttätigkeit möchten das Recht erhalten, zum anderen als Erwachsene ihre Geschichte offen vortragen zu dürfen mit Nennung der Namen. Für die Täter darf keine Verjährungsfrist gelten. Jede einzelne Tat muß angehört werden und gegebenenfalls darüber gerichtet werden.

    Ich weiß durch eigenes Erleben, wovon ich spreche. Nein, Herr Cohn-Bendit, sie haben nichts, aber auch gar nichts verstanden.

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