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Eine ungeheure, eine ungeheuerliche Zahl von Missbrauchsfällen in katholischen Einrichtungen, Klöstern, Schulen, Chören ist bekannt geworden, und der Strom der schlechten Nachrichten reißt nicht ab. Vor wenigen Tagen ist der systematische Missbrauch in einer reformpädagogischen Schule bekannt geworden, die sicher nicht die Einzige bleiben wird. Zugleich stürmt der Roman Axolotl Roadkill die Bestsellerlisten, in dem sich die Hauptfigur an kinderpornografischen Darstellungen erregt. Und die Bundesregierung nimmt die Sperrung von kinderpornografischen Internetseiten zurück. Treibt unsere Gesellschaft ins moralische Chaos?

Sicher nicht. Und doch ist etwas Bedrohliches im Gange, zu gefährlich, als dass man es schon, wie Politiker jetzt vorschlagen, an einem Runden Tisch auspalavern könnte. Zunächst muss die Verwirrung geordnet und die Beunruhigung zugelassen werden. Denn der katholische Missbrauch und der reformpädagogische Missbrauch sind zwei Verkehrtheiten, die sich ineinander spiegeln.

Reden wir also über Sexualität. Da kennen wir uns alle aus, alles ist gesagt, alle Praktiken sind gezeigt. Erstaunlicherweise hat die Sexualität trotzdem wenig von ihrer Bedeutung eingebüßt, sie ist und bleibt die letzte Wildnis unserer durch und durch zivilisierten Gesellschaft. Sie entfaltet weiterhin eine ungeheure Kraft, wenn sie sich mit so etwas wie Liebe verbindet. Sexualität ist ein Projekt, das ständig neue Reize sucht und ohne die Liebe in die letzten Tabuzonen vordringen will: unser Projekt der Entgrenzung.

Über die Hölle zu reden ist schon viel schwieriger. Man ist es nicht mehr gewohnt. Ganz zu Recht, wenn unter Hölle die Strafanstalt eines ungnädigen Gottes verstanden wird. Zu Unrecht, wenn die Hölle gesehen wird als eine Welt, in der man leidet, ohne dass ein Ende absehbar ist, wo die Vertrauten Feinde sind, wo Gut und Böse nicht mehr zu unterscheiden sind, wo der eigene Körper geschändet, die Würde wieder und wieder verletzt wird. Heillose Einsamkeit – diese Hölle durchleben Kinder, die von Lehrern sexuell missbraucht werden, deren Eltern nichts wissen oder wissen wollen.

Zivilisation, gerade in einer sexualliberalen Gesellschaft, bedeutet, dass die Wildnis der einen nicht zur Hölle der anderen werden darf – dass, wo alles erlaubt ist, eines absolut verboten bleiben muss. Dass gegen diese Norm verstoßen wird, ist schlimm, aber so wenig zu verhindern wie Mord oder Raub. Wenn so etwas jedoch systematisch geschieht, dann – spätestens dann – ist das zutiefst beunruhigend.

Am 28. Januar dieses Jahres wurden die Missbrauchsfälle am Berliner Canisius-Kolleg bekannt. Als Erstes fuhr der Schreck den Schülern, Lehrern und Eltern des Jesuiten-Gymnasiums in die Glieder. Zu Letzteren gehört auch der Autor dieses Artikels. Dankbar war man dafür, dass der Schulleiter Pater Klaus Mertes von Anfang an das einzig Richtige tat: Rückhaltlose Aufklärung ohne Rücksicht auf den Ruf der Schule; die Interessen der Opfer wurden zur Richtschnur des Handelns erklärt. Dafür erhielt der Pater viel Unterstützung, und jene, von denen man Widerspruch erwartet hatte, schwiegen erst mal.

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Mertes tat aber noch etwas anderes: Er fragte danach, was die katholische Sexualmoral und was die Verurteilung der Homosexualität seitens der Kirche mit dem systematischen Missbrauch zu tun haben könnten. Damit war natürlich nicht gemeint, dass der Zölibat und die Schwulenfeindlichkeit zwangsläufig in den Missbrauch führen. Aber sie können dazu beitragen, wenn Veranlagung und Gelegenheit schon da sind. Um es mit den Worten eines Kollegen von der Süddeutschen Zeitung zu sagen: »Missbrauch innerhalb dieser Kirche schmeckt nun mal nach Katholizismus.«