Kindesmissbrauch Gefährliche NäheSeite 4/4
Autoritäre katholische Erziehung und Reformpädagogik waren in den siebziger und achtziger Jahren entgegengesetzte Konzepte. Zwischen ihnen verlief eine Front im Schulkrieg der Linken und Rechten. Missbrauch wurde auch deshalb unter der Decke gehalten, um dem Gegner keine Munition zu liefern. Heute weiß man: Jener Krieg forderte Opfer auf beiden Seiten – Schüler und Schülerinnen. Und heute weiß man auch: Zum Missbrauch an Schulen führen verschiedene Wege, autoritäre und antiautoritäre, Hierarchie und Hierarchielosigkeit. Eine Seite kann sich deshalb nicht mit der anderen herausreden, jede muss die eigenen Abwege kennen, wenigstens in Zukunft.
Im Roman »Axolotl Roadkill« werden Kinder gefoltert
War’s das? Zwei verirrte Traditionen, zwei überhitzte Denkschulen und alles mindestens zwanzig Jahre her? Tatsächlich spricht viel dafür, dass Missbrauch an Schulen heute weniger wahrscheinlich ist als früher. Vor allem die Emanzipation des Kindes, das neue Selbstbewusstsein der Schüler, die sich nicht mehr so leicht Hierarchien beugen oder in einen schrägen Lehrerkosmos ziehen lassen. Und – so verkehrt ist die Welt – zu dieser Emanzipation des Kindes haben auch Hartmut von Hentig einerseits und die moderne ignatianische Pädagogik andererseits beigetragen, benannt nach dem Gründer des Jesuitenordens Ignatius von Loyola.
Trotzdem war es das nicht. Denn wenn es stimmt, dass ein großer Teil der Sexualität in einer rundum liberalen Gesellschaft auf Steigerung zielt und dass sie Tabus braucht, damit noch etwas übrig ist für den letzten Kick, dann wird dieser Trieb in immer neuen Gestalten gegen das letzte sexuelle Tabu anrennen oder sich drum herumschleichen: das Kind.
In den vergangenen zwei Monaten ist noch mehr geschehen, das Grund zu Irritationen gibt. Zunächst der Roman der 18-jährigen Helene Hegemann Axolotl Roadkill. Die junge Berlinerin stammt aus einem bildungsbürgerlichen Milieu, das seine um Abgrenzung bemühten Kinder mit fast grenzenloser Toleranz quält. Diese liberalen Erwachsenen können alles erklären, was sie sehen, und alles begründen, was sie tun. Helene Hegemann schrieb konsequenterweise einen Roman, in dem sie jeden Gedanken zerreißt, jede Erklärung zerschmettert, keine Handlung und keinen Gedanken zu Ende kommen lässt. Manche finden das interessant, manche nicht. So weit, so üblich.
Allerdings genügte das der Autorin nicht als Provokation, sie musste auch noch Szenen einstreuen, in denen Kinder auf brutalste Weise sexuell missbraucht und gefoltert werden. Mifti, die Hauptfigur des Romans, geilt sich an diesen perversen Schilderungen auf. Erstaunlich und befremdlich ist aber, dass diese kinderpornografischen Stellen in einer wutschnaubenden Feuilleton-Schlacht um das Buch so gut wie keine Rolle spielten. Vielmehr ging es um die wichtige Frage, ob Plagiieren einen Roman eher veredelt oder entwertet. Und das alles, da zugleich andernorts die Missbrauchsdebatte tobte, die Zeitungen voll davon waren, dass Patres Kinderpornos aus dem Internet herunterladen. Hermetik ist offenbar kein Privileg von Klöstern und Landschulheimen.
Ebenfalls während der Missbrauchsdebatte, aber davon offenbar unberührt, beschloss die schwarz-gelbe Bundesregierung, das erst kurz vor der Bundestagswahl verabschiedete Gesetz zur Sperrung von Kinderpornoseiten im Internet zu kassieren. Dahinter stand eine Auseinandersetzung zwischen der damaligen Famlienministerin Ursula von der Leyen und einem extremen Teil der Internetgemeinde. Die Internetfreaks meinten, Sperren sei nutzlos und der Beginn einer staatlichen Internetzensur. Die Ministerin und ihre Große Koalition hingegen wollten die einschlägigen Seiten sperren können, weil das Löschen von Seiten, die im Ausland angefertigt werden, in der Regel unmöglich ist.
Was hat nun zum Meinungswechsel bei der Union geführt? War es eine technische oder rechtliche Neuerung, die das Löschen dieser Missbrauchsdokumente erleichtert und das Sperren unnötig macht? Etwas ganz anderes ist geschehen. Die Piratenpartei, die gegen die »Zensur« angekämpft hatte, erhielt bei der Bundestagswahl zwei Prozent, was wiederum die Regierung so sehr ins Bockshorn jagte, dass sie nun neue Prioritäten setzt: Die Verbreitung von Kinderpornos ist nicht so schlimm wie die Angst der Internetfreaks vor Zensur. Rücksichtnahmen auf dem Rücken von Missbrauchsopfern sind keine Besonderheit der katholischen Kirche.
Nun also ein runder Tisch: Der Vatikan ist dafür, die Kanzlerin auch, und die neue Familienministerin Kristina Schröder will dazu einladen. Nun gut. Aber dort wird sich nicht entscheiden, wie Deutschland mit Missbrauch künftig umgeht. Die Tische, auf die es ankommt, sind eckig. Sie stehen in Schulen, in den Büros der Rektoren, sie stehen im Kanzleramt, in Redaktionen, in Esszimmern, in Küchen und in Kneipen. Wie oft an diesen Tischen den Kindern zugehört und den Tätern Nein gesagt wird, davon hängt alles ab. Leicht ist das nicht, denn immer wieder werden sich politische, ästhetische oder pädagogische Einwände dazwischenschieben, das Vielleicht wird sich einschleichen, in wechselnden Gewändern. Und wird doch immer ein Vorbote der Hölle bleiben.
Mitarbeit: Miguel A. Zamorano
- Datum 15.03.2010 - 11:58 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 11.03.2010 Nr. 11
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"Erstaunlich und befremdlich ist aber, dass diese kinderpornografischen Stellen in einer wutschnaubenden Feuilleton-Schlacht um das Buch so gut wie keine Rolle spielten."
Erstaunlich und befremdlich ist, dass Iris Radisch, die Leiterin des ZEIT-Literaturressorts, gesagt hat, sie fände die Beschreibung einer brutalen Kindesvergewaltigung in "Axoloatl Roadkill", bei der dem Mädchen gleichzeitig die Augen durch Schwefel herausgebrannt wurden, "kokett".
Vielleicht könnte Frau Radisch sich dazu mal öffentlich äußern und das näher erläutern.
Die Gleichgültigkeit gegenüber der Gewalt an Kindern in vielen Teilen der Gesellschaft ist schon erschreckend.
Es schwillt in den Foren die Empörung hoch, wenn es um den Mißbrauch innerhalb der K.K. geht.
Die Menschen sollten mit ihrer Empörung haushalten, denn es gibt noch andere Orte der Kindesschändung. Ob es nun die Odenwaldschule ist, oder ob es staatliche Kindergärten sind, in allen Heimen und an allen Orten, wo Kinder mit Erwachsenen unbeobachtet in Kontakt kommen, kann es zu Übergriffen auf das Kind kommen.
Es gibt keine spezielle Gruppe des Bösen, für die Kinder fängt immerr noch das Böse im eigenen Kinderzimmer an.
Und die körperliche Gewalt gegen die Kleinsten findet fast immer noch zu Hause staat.
Hoffentlich ist keiner der heimischen TäteRinnen jetzt an vorderster Front der Empörten, so etwas soll es ja geben.
Orpheus
Es schwillt in den Foren die Empörung hoch, wenn es um den Mißbrauch innerhalb der K.K. geht.
Die Menschen sollten mit ihrer Empörung haushalten, denn es gibt noch andere Orte der Kindesschändung. Ob es nun die Odenwaldschule ist, oder ob es staatliche Kindergärten sind, in allen Heimen und an allen Orten, wo Kinder mit Erwachsenen unbeobachtet in Kontakt kommen, kann es zu Übergriffen auf das Kind kommen.
Es gibt keine spezielle Gruppe des Bösen, für die Kinder fängt immerr noch das Böse im eigenen Kinderzimmer an.
Und die körperliche Gewalt gegen die Kleinsten findet fast immer noch zu Hause staat.
Hoffentlich ist keiner der heimischen TäteRinnen jetzt an vorderster Front der Empörten, so etwas soll es ja geben.
Orpheus
Dieser Artikel liest sich gut bis zu dem Punk wo es zum Gesetz zur Sperrung von Kinderpornoseiten im Internet kommt. Dann wird es leider Polemisch, "Internetfreaks" ist keine allzu sachliche Bezeichnung.
Dieses Gesetzt war handwerklich einfach zu schlecht um es aufrecht erhalten zu werden. Es wäre mit großer Sicherheit in Karlsruhe gescheitert. Und vermute, dass die Regierung sich diese Blöße nicht geben wollte.
Die Bundesregierung hätte mit ihrem Internetsperrgesetz leider nicht, wie der Artikel uns einreden will, auch nur einen Kindesmissbrauch verhindert, sondern lediglich die Seiten versteckt. Und das nur für den unbedarften Standarduser, wer sich technisch auch nur ein klein bisschen auskennt oder ein YouTube Video aufrufen kann, könnte diese Zensurmaßnahme leicht umgehen. Primär sollten die Kinder geschützt werden, in dem man die Inhalte entfernt und die Täter konsequent verfolgt und hoch bestraft. Nur weg schauen hilft keinem einzigen Kind.
Warum, nun wir müssen nur auf die aktuellen Ereignisse rund um die katholische Kirsche schauen um zu sehen, was passiert, wenn man weg sieht, anstelle die Täter zu verfolgen.
Die Bundesregierung hätte mit ihrem Internetsperrgesetz leider nicht, wie der Artikel uns einreden will, auch nur einen Kindesmissbrauch verhindert, sondern lediglich die Seiten versteckt. Und das nur für den unbedarften Standarduser, wer sich technisch auch nur ein klein bisschen auskennt oder ein YouTube Video aufrufen kann, könnte diese Zensurmaßnahme leicht umgehen. Primär sollten die Kinder geschützt werden, in dem man die Inhalte entfernt und die Täter konsequent verfolgt und hoch bestraft. Nur weg schauen hilft keinem einzigen Kind.
Warum, nun wir müssen nur auf die aktuellen Ereignisse rund um die katholische Kirsche schauen um zu sehen, was passiert, wenn man weg sieht, anstelle die Täter zu verfolgen.
Zitat: "Die Internetfreaks meinten, Sperren sei nutzlos und der Beginn einer staatlichen Internetzensur. Die Ministerin und ihre Große Koalition hingegen wollten die einschlägigen Seiten sperren können, weil das Löschen von Seiten, die im Ausland angefertigt werden, in der Regel unmöglich ist."
Schöner Wechsel aus dem Konjunktiv!
Die Autorin weiss also, dass das Löschen nahezu unmöglich ist? Sie hat die technische Kompetenz soetwas zu behaupten? Was möchte sie damit aussagen?
Vorallem da es überhaut nicht unmöglich ist (weder im In- noch im Ausland), oft reicht da schon eine EMail an den Provider....
Es waren auch nicht die Internet"freaks" sondern die breite Masse technisch informierter User, die die Stoppschilder als sinnlosen Aktionismus entlarvt haben, die nicht einen einzigen Missbrauchsfall hätten verhindern können.
Ein "Schutz" der in 10 sek umgehbar gewesen wäre, völlig am Problem des Mißbrauches vorbeigezielt hat, aber dafür die ersten Teile einer Überwachungs- und Zensurinfrastruktur installiert hätte.
"Rücksichtnahmen auf dem Rücken von Missbrauchsopfern sind keine Besonderheit der katholischen Kirche"
Aber wohl ihre besondere Spezialität!
Genau so wie das inszenieren von Nebenschauplätzen zur Ablenkung von den wahren Problemen eine beliebte Taktik zur Vertuschung der eigenen Schwäche ist.
Frei nach dem Motto: Das was wir machen ist vielleicht nicht ok, aber die anderen machen auch viel schlimmes"
Die Bundesregierung hätte mit ihrem Internetsperrgesetz leider nicht, wie der Artikel uns einreden will, auch nur einen Kindesmissbrauch verhindert, sondern lediglich die Seiten versteckt. Und das nur für den unbedarften Standarduser, wer sich technisch auch nur ein klein bisschen auskennt oder ein YouTube Video aufrufen kann, könnte diese Zensurmaßnahme leicht umgehen. Primär sollten die Kinder geschützt werden, in dem man die Inhalte entfernt und die Täter konsequent verfolgt und hoch bestraft. Nur weg schauen hilft keinem einzigen Kind.
Warum, nun wir müssen nur auf die aktuellen Ereignisse rund um die katholische Kirsche schauen um zu sehen, was passiert, wenn man weg sieht, anstelle die Täter zu verfolgen.
sorry hab grad gelesen, dass der Artikeln von einem Autor stammt... da hab ich mich wohl zu sehr über die sinnlose und vorallem technisch absolut falsche Polemik aufgeregt....
Es hält der Minister den Bischof flüsternd am Arm: " Halt du sie dumm, ich halt sie arm!" (R. Mey)
Das ist der bisher beste Artikel zum Thema, endlich auch auf ZEIT-online.
Eine Frage fehlt: Ist das reformpädagogische System geschaffen worden, um den spezifisch reformpädagogischen Eros zu rechtfertigen? Mittlerweile hat sich Hartmut von Hentig eindeutig geäußert:
Das Kind ist der Verführer, der Lehrer der Verführte.
Will man bei ihm nicht platteste Täter-Opfer-Umkehrung annehmen, ist die Folgerung schlimmer: eine solche Aussage gelingt nur in pädosexuellen Systemen.
Anders als in der katholischen Kirche, wo sexuelle Handlungen von den unteren Chargen begangen wurden und vom System mit seinen spezifischen Hierarchien und toten Winkeln konsequent aus dem Blick geschafft wurde, ist es in der Reformpädagogik die Spitze der Bewegung, die Missbrauch begeht und vor sich selbst zugleich rechtfertigt und verleugnet.
Ausgehend von Hartmut von Hentig und seiner Bielefelder Laborschule haben reformpädagogische Aspekte über Nordrhein-Westfalen Lehrplände und Lehrerausbildungsstätten des gesamten Landes erfasst und sind richtlinienbildend geworden, ohne jemals den Beweis erbracht zu haben, besser oder auch nur tauglich zu sein.
Seit dreißig Jahren erfahren wir vom reformpädagogischen Aufbruch, vom Fackeln-entzünden-statt-Fässer-füllen, seither wird Schule bewegt und was dergleichen Kampagnenvokabular mehr ist.
Seit dieser Zeit nimmt die soziale Leistungsschere immer weiter zu, ohne dass jemals ein Zusammenhang hergestellt wurde. Auch dies gilt es jetzt in den Blick zu nehmen.
in einem Artikel, der das Engagement, gelegentlich das Entsetzen des Autors kaum gebändigt durchscheinen lässt, wird man sich nicht wundern. Wenn jedes Tabu nieder gerissen ist, und die Zukunft kraft Ausblickes auf die Ergüsse einer gerade mal im „copy&paste“-Modus beschlagenen knapp Volljährigen eher noch brutaler daher zu kommen droht, was bleibt dann? Kein Rückgriff auf Glauben (und den implizierten Moralgeboten), weil sich die Institutionen insoweit selbst erledigt haben; kein Rückgriff auf Aufklärung (und den expliziten Formulierungen), weil deren Träger im Ergebnis genauso fehlbar sind; und kein Halt in einer Generation, der die Haltlosigkeit schon jetzt zum Prinzip geworden ist.
Möchte man meinen!
Denn eigentlich verleiten Sie, sehr geehrter Herr Ulrich, zu einem zu pessimistischen Blick auf die Wirklichkeit. Was da heranwächst, teilweise herangewachsen ist, ist eine sehr wache Generation Menschen mit einer schon schlafwandlerisch sicheren Fähigkeit zur Differenzierung. Das sind nicht nur die verwöhnten schriftstellernden Gören, denen gerade nicht die Jugend, sondern die Erwachsenengeneration im vorauseilenden Gehorsam ggü. Kulturerbhöfen Tribut zollt. Es sind die, die etwa in den Blogs das Authentische verbreiten und dabei, fast schon spielerisch, das Auge schärfen für spam, scum und Doppelzüngigkeit. In diese Jugend gilt es zu investieren. Denn die klopft der Hand mal ganz schnell auf die Finger, wie der Bevormundung auf die Gosch.
Arte zeigt Dokumentationen über Kindersoldaten im Kongo und die zweite Frage, die ins Wohnzimmer tönt ist "Hast du vergewaltigt", nächste Szene, ein schwerst gefoltertes Mädchen soll vor der Kamera öffentlich erzählen, was genau ihr angetan wurde, wie verachtend. Was bezweckt man damit? Wie lehrt und lernt man Emphatie, wenn drumherum Kälte herrscht und keine Zeit genommen wird, um auf die kleinen Geschöpfe zu achten. Dazu bedarf es vieler aufmerksamer emphatischer Menschen die sich Zeit nehmen.
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