ZEIT-Museumsführer Beckmann inspiriert
Der ZEIT-Museumsführer (44): Das Museum Körnigreich in Dresden
In den großen Museen für moderne Kunst begegnen uns immer wieder die üblichen Verdächtigen: Cézanne und Monet, Picasso und Klee, Warhol und Richter. Sie sind zu alten Bekannten geworden, und wir wissen ziemlich genau, was wir von ihnen zu erwarten haben. Unerwartetes hingegen, eine Kunst jenseits des Kanons der Moderne, findet sich selten und meist nur in kleineren Häusern.
In Dresden gibt es seit Kurzem das sogenannte Körnigreich, ein winziges Museum, in dem man das Werk eines Künstlers entdecken kann, das jahrzehntelang in den Depots der Städtischen Sammlungen und des Kupferstichkabinetts weggeschlossen war. Der DDR-Staat hatte die Hinterlassenschaften des Graphikers und Malers Hans Körnig (1905 bis 1989) konfisziert, nachdem dieser im Sommer 1961 während einer illegalen Urlaubsreise nach Belgien und Holland vom Mauerbau überrascht worden war und sich für einen Neuanfang in der Bundesrepublik entschieden hatte. Als Werke eines Republikflüchtlings erschienen seine Arbeiten den DDR-Offiziellen nicht mehr tragbar.
Mehr als 20 Jahre nach dem Freitod des Künstlers – er nahm sich kurz vor der Wende das Leben – ist es nun der Initiative eines bayerischen Unternehmers zu verdanken, dass Körnigs umfangreiches Œuvre an den Ort zurückkehren kann, an dem es großenteils entstanden ist: ins Wallgässchen 2 in der Dresdner Neustadt. Dort hatte Körnig bis 1961 ein Atelier unter dem Dach, in dem er nicht nur arbeitete, sondern in den Jahren 1954 und 1955 auch zwei in der lokalen Kunstszene viel beachtete Dachbodenausstellungen zeigen konnte. Gemeinsam mit den Erben ist es dem dezent im Hintergrund agierenden Mäzen gelungen, im Hochparterre und Souterrain desselben Gebäudes geeignete Räume für die dauerhafte Präsentation von Körnigs Arbeiten einzurichten.

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Die Eröffnungsschau zeigt Malerei und Grafik auf jeweils einer eigenen Etage und macht so auf die Zweiteilung von Körnigs Werk aufmerksam: Gemalt hat er nur bis 1961; im niederbayerischen Exil beschränkte er sich – nicht zuletzt aus finanziellen Gründen – ganz auf die kleinformatigere Grafik. In dichter Hängung bietet die Ausstellung einen Überblick über das facettenreiche Werk des Künstlers und führt so die malerische Entwicklung vor Augen – vom spätimpressionistischen »Farbenkleckser und Schmierer« (Körnig über Körnig) hin zum Vertreter einer fast klassischen, mit breitem Strich stilisierenden Figuration.
Körnig hat sich weder einem nationalsozialistischen Idiom angepasst, noch ließ er sich für den sozialistischen Realismus vereinnahmen. Gleichwohl ist er der gegenständlichen Malerei – in einer surrealen Spielart – immer treu geblieben. Neben den Dresdner Größen Dix, Kokoschka und Grundig hat er sich auch an Rousseau, De Chirico und Picasso abgearbeitet. Ein bislang zu wenig beachteter Impulsgeber ist sicher Max Beckmann, an dem sich Körnig nicht nur im Hinblick auf Themenwahl, Bildformate und Malweise stark orientiert hat. Auch lernte er von ihm, grafische Varianten der Ölgemälde anzufertigen. Bei aller Verpflichtung gegenüber den genannten Vorbildern hat Körnig jedoch ein durchaus eigenständiges Idiom gefunden.
Ein stets wiederkehrendes Thema in seinem malerischen Werk ist die eigene Familie, der er vor allem ist seinem Triptychon von 1955 ein monumentales Denkmal gesetzt hat. Auf jeder der drei gleich großen Leinwände (250 x 200 cm) erscheint der Künstler gemeinsam mit seiner Frau Lisbeth, seinen beiden Stieftöchtern und seiner vierjährigen Tochter Margarethe. Das geradezu somnambule Mondlicht, das die Bildräume erhellt, erlaubt es ihm, die Figuren in einem kontrastreichen, quasi-linearen Stil zu modellieren, der bei aller Strenge im Duktus einen freimalerischen Zug beibehält. Während nun der rechte Flügel eine bürgerlich-gesittete Balkonszene wiedergibt, zeigt die Mitteltafel die Familie nackt in einem Dresdner Jugendstiltreppenhaus. Das Bild ganz rechts schließlich transformiert die Familiensituation ins Mythologische: Lisbeth erscheint hier als Pomona, die antike Göttin des Obst- und Gartenbaus (tatsächlich kultivierte sie einen ertragreichen Schrebergarten). In solchen Verfremdungen des Familiär-Beschaulichen beweist Körnig immer wieder einen großen Sinn fürs Groteske, der nichts von seiner irritierenden Kraft verloren hat.
- Datum 16.03.2010 - 11:34 Uhr
- Serie ZEIT-Museumsführer
- Quelle DIE ZEIT, 11.03.2010 Nr. 11
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Ein wenig versteckt - in einer verwinkelten Gasse im so genannten Barockviertel der Stadt - liegt das Museum. Die Graphiken faszinieren und zeigen beeindruckende Portraits, sowie Stadtlandschaften. Dieses Kleinod ist eine Reise wert und war beeindruckend.
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