Meeresschutz Verspeist

Der delikate Rote Thunfisch soll global geschützt und der Handel mit ihm verboten werden. Das wäre das Aus für ein Milliardengeschäft – und ein Eingeständnis des Scheiterns.

Delikatesse am Haken: In Japan ist der Rote Thun besonders beliebt für Sushi

Delikatesse am Haken: In Japan ist der Rote Thun besonders beliebt für Sushi

Diese »Ungerechtigkeit«, die regt ihn am meisten auf. Christian Paitrault führt die »Silberschuppe«, einen Fischstand in den Markthallen von Saint-Jean-de-Luz. Das Städtchen, ein Badeort am äußersten Südwestzipfel Frankreichs, lockt jeweils im Juli die Urlauber zum Thunfischfest. »Denn für den Thunfisch sind wir bekannt«, sagt Paitrault. Und zwar für den Roten Thunfisch.

Dieser bedrohte Gigant unter den Fischen, bis zu vier Meter lang, 700 Kilogramm schwer und pfeilschnell, wird besonders geschätzt in Sushibars. Er ist nicht zu verwechseln mit seinem kleinen Bruder, dem Weißen Thun, der überwiegend in Dosen landet (»Hühnchen der Meere«). Der delikate Rote Thun, der meist im Atlantik lebt und zum Laichen ins Mittelmeer schwimmt, ist selten geworden. Weil er überfischt wird, und zwar radikal. Der Fischhändler Paitrault wird darüber gelegentlich von Touristen belehrt.

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Zahlreiche, erst 15 Tage alte Thun-Larven verdanken ihr Leben dem EU-Forschungsprojekt Selfdott zur Ökozucht von Rotem Thun. Bisher mästen Dutzende Aquafarmen Jungfische aus Wildfang. Sie müssten bei einem globalen Thun-Schutz schließen. Nach jahrzehntelangen Mühen können inzwischen Forscher der EU und der japanischen Kinki University von wenigen Tieren HunderteMillionen Eier gewinnen, sie befruchten und daraus fingergroße, masttaugliche Thune päppeln. Noch ist die Aufzucht der empfindlichen »Fingerlinge« heikel. Der Sprecher der Selfdott-Forscher, Christopher Bridges von der Uni Düsseldorf, hält eine nachhaltige Thunzucht in wenigen Jahren für realisierbar: »Das ist nur noch eine Frage des Preises.« Auch der sehr hohe Futtereinsatz – 20 Kilo Fischmehl pro Kilo Thunfisch – lasse sich auf etwa ein Zehntel senken.

Es ist halb acht Uhr morgens, die Stände sind aufgebaut. Fangfrische Petersfische und Doraden, Rochen und Seehechte, Meeraale und Knurrhähne glänzen in der aufgehenden Sonne. Thunfisch hat noch keine Saison. Die Frauen übernehmen die Kassen, die Männer gehen frühstücken. Also, Monsieur, wie war das eben gemeint mit der Ungerechtigkeit?

»Jahrzehntelang haben die Großfischer im Mittelmeer mit ihren Riesennetzen das dicke Geld mit dem Thunfisch verdient«, sagt Paitrault, »bis sie ihn fast ausgerottet haben. Und wenn er bald nicht mehr gehandelt werden darf, dann sind unsere kleinen Fischer hier an der baskischen Küste auch dran. Obwohl sie doch nichts dafür können.«

In diesen Wochen entscheidet sich für viele in Saint-Jean-de-Luz die Zukunft. Und für die Sushirestaurants der ganzen Welt – müssen sie künftig etwa die Nigiris mit rotem maguro (japanischer Thunfisch) von der Speisekarte streichen? Das Urteil fällt ein Behördenapparat, der mehr als 1000 Kilometer nördlich residiert, mitten in Brüssel. Dort propagiert die Europäische Kommission globalen Schutz für den Roten Thun – und ein komplettes Fangverbot. Das stellt nicht nur die bisherige laxe EU-Fischereipolitik auf den Kopf, es gefährdet auch die Existenz kleiner Fischer. Ein brisanter Präzedenzfall – der Rote Thun wäre der erste Speisefisch von globaler Bedeutung, der vollständig vom Teller verbannt würde.

Seit Februar amtiert die neue EU-Kommission. Von ihr geht die Initiative aus, den Roten Thun aufzulisten im strengen Anhang 1 des Washingtoner Artenschutzübereinkommens Cites (Convention on International Trade in Endangered Species). Für alle Arten in Anhang 1 gilt ein internationales Handelsverbot. Für Maria Damanaki wird die Zeit knapp. Der neuen EU-Kommissarin aus Griechenland bleiben nur noch wenige Tage, um eine Mehrheit der Mitgliedsstaaten hinter sich zu bringen.

Deren Regierungen sind oft gespalten: Die meisten Umweltminister fordern den unbedingten Schutz des Thuns, viele Fischereiexperten in den Agrarministerien sind dagegen. So wird in den Staaten wie in Brüssel um eine gemeinsame Position für das Cites-Jahrestreffen gerungen. Die zweiwöchige Konferenz beginnt bereits an diesem Samstag in Doha. Bis Redaktionsschluss der ZEIT Nr. 11 hatte die EU noch keine gemeinsame Linie gefunden.

Leser-Kommentare
  1. Ein Handelsbannspruch über CITES wäre in der Tat ein radikaler Ansatz, um das Problem der schon seit Jahren diskutierten Überfischung des Roten Thunfisches in den Griff zu bekommen.

    Die Fischereilobby hat sich bisher stets gegen Beschränkungen gewehrt. Seit Jahren werden die Fangquoten unter Nichtbeachtung der wissenschaftlichen Empfehlungen festgelegt. Die Überfischungsproblematik ist ein altbekanntes Problem!

    Wer sich gegen ein CITES-Handelsverbot ausspricht, hat das Argument auf seiner Seite, dass ein solcher Bannspruch als ein unverhältnismäßig weitreichender Eingriff aufgefasst werden kann.
    Gleichwohl mögen die Gegner eines Moratoriums bitte gleichermaßen erfolgversprechende Maßnahmen vorschlagen, die das Überleben dieser Fischart sicherstellen. Es ist verständlich, wenn man radikale Lösungsansätze ablehnt, weil es gleichermaßen erfolgversprechende gibt, die in geringerem Maße in die Rechte der Fischer eingreifen. Leider gibt es hier keine zielführenden Alternativen!

    Andererseits ist selbst im Falle eines kompletten Handelsverbots fraglich, ob und wie nachhaltig der Bestand sich erholen wird. Die Problematik des ungewollten Beifangs bleibt offen. Thunfische sterben eventuell auch dann in großer Zahl in Fischernetzen, wenn man ihnen nicht gezielt nachstellt.
    Von daher muss eventuell darüber nachgedacht werden, wie man Rahmenbedingungen für eine dauerhaft nachhaltige Fischerei für alle Arten gestalten könnte. Fangquoten sind offenbar nicht die Lösung!

  2. die sonst immer für tierschutz, ökologie, nachhaltigkeit, menschenrechte, kinderrechte eintreten, aber bei jeder gelegenheit werbung für sushi machten??

    ja ja so ist es wenn man immer mit der mode geht, nicht nachdenkt und nur das ausspricht was gerade als politische korrekt gilt

  3. "Der delikate Rote Thunfisch soll global geschützt und der Handel mit ihm verboten werden. Das wäre das Aus für ein Milliardengeschäft"

    man kann ja auch auf dieses fangverbot bzw das handelsverbot verzichten, es dürfte nur eine frage der zeit sein, bis auch der "letzte fisch" aus dem meer geholt wurde - nur dann ist das milliardengeschäft aber für immer vorbei

  4. Es ist absolut widerlich, wie die Menschheit alles, aber auch wirklich alles auf der Erde ausbeutet, vergiftet, rodet, abfackelt, verschwendet, ausrottet, manipuliert, totschlägt und auffrißt, Hauptsache, es ist Geld damit zu machen.
    Das betrifft alles, seien es Bodenschätze, Tierarten, Regenwälder, Völker, einzelne Menschen oder eine lebenswerte Umwelt. Und es gibt so ziemlich niemanden, den daran keine Schuld trifft; sei es, weil auch er unbedingt alles haben will, alles sehen und persönlich erleben muss, oder weil er blöde ignoriert und/ oder verleugnet, was vorgeht in der Welt.

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    Nach meiner Erfahrung gibt es durchaus Menschen mit erheblich kleinerem Anteil an der Natur- und Umweltzerstörung als der Durchschnitt. Bislang ist es nur so, dass diese Personen (doch doch, normalverdienend) dafür regelmäßig mit "Heuchler"-Unterstellungen und Aggressionen gegen "Ökos" beziehungsweise "Gutmenschen (iieh!)" konfrontiert werden. Da könnte man ja auch mal ansetzen, gesellschaftlich oder so, statt wieder nur der gesamten Spezies Mensch die verbale Keule auf den Kopf zu knallen.

    Ich gehe mal davon aus, dass sie ihrem Anspruch auch selber gerecht werden. Wenn ich aber noch mal drüber nachdenke, kommen mir doch Zweifel. Nichts gegen sie persönlich, aber leben in einer westlichen Industrienation macht es sicherlich nicht einfacher für sie. Nichts für ungut, aber so einfach ist das Leben einfach nicht.

    Nach meiner Erfahrung gibt es durchaus Menschen mit erheblich kleinerem Anteil an der Natur- und Umweltzerstörung als der Durchschnitt. Bislang ist es nur so, dass diese Personen (doch doch, normalverdienend) dafür regelmäßig mit "Heuchler"-Unterstellungen und Aggressionen gegen "Ökos" beziehungsweise "Gutmenschen (iieh!)" konfrontiert werden. Da könnte man ja auch mal ansetzen, gesellschaftlich oder so, statt wieder nur der gesamten Spezies Mensch die verbale Keule auf den Kopf zu knallen.

    Ich gehe mal davon aus, dass sie ihrem Anspruch auch selber gerecht werden. Wenn ich aber noch mal drüber nachdenke, kommen mir doch Zweifel. Nichts gegen sie persönlich, aber leben in einer westlichen Industrienation macht es sicherlich nicht einfacher für sie. Nichts für ungut, aber so einfach ist das Leben einfach nicht.

  5. Nach meiner Erfahrung gibt es durchaus Menschen mit erheblich kleinerem Anteil an der Natur- und Umweltzerstörung als der Durchschnitt. Bislang ist es nur so, dass diese Personen (doch doch, normalverdienend) dafür regelmäßig mit "Heuchler"-Unterstellungen und Aggressionen gegen "Ökos" beziehungsweise "Gutmenschen (iieh!)" konfrontiert werden. Da könnte man ja auch mal ansetzen, gesellschaftlich oder so, statt wieder nur der gesamten Spezies Mensch die verbale Keule auf den Kopf zu knallen.

  6. Ich gehe mal davon aus, dass sie ihrem Anspruch auch selber gerecht werden. Wenn ich aber noch mal drüber nachdenke, kommen mir doch Zweifel. Nichts gegen sie persönlich, aber leben in einer westlichen Industrienation macht es sicherlich nicht einfacher für sie. Nichts für ungut, aber so einfach ist das Leben einfach nicht.

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    Ich nehme mich nicht davon aus, schließlich habe ich ja auch geschrieben, was "die Menschheit" alles anrichtet. Allerdings verkneife ich mir aus meinen Überlegungen heraus deutlich mehr, als der Durchschnittsmensch unseres Kulturkreises. Und ich mache mir auch deutlich mehr Gedanken als dieser, wie bestehende Probleme gelöst werden könnten, oder was "wir alle" falsch machen. Ein Ökospinner bin ich deshalb aber nicht, ich stehe weit genug im Leben, um die Zusammenhänge zu sehen, und um zu wissen, dass es nicht nur schwarz und weiss gibt.
    Mir ist einfach die absolute Ignoranz, Stumpfheit und Kurzsichtigkeit innerhalb vieler Systeme zuwider, mit der sie Dinge tun, die ihnen im Augenblick zwar Geld in die Hände geben, uns allen langfristig aber schaden.
    Vielen Dank für die Erkenntnis, dass das Leben so einfach nicht ist; so komplex kann ich leider nicht denken.

    Ich nehme mich nicht davon aus, schließlich habe ich ja auch geschrieben, was "die Menschheit" alles anrichtet. Allerdings verkneife ich mir aus meinen Überlegungen heraus deutlich mehr, als der Durchschnittsmensch unseres Kulturkreises. Und ich mache mir auch deutlich mehr Gedanken als dieser, wie bestehende Probleme gelöst werden könnten, oder was "wir alle" falsch machen. Ein Ökospinner bin ich deshalb aber nicht, ich stehe weit genug im Leben, um die Zusammenhänge zu sehen, und um zu wissen, dass es nicht nur schwarz und weiss gibt.
    Mir ist einfach die absolute Ignoranz, Stumpfheit und Kurzsichtigkeit innerhalb vieler Systeme zuwider, mit der sie Dinge tun, die ihnen im Augenblick zwar Geld in die Hände geben, uns allen langfristig aber schaden.
    Vielen Dank für die Erkenntnis, dass das Leben so einfach nicht ist; so komplex kann ich leider nicht denken.

  7. Ich nehme mich nicht davon aus, schließlich habe ich ja auch geschrieben, was "die Menschheit" alles anrichtet. Allerdings verkneife ich mir aus meinen Überlegungen heraus deutlich mehr, als der Durchschnittsmensch unseres Kulturkreises. Und ich mache mir auch deutlich mehr Gedanken als dieser, wie bestehende Probleme gelöst werden könnten, oder was "wir alle" falsch machen. Ein Ökospinner bin ich deshalb aber nicht, ich stehe weit genug im Leben, um die Zusammenhänge zu sehen, und um zu wissen, dass es nicht nur schwarz und weiss gibt.
    Mir ist einfach die absolute Ignoranz, Stumpfheit und Kurzsichtigkeit innerhalb vieler Systeme zuwider, mit der sie Dinge tun, die ihnen im Augenblick zwar Geld in die Hände geben, uns allen langfristig aber schaden.
    Vielen Dank für die Erkenntnis, dass das Leben so einfach nicht ist; so komplex kann ich leider nicht denken.

    Antwort auf "Anspruch"
  8. gerade heute kam ein Bericht in den Radionachrichten, dass seit dem aussterben der Dinosaurier nicht mehr so viele Arten binnen kurzer Zeit gestorben ist. Aber wie sollen wir reagieren? Kommt nur mir dass so vor, dass die Ausbeutung der Natur dort am größten ist, wo der Staat/die Gesellschaft vergleichsweise wenig präsent ist? Also in den Weltmeeren, im unzugänglichen Amazonasgebieten (Sojaanbau, illegale Minen), etc. Wie kann es sein, dass einige wenige mit dem Ausbeuten unser Lebensgrundlagen viel Geld machen, während unsere Kinder mit den Folgen zu kämpfen haben? ( Siehe auch http://www.sushi-tuna.com ).

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