Meeresschutz Verspeist
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Die EU-Kommission gibt zu, dass Quotenverstöße viel zu lasch bestraft würden

»Umstellung worauf?«, kontert da Milly. Die hiesigen Boote fingen je nach Saison eine Art nach der anderen, zwischendurch ernteten sie auch mal Algen für die Pharmabranche. »Das ist eine Kette«, sagt er, »und der Rote Thunfisch ist ihr kostbarstes Glied.« Für manche Fischer mache er drei Viertel des Umsatzes aus. »Ein paar hundert Arbeitsplätze« hingen in Saint-Jean-de-Luz daran.

Andererseits: Weil das Geschäft mit dem Roten Thun so lukrativ ist, hielt sich bisher kaum ein Großbetrieb an die strengen Quoten. Dabei bleibe es auch, fürchten Europaparlamentarier wie Werner Kuhn. »Bei einem Kilopreis bis zu 35 Euro kriegen wir das nur schwer in den Griff«, sagt der Fischereiexperte der konservativen EVP-Fraktion. Zuletzt seien allein die Exporte nach Japan – dem weltweit wichtigsten Thunfischmarkt – größer gewesen als die gesamte erlaubte Fangmenge der europäischen Flotte.

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Die EU-Kommission gibt zu, dass Quotenverstöße viel zu lasch bestraft würden. Fischer zahlen dafür im Durchschnitt nur 1548 Euro Strafe. Insgesamt berappe der Fischereisektor für Sanktionen nur ungefähr zwei Tausendstel des Wertes vom gesamten Fang. Einige Mitgliedsstaaten verteilten bei neun von zehn aufgedeckten Verstößen nur einfache Verwarnungen – da könnte man die Quoten auch gleich wieder streichen.

»Die einzige Antwort darauf kann nur ein totales Handelsverbot des Roten Thun sein«, sagt Susan Lieberman von der PEW Environmental Group: »Alles andere wäre eine Schande für die Europäische Union.« Sie begleitet die Cites-Verhandlungen seit 1987, war jahrelang wissenschaftliche Beraterin der US-Regierung. Seit vergangener Woche unterstützen die USA offiziell ein Verbot des Thunfischhandels. Umgehend sollten sich die EU-Staaten nun anschließen, fordert Lieberman. Sie ist wütend, weil auch die neue Fischereikommissarin auf Zeit spiele. Denn Damanakis macht sich zwar für ein Handelsverbot stark, aber nur für den Fall, dass die ICCAT im November die Fangquoten fürs kommende Jahr nicht weiter verschärfen sollte. »Wir geben der ICCAT eine letzte Chance«, heißt es aus der Kommission.

Umweltschützer erzürnt das. Viele Fachleute können dem Zögern der Griechin aber durchaus etwas abgewinnen. So warnte Ende Februar die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, FAO: Ein strikter Cites-Schutz des Roten Thuns gefährde die weitere Beurteilung seiner Bestandsentwicklung, weil wichtige Zahlen von Fischern erhoben werden. Außerdem verdoppelte sich nach jüngsten Beobachtungen von Forschern, die früher für Fangverbote eintraten, inzwischen der Jungfischbestand in großen Gebieten wieder.

Ökologisch wäre ein Totalverbot zwar am besten. Doch es könnte übers Ziel hinausschießen. Ein mahnendes Beispiel ist der Elfenbeinhandel. Als er verboten wurde, litten afrikanische Nationalparks mit vorbildlich geführten Elefantenbeständen, die vom Verkauf kleiner Elfenbeinmengen lebten. Die Parallele zu den Familienbetrieben von Saint-Jean-de-Luz springt ins Auge.

In der Tat wären zeitlich und lokal begrenzte Fangverbote, etwa im Mittelmeer, flexibler als ein globaler Cites-Schutz. Voraussetzung dafür wäre jedoch, dass Verbote auch rigoros durchgesetzt und Überschreitungen konsequent geahndet würden. Erfahrungsgemäß sterben weiträumig ziehende Meeresfische nicht vollends aus, denn ihr Lebensraum ist ungleich größer als jener von Panda, Tiger & Co. Daher ist unter Meeresbiologen unstrittig: Bei gezielter Schonung und striktem Management können sich Fischbestände wieder erholen.

Noch bevor feststeht, was es mit der Umkehr der EU-Politik genau auf sich hat, zeigt diese bereits Wirkung: Die Eigentümer großer Thun-Fangschiffe im Mittelmeer, mit EU-Hilfe reich geworden, haben begonnen, Abwrackprämien von 2 bis 2,5 Millionen Euro pro Schiff zu kassieren. Den kleinen Bootsbesitzern in Saint-Jean-de-Luz steht bisher keine Hilfe zu.

Wer fragt da nach Gerechtigkeit?

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
  1. Ein Handelsbannspruch über CITES wäre in der Tat ein radikaler Ansatz, um das Problem der schon seit Jahren diskutierten Überfischung des Roten Thunfisches in den Griff zu bekommen.

    Die Fischereilobby hat sich bisher stets gegen Beschränkungen gewehrt. Seit Jahren werden die Fangquoten unter Nichtbeachtung der wissenschaftlichen Empfehlungen festgelegt. Die Überfischungsproblematik ist ein altbekanntes Problem!

    Wer sich gegen ein CITES-Handelsverbot ausspricht, hat das Argument auf seiner Seite, dass ein solcher Bannspruch als ein unverhältnismäßig weitreichender Eingriff aufgefasst werden kann.
    Gleichwohl mögen die Gegner eines Moratoriums bitte gleichermaßen erfolgversprechende Maßnahmen vorschlagen, die das Überleben dieser Fischart sicherstellen. Es ist verständlich, wenn man radikale Lösungsansätze ablehnt, weil es gleichermaßen erfolgversprechende gibt, die in geringerem Maße in die Rechte der Fischer eingreifen. Leider gibt es hier keine zielführenden Alternativen!

    Andererseits ist selbst im Falle eines kompletten Handelsverbots fraglich, ob und wie nachhaltig der Bestand sich erholen wird. Die Problematik des ungewollten Beifangs bleibt offen. Thunfische sterben eventuell auch dann in großer Zahl in Fischernetzen, wenn man ihnen nicht gezielt nachstellt.
    Von daher muss eventuell darüber nachgedacht werden, wie man Rahmenbedingungen für eine dauerhaft nachhaltige Fischerei für alle Arten gestalten könnte. Fangquoten sind offenbar nicht die Lösung!

  2. die sonst immer für tierschutz, ökologie, nachhaltigkeit, menschenrechte, kinderrechte eintreten, aber bei jeder gelegenheit werbung für sushi machten??

    ja ja so ist es wenn man immer mit der mode geht, nicht nachdenkt und nur das ausspricht was gerade als politische korrekt gilt

  3. "Der delikate Rote Thunfisch soll global geschützt und der Handel mit ihm verboten werden. Das wäre das Aus für ein Milliardengeschäft"

    man kann ja auch auf dieses fangverbot bzw das handelsverbot verzichten, es dürfte nur eine frage der zeit sein, bis auch der "letzte fisch" aus dem meer geholt wurde - nur dann ist das milliardengeschäft aber für immer vorbei

  4. Es ist absolut widerlich, wie die Menschheit alles, aber auch wirklich alles auf der Erde ausbeutet, vergiftet, rodet, abfackelt, verschwendet, ausrottet, manipuliert, totschlägt und auffrißt, Hauptsache, es ist Geld damit zu machen.
    Das betrifft alles, seien es Bodenschätze, Tierarten, Regenwälder, Völker, einzelne Menschen oder eine lebenswerte Umwelt. Und es gibt so ziemlich niemanden, den daran keine Schuld trifft; sei es, weil auch er unbedingt alles haben will, alles sehen und persönlich erleben muss, oder weil er blöde ignoriert und/ oder verleugnet, was vorgeht in der Welt.

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    Nach meiner Erfahrung gibt es durchaus Menschen mit erheblich kleinerem Anteil an der Natur- und Umweltzerstörung als der Durchschnitt. Bislang ist es nur so, dass diese Personen (doch doch, normalverdienend) dafür regelmäßig mit "Heuchler"-Unterstellungen und Aggressionen gegen "Ökos" beziehungsweise "Gutmenschen (iieh!)" konfrontiert werden. Da könnte man ja auch mal ansetzen, gesellschaftlich oder so, statt wieder nur der gesamten Spezies Mensch die verbale Keule auf den Kopf zu knallen.

    Ich gehe mal davon aus, dass sie ihrem Anspruch auch selber gerecht werden. Wenn ich aber noch mal drüber nachdenke, kommen mir doch Zweifel. Nichts gegen sie persönlich, aber leben in einer westlichen Industrienation macht es sicherlich nicht einfacher für sie. Nichts für ungut, aber so einfach ist das Leben einfach nicht.

    Nach meiner Erfahrung gibt es durchaus Menschen mit erheblich kleinerem Anteil an der Natur- und Umweltzerstörung als der Durchschnitt. Bislang ist es nur so, dass diese Personen (doch doch, normalverdienend) dafür regelmäßig mit "Heuchler"-Unterstellungen und Aggressionen gegen "Ökos" beziehungsweise "Gutmenschen (iieh!)" konfrontiert werden. Da könnte man ja auch mal ansetzen, gesellschaftlich oder so, statt wieder nur der gesamten Spezies Mensch die verbale Keule auf den Kopf zu knallen.

    Ich gehe mal davon aus, dass sie ihrem Anspruch auch selber gerecht werden. Wenn ich aber noch mal drüber nachdenke, kommen mir doch Zweifel. Nichts gegen sie persönlich, aber leben in einer westlichen Industrienation macht es sicherlich nicht einfacher für sie. Nichts für ungut, aber so einfach ist das Leben einfach nicht.

  5. Nach meiner Erfahrung gibt es durchaus Menschen mit erheblich kleinerem Anteil an der Natur- und Umweltzerstörung als der Durchschnitt. Bislang ist es nur so, dass diese Personen (doch doch, normalverdienend) dafür regelmäßig mit "Heuchler"-Unterstellungen und Aggressionen gegen "Ökos" beziehungsweise "Gutmenschen (iieh!)" konfrontiert werden. Da könnte man ja auch mal ansetzen, gesellschaftlich oder so, statt wieder nur der gesamten Spezies Mensch die verbale Keule auf den Kopf zu knallen.

  6. Ich gehe mal davon aus, dass sie ihrem Anspruch auch selber gerecht werden. Wenn ich aber noch mal drüber nachdenke, kommen mir doch Zweifel. Nichts gegen sie persönlich, aber leben in einer westlichen Industrienation macht es sicherlich nicht einfacher für sie. Nichts für ungut, aber so einfach ist das Leben einfach nicht.

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    Ich nehme mich nicht davon aus, schließlich habe ich ja auch geschrieben, was "die Menschheit" alles anrichtet. Allerdings verkneife ich mir aus meinen Überlegungen heraus deutlich mehr, als der Durchschnittsmensch unseres Kulturkreises. Und ich mache mir auch deutlich mehr Gedanken als dieser, wie bestehende Probleme gelöst werden könnten, oder was "wir alle" falsch machen. Ein Ökospinner bin ich deshalb aber nicht, ich stehe weit genug im Leben, um die Zusammenhänge zu sehen, und um zu wissen, dass es nicht nur schwarz und weiss gibt.
    Mir ist einfach die absolute Ignoranz, Stumpfheit und Kurzsichtigkeit innerhalb vieler Systeme zuwider, mit der sie Dinge tun, die ihnen im Augenblick zwar Geld in die Hände geben, uns allen langfristig aber schaden.
    Vielen Dank für die Erkenntnis, dass das Leben so einfach nicht ist; so komplex kann ich leider nicht denken.

    Ich nehme mich nicht davon aus, schließlich habe ich ja auch geschrieben, was "die Menschheit" alles anrichtet. Allerdings verkneife ich mir aus meinen Überlegungen heraus deutlich mehr, als der Durchschnittsmensch unseres Kulturkreises. Und ich mache mir auch deutlich mehr Gedanken als dieser, wie bestehende Probleme gelöst werden könnten, oder was "wir alle" falsch machen. Ein Ökospinner bin ich deshalb aber nicht, ich stehe weit genug im Leben, um die Zusammenhänge zu sehen, und um zu wissen, dass es nicht nur schwarz und weiss gibt.
    Mir ist einfach die absolute Ignoranz, Stumpfheit und Kurzsichtigkeit innerhalb vieler Systeme zuwider, mit der sie Dinge tun, die ihnen im Augenblick zwar Geld in die Hände geben, uns allen langfristig aber schaden.
    Vielen Dank für die Erkenntnis, dass das Leben so einfach nicht ist; so komplex kann ich leider nicht denken.

  7. Ich nehme mich nicht davon aus, schließlich habe ich ja auch geschrieben, was "die Menschheit" alles anrichtet. Allerdings verkneife ich mir aus meinen Überlegungen heraus deutlich mehr, als der Durchschnittsmensch unseres Kulturkreises. Und ich mache mir auch deutlich mehr Gedanken als dieser, wie bestehende Probleme gelöst werden könnten, oder was "wir alle" falsch machen. Ein Ökospinner bin ich deshalb aber nicht, ich stehe weit genug im Leben, um die Zusammenhänge zu sehen, und um zu wissen, dass es nicht nur schwarz und weiss gibt.
    Mir ist einfach die absolute Ignoranz, Stumpfheit und Kurzsichtigkeit innerhalb vieler Systeme zuwider, mit der sie Dinge tun, die ihnen im Augenblick zwar Geld in die Hände geben, uns allen langfristig aber schaden.
    Vielen Dank für die Erkenntnis, dass das Leben so einfach nicht ist; so komplex kann ich leider nicht denken.

    Antwort auf "Anspruch"
  8. gerade heute kam ein Bericht in den Radionachrichten, dass seit dem aussterben der Dinosaurier nicht mehr so viele Arten binnen kurzer Zeit gestorben ist. Aber wie sollen wir reagieren? Kommt nur mir dass so vor, dass die Ausbeutung der Natur dort am größten ist, wo der Staat/die Gesellschaft vergleichsweise wenig präsent ist? Also in den Weltmeeren, im unzugänglichen Amazonasgebieten (Sojaanbau, illegale Minen), etc. Wie kann es sein, dass einige wenige mit dem Ausbeuten unser Lebensgrundlagen viel Geld machen, während unsere Kinder mit den Folgen zu kämpfen haben? ( Siehe auch http://www.sushi-tuna.com ).

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