Der Handwerkspräsident guckt erstaunt. Eben ist Ministerpräsident Horst Seehofer die breite Treppe zum Veranstaltungssaal der Münchner Messe hochgeschritten, hat mit den Kameras geflirtet, gelacht, gegrüßt und badet nun neben ihm in der Menge. Da taucht plötzlich Rainer Brüderle auf. "Ich hätte Sie gern am Eingang begrüßt. Wo kommen Sie denn her?", fragt der Mann den Wirtschaftsminister überrascht. "Durch die Hintertür", antwortet Brüderle knapp und lacht dabei so vergnügt wie jemand, dem gerade ein unerwarteter Coup gelungen ist.

Rainer Brüderle, seit vier Monaten Wirtschaftsminister, ist oft gut gelaunt. Erstaunlich oft. Egal, wie mittelmäßig seine eigenen Beliebtheitswerte sind. Egal, wie miserabel die Koalition dasteht. Egal auch, wie empört die Presse die Käuflichkeit der FDP kommentiert. Brüderle strahlt die Zufriedenheit eines Mannes aus, der unerwartet doch noch sein Ziel erreicht hat: den Posten, von dem er seit Jahren träumte und den es nun auszukosten gilt. Hier und jetzt und auch wenn es böse Kritiken hagelt. Ganz anders als sein Parteichef, der mal wütende, mal beleidigte, immer aber unzufriedene Guido Westerwelle, ist Brüderle endlich voll und ganz angekommen. In Berlin. Auf seinem Ministersessel. Und mit ihm ein Teil Deutschlands.

Es kommen nur altbekannte Sätze wie "Leistungsträger entlasten"

An diesem Morgen im März trifft dieser Teil sich bei der Eröffnung der Handwerksmesse in München. Der Minister soll mit Politikern anderer Parteien über die Lage des Landes debattieren, eigentlich keine schwierige Sache. Doch schon rein optisch verliert er sich hinter einem hohen Stehtisch, ganz offensichtlich ist die Möblierung für größere Menschen gebaut, für solche, die leere Bühnen lieben und die große Geste. Ungelenk steht Brüderle da, auch seine Worte wollen nicht zünden. Stattdessen punktet der eloquente Grünen-Chef Cem Özdemir und bekommt für seine Attacken gegen die Regierung bei den Handwerksfunktionären überraschend viel Applaus. Vom Wirtschaftsminister kommen vor allem altbekannte Sätze wie: Wir müssen "das Konjunkturpflänzchen gießen", "Tempo machen", "Leistungsträger entlasten". Er bekommt eher pflichtschuldigen Beifall.

Doch trotz abgedroschener Phrasen: Seinen Zuhörern gefällt Brüderle. "Gut war er", lobt Otto Kentzler, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks. "Die Worte waren die richtigen", findet beim Stehempfang ein Schreinermeister. Er hebt das Bierglas, und die Umstehenden stimmen zu. "War alles drin in seiner Rede", sagt Doris Ortlieb von der Friseurinnung, eine resolute Frau im roten Tweedkostüm, sie überreicht dem Minister dann flugs noch eine Studie über "die Wirkung einer Mehrwertsteuersenkung für das Handwerk". Sind wir nicht alle Hoteliers? Dann geht es zum Buffet, dort gibt es Schnittchen und Schweinebraten.

Rainer Brüderle ist ein merkwürdiges Phänomen. Im Berliner Regierungsviertel wird dieser Tage viel über den Mann gespottet. Hier weiß man, dass in seinem Ministerium die Steuersenkung für Hotelbesitzer vorangetrieben wurde. Hier vermisst man die große Rede oder zumindest einen wegweisenden Debattenbeitrag. Hier findet man den Mann politisch einfach zu blass. Und da das Regierungsviertel ein arroganter und schnell gelangweilter Ort ist, wird der rundliche Pfälzer, den bis heute sein Dialekt behindert, auch noch von der Stilkritik verrissen. Dafür reicht schon der Vergleich mit seinem Vorgänger, dem eloquenten Karl-Theodor zu Guttenberg: Provinz gegen Weltläufigkeit. Kohlrouladen gegen Hardrock. Geholperte Allgemeinplätze gegen geschliffene Volten. Klar, wer da verliert.

Brüderle weiß das. "Abgerechnet wird nach vier Jahren", sagt er dazu. Er liest die Urteile und merkt sich die Kritiker. Dann blättert er weiter. Was soll’s? Haben sich nicht schon viele geirrt? Hat er nicht fast alles in seiner politischen Karriere gegen die Hamburger Pressehäuser und die Schreiberlinge aus der Hauptstadt erreicht? Zumindest empfindet er das so. Deren Zustimmung braucht er nicht. Er kokettiert mit dem Image des Außenseiters, des kleinen Mannes aus einfachem Hause. Er esse nicht gern Wachteleier mit Tauben, sondern lieber Steak mit Bratkartoffeln. So wie viele Deutsche.