Patti Smith Die Überlebende
Sex, Drogen, Rock'n'Roll: Die Sängerin Patti Smith hat alle Extreme überstanden. Aber wie?
Der Tod hat im Leben von Patti Smith, 63, eine so große Rolle gespielt, dass sie im Laufe unseres Gesprächs immer wieder auf ihn zu sprechen kommt. "Es sind einfach zu viele Menschen, die ich geliebt habe, zu früh gestorben", sagt sie. "Ich bin ein gläubiger Mensch, aber ich komme kaum noch dazu, zu Gott zu beten. Abends liege ich oft wach und führe meine Gespräche mit all den Toten, die ich vermisse. Es klingt vielleicht wie ein Witz, aber ich meine das ernst: Ich habe für Gott einfach weniger Zeit als früher, weil ich sie für meine Toten brauche."
Patti Smith und der Tod. Der Fotograf Robert Mapplethorpe, ihr engster Vertrauter und früherer Geliebter, "der Künstler meines Lebens", wie sie ihn nennt: 1989 an Aids gestorben. Ihr Ehemann Fred "Sonic" Smith, Musiker der legendären Band MC5, Vater ihrer beiden Kinder: 1994 gestorben an einem Schlaganfall. Kurz darauf ihr Bruder, der früher ihr Tourmanager war: gestorben an einem Herzinfarkt. Und in den Jahren zuvor Freunde und Kollegen, alle mehr oder weniger in ihrem Alter, "der Schriftsteller Jim Carroll, Janis Joplin, Jim Morrison, mein Gott, wenn ich einmal anfange, sie alle aufzuzählen, finde ich kein Ende", sagt sie. Und fügt dann hinzu, dass Mapplethorpe und sie mit Andy Warhol zu einem Lunch verabredet waren, den Warhol kurzfristig absagen musste. Kurz darauf starb er. Und sie sagt, sie erinnert sich genau, dass es an seinem Todestag plötzlich anfing zu schneien in New York, "der Himmel war weiß, die Straßen waren weiß. Es war, als ob die ganze Stadt um ihren Sohn trauerte, und natürlich nicht in Schwarz, sondern in Andys Lieblingsfarbe, ganz in Weiß."
Patti Smith muss nur ein paar Geschichten erzählen, und schon ist eine ganze Ära wieder da, die sie mit ihrer Kunst, ihrer Musik mit geprägt hat. Überrascht es Patti Smith bei all den Toten eigentlich selbst, dass sie noch lebt? "Ich wundere mich nicht, dass ich die wilden Jahre überlebt habe. Ich bin vor allem überrascht, dass ich meine Kindheit überlebt habe." Und dann erzählt sie von all den Krankheiten, die sie bis zum 16. Lebensjahr hatte: Tuberkulose, Pfeiffersches Drüsenfieber, Asiatische Grippe (an der Ende der fünfziger Jahre ein bis zwei Millionen Menschen starben).
Wenn sie darüber nachdenke, wie oft sie beinahe gestorben sei, sagt Patti Smith, fühle sie sich an eine Szene in John Irvings Roman Garp und wie er die Welt sah erinnert. Garp und seine Frau gucken sich ein Haus an, da kracht ein Flugzeug hinein. Garp sagt, nehmen wir dieses, ein zweites Mal wird es bestimmt nicht getroffen werden. Patti Smith lacht. "Was mein Leben betrifft", sagt sie, "fühle ich mich jedenfalls ziemlich gegarpt."
Sie ist heute 63, Rockmusikerin, Dichterin, Performance-Künstlerin, Malerin und Fotografin, wurde in Chicago geboren. Mit ihren Alben Horses (1975), Radio Ethiopia (1976), Easter (1978) und Wave (1979) schrieb sie Musikgeschicte und wurde zur Ikone der Punkbewegung. Gerade ist ihr neues Buch Just Kids bei Kiepenheuer & Witsch erschienen.
Das Gespräch mit Patti Smith findet an einem Wintertag in New York statt, es ist Mitte Januar, die Sonne scheint, der Himmel ist blau. Sie kommt kurz vor zwölf Uhr mittags etwas verspätet zur Robert Miller Gallery. Zwei Tage vorher hat sie hier eine Ausstellung eröffnet, die autobiografisch geprägte Kunst von ihr zeigt. Müde sieht sie aus, an der einen Hand noch weiße Farbe von einem Werk, das in der Galerie gezeigt wird, "ich habe es erst vorgestern zu Ende gemalt, die Farbe geht einfach nicht ab". Im Gesicht eine große Sonnenbrille, eine Mütze bändigt die ungekämmten schwarzen Haare. Dunkelblaue Jacke, weite Hosen, Stiefel. In der einen Hand ein riesiger Cappuccinobecher, der schon einige Flecken von verschüttetem Kaffee abbekommen hat, in der anderen ein Buch. Sie kommt wie ein weiblicher Cowboy auf einen zu. Den Gang hat sie sich einst bei Bob Dylan abgeguckt, hat sie mal erzählt. Mit einer Stimme, die ganz tief, ganz leise, fast krächzend ist, sagt sie: "Hi, ich bin Patti." Ein Räuspern, ein Husten, "machen Sie sich keine Sorgen, ich wache schon noch auf".
Ein Mitarbeiter bringt uns in ein Zimmer im hinteren Teil der Galerie. Sie nimmt die Sonnenbrille ab, verschwindet für zwei, drei Minuten, kommt zurück, setzt sich, räuspert sich noch einmal, dann ist ihre Stimme voll da. Säße Robert Mapplethorpe jetzt mit am Tisch, wie würde er sich verhalten? "Er würde ein wenig lächeln, eine Zigarette rauchen, immer wieder mal nicken und das Gespräch im Wesentlichen mir überlassen."
Als Robert Mapplethorpe noch lebte, sind Patti Smith und er an sonnigen Tagen wie diesem mit der Subway rausgefahren nach Coney Island, dem alten Vergnügungspark am Meer. Durchatmen, spazieren gehen, dem Lärm der Stadt entkommen, zu Nathans Imbiss. Sie kauften einen Hotdog und eine Cola, für mehr reichte ihr Geld meist nicht. Er aß den größeren Teil der Wurst, sie das Sauerkraut.
- Datum 11.03.2010 - 07:02 Uhr
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- Quelle ZEITmagazin, 11.03.2010 Nr. 11
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Sehr guter Artikel bzw. sehr gutes Interview! Ich hätte noch stundenlang weiterlesen können:)) Bitte mehr davon!
Ich glaube ich lese jetzt Smith's Buch. Weiß jemand, wo/wann sie in Deutschland lesen wird?
Muss Dich enttäuchen, Zauberberge, leider ist Patti nur für den einen Termin auf der > lit.COLOGNE < in Europa gewesen.
(siehe Kommentar Nr.2 zum Interview)
Schade, dass du diesmal nicht dabei sein konntest.
Sie arbeitet jetzt schon wieder an ihrer neuen Platte.
Zum Trost: Weniger kann auch mehr sein!
Liebe Grüße aus Köln
peter.pan
Muss Dich enttäuchen, Zauberberge, leider ist Patti nur für den einen Termin auf der > lit.COLOGNE < in Europa gewesen.
(siehe Kommentar Nr.2 zum Interview)
Schade, dass du diesmal nicht dabei sein konntest.
Sie arbeitet jetzt schon wieder an ihrer neuen Platte.
Zum Trost: Weniger kann auch mehr sein!
Liebe Grüße aus Köln
peter.pan
Das Theater am Tanzbrunnen ist voll. Der kleine Saal knistert. Hoher Besuch in Köln. Eine Straßenmusikerin betritt die Bühne. Eben war sie noch mit Nick (nick hornby) im Dom um sich das Fenster von Gehard (gerhard richter) anzusehen. Danach hat die kleine Patti vor dem großen Dom einige ihrer Hymnen in die Frühlingsluft gesungen. Außer dem, zu dem sie betet, wenn sie nicht gerade bei denen ist, die nicht mehr hier sind, hat sie niemand erkannt.
Aber hier im Saal kennt sie jeder, kennt jeder ihre Stimme mit der sie auf die Fragen von Sonja (sonja mikich) mal bescheiden zustimmend, mal widerspenstig richtigstellend antwortet. Sie ist neugierig und freut sich darauf zu hören, wie sich die Worte aus ihrem Buch auf deutsch anhören. Andächtig lauscht sie mit uns der jungen Schauspielerin, an deren Seite sie am Lesepult sitzt.
Dann lauschen wir mit der Schauspielerin dem Text, aber mehr noch einer Rhythmik, einer Intonierung, einer Stimme, die ihre Prosa in Lyrik und ihre Lesung in Gesang verwandelt.
Und dann, als seien 200, in Worten: zweihundert, Gänsehäute nicht genug, greift sie das Mikrofon und singt acapella ihren ersten Hit, zuerst alleine und dann mit uns allen:
Because the night ... belongs the love. Zwischen weiteren Liedern rotzt sie immer wieder hinter sich und begleitet ihre Songs auf einer Klampfe.
Standing Ovations für einen rotzfrechen Cowboy. Robert, Fred und Allen hätte der Abend gefallen. Ihr und uns auch.
Sie signiert ihr Buch und ich denke nur noch G-L-O-R-I-A
Muss Dich enttäuchen, Zauberberge, leider ist Patti nur für den einen Termin auf der > lit.COLOGNE < in Europa gewesen.
(siehe Kommentar Nr.2 zum Interview)
Schade, dass du diesmal nicht dabei sein konntest.
Sie arbeitet jetzt schon wieder an ihrer neuen Platte.
Zum Trost: Weniger kann auch mehr sein!
Liebe Grüße aus Köln
peter.pan
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