Patti Smith Die Überlebende
Sex, Drogen, Rock'n'Roll: Die Sängerin Patti Smith hat alle Extreme überstanden. Aber wie?
Der Tod hat im Leben von Patti Smith, 63, eine so große Rolle gespielt, dass sie im Laufe unseres Gesprächs immer wieder auf ihn zu sprechen kommt. "Es sind einfach zu viele Menschen, die ich geliebt habe, zu früh gestorben", sagt sie. "Ich bin ein gläubiger Mensch, aber ich komme kaum noch dazu, zu Gott zu beten. Abends liege ich oft wach und führe meine Gespräche mit all den Toten, die ich vermisse. Es klingt vielleicht wie ein Witz, aber ich meine das ernst: Ich habe für Gott einfach weniger Zeit als früher, weil ich sie für meine Toten brauche."
Patti Smith und der Tod. Der Fotograf Robert Mapplethorpe, ihr engster Vertrauter und früherer Geliebter, "der Künstler meines Lebens", wie sie ihn nennt: 1989 an Aids gestorben. Ihr Ehemann Fred "Sonic" Smith, Musiker der legendären Band MC5, Vater ihrer beiden Kinder: 1994 gestorben an einem Schlaganfall. Kurz darauf ihr Bruder, der früher ihr Tourmanager war: gestorben an einem Herzinfarkt. Und in den Jahren zuvor Freunde und Kollegen, alle mehr oder weniger in ihrem Alter, "der Schriftsteller Jim Carroll, Janis Joplin, Jim Morrison, mein Gott, wenn ich einmal anfange, sie alle aufzuzählen, finde ich kein Ende", sagt sie. Und fügt dann hinzu, dass Mapplethorpe und sie mit Andy Warhol zu einem Lunch verabredet waren, den Warhol kurzfristig absagen musste. Kurz darauf starb er. Und sie sagt, sie erinnert sich genau, dass es an seinem Todestag plötzlich anfing zu schneien in New York, "der Himmel war weiß, die Straßen waren weiß. Es war, als ob die ganze Stadt um ihren Sohn trauerte, und natürlich nicht in Schwarz, sondern in Andys Lieblingsfarbe, ganz in Weiß."
Patti Smith muss nur ein paar Geschichten erzählen, und schon ist eine ganze Ära wieder da, die sie mit ihrer Kunst, ihrer Musik mit geprägt hat. Überrascht es Patti Smith bei all den Toten eigentlich selbst, dass sie noch lebt? "Ich wundere mich nicht, dass ich die wilden Jahre überlebt habe. Ich bin vor allem überrascht, dass ich meine Kindheit überlebt habe." Und dann erzählt sie von all den Krankheiten, die sie bis zum 16. Lebensjahr hatte: Tuberkulose, Pfeiffersches Drüsenfieber, Asiatische Grippe (an der Ende der fünfziger Jahre ein bis zwei Millionen Menschen starben).
Wenn sie darüber nachdenke, wie oft sie beinahe gestorben sei, sagt Patti Smith, fühle sie sich an eine Szene in John Irvings Roman Garp und wie er die Welt sah erinnert. Garp und seine Frau gucken sich ein Haus an, da kracht ein Flugzeug hinein. Garp sagt, nehmen wir dieses, ein zweites Mal wird es bestimmt nicht getroffen werden. Patti Smith lacht. "Was mein Leben betrifft", sagt sie, "fühle ich mich jedenfalls ziemlich gegarpt."
Sie ist heute 63, Rockmusikerin, Dichterin, Performance-Künstlerin, Malerin und Fotografin, wurde in Chicago geboren. Mit ihren Alben Horses (1975), Radio Ethiopia (1976), Easter (1978) und Wave (1979) schrieb sie Musikgeschicte und wurde zur Ikone der Punkbewegung. Gerade ist ihr neues Buch Just Kids bei Kiepenheuer & Witsch erschienen.
Das Gespräch mit Patti Smith findet an einem Wintertag in New York statt, es ist Mitte Januar, die Sonne scheint, der Himmel ist blau. Sie kommt kurz vor zwölf Uhr mittags etwas verspätet zur Robert Miller Gallery. Zwei Tage vorher hat sie hier eine Ausstellung eröffnet, die autobiografisch geprägte Kunst von ihr zeigt. Müde sieht sie aus, an der einen Hand noch weiße Farbe von einem Werk, das in der Galerie gezeigt wird, "ich habe es erst vorgestern zu Ende gemalt, die Farbe geht einfach nicht ab". Im Gesicht eine große Sonnenbrille, eine Mütze bändigt die ungekämmten schwarzen Haare. Dunkelblaue Jacke, weite Hosen, Stiefel. In der einen Hand ein riesiger Cappuccinobecher, der schon einige Flecken von verschüttetem Kaffee abbekommen hat, in der anderen ein Buch. Sie kommt wie ein weiblicher Cowboy auf einen zu. Den Gang hat sie sich einst bei Bob Dylan abgeguckt, hat sie mal erzählt. Mit einer Stimme, die ganz tief, ganz leise, fast krächzend ist, sagt sie: "Hi, ich bin Patti." Ein Räuspern, ein Husten, "machen Sie sich keine Sorgen, ich wache schon noch auf".
Ein Mitarbeiter bringt uns in ein Zimmer im hinteren Teil der Galerie. Sie nimmt die Sonnenbrille ab, verschwindet für zwei, drei Minuten, kommt zurück, setzt sich, räuspert sich noch einmal, dann ist ihre Stimme voll da. Säße Robert Mapplethorpe jetzt mit am Tisch, wie würde er sich verhalten? "Er würde ein wenig lächeln, eine Zigarette rauchen, immer wieder mal nicken und das Gespräch im Wesentlichen mir überlassen."
Als Robert Mapplethorpe noch lebte, sind Patti Smith und er an sonnigen Tagen wie diesem mit der Subway rausgefahren nach Coney Island, dem alten Vergnügungspark am Meer. Durchatmen, spazieren gehen, dem Lärm der Stadt entkommen, zu Nathans Imbiss. Sie kauften einen Hotdog und eine Cola, für mehr reichte ihr Geld meist nicht. Er aß den größeren Teil der Wurst, sie das Sauerkraut.
Es gibt Fotos, die sie beide dort zeigen. Eines davon ziert den Titel des Buchs Just Kids, das Patti Smith geschrieben hat. Es erscheint in diesen Tagen auf Deutsch: Auf dem Umschlag ist sie in Weiß mit dunklem Stirnband zu sehen, er quasi spiegelverkehrt ganz in Schwarz mit weißem Tuch um den Hals. Sie blickt verlegen in die Kamera, er grinst, die Augen von der Hutkrempe leicht verdeckt. Es ist das Bild eines Paares, das Kulturgeschichte schreiben sollte.
"Die Ausflüge nach Coney Island waren unsere Urlaube", sagt Patti Smith. "Wir hatten ja nie Geld für Reisen, es hat nur bis Coney Island gereicht. Es ist unser Ort." Sie fährt die 40-Minuten-Strecke von Manhattan ans Meer bis heute mit der Bahn, immer allein, meist spontan, frühmorgens, wenn sie nicht schlafen kann, sie schläft so gut wie nie eine Nacht durch. "Ich denke immer an Robert, wenn ich dort bin. Ich denke überhaupt mehr an ihn als an irgendwen sonst. Ich sehe alles durch seine Augen, die Kunst, den Alltag. Lasse ich ein Foto rahmen, denke ich: Robert würde es so machen lassen. Oder ich sehe in einem Schaufenster ein Hemd und denke: Das hätte Robert gefallen."
In Just Kids erzählt Patti Smith ihre und Roberts Mapplethorpes Geschichte. Sie lernen sich mit Anfang zwanzig im New York der späten sechziger Jahre kennen, werden ein Paar, probieren sich aus im weiten Feld zwischen Kunst und Theater, Literatur und Rock ’n’ Roll. Beide werden berühmt, Patti Smith in den siebziger Jahren als Rockmusikerin, Robert Mapplethorpe in den achtziger Jahren als Fotograf und bildender Künstler. Eine Zeit lang leben sie im Künstlerhotel Chelsea. "Ich wollte unsere Geschichte erzählen, wie ich sie erlebt habe", sagt sie über ihr Buch. Patti Smith hat Jahre dafür gebraucht, obwohl sie für ihre Recherche nur mit wenigen Menschen gesprochen hat, mit Mapplethorpes Geschwistern und ein, zwei alten Freunden, um Fehler zu vermeiden. Sie hat damals Tagebuch geführt, und sie sagt, dass ihr diese Zeit, ihre Zeit, bis heute ins Gedächtnis gebrannt ist, "ich hätte dreißig Bücher schreiben können".
Das Buch ist eine zärtliche Innenaufnahme einer Liebe von zwei Menschen, die sich inspirieren, es zeigt besonders eine weiche Seite Mapplethorpes, die heute überschattet ist von seinem Ruf als drogensüchtiger Skandalfotograf. Und es spart Schicksalsschläge nicht aus, wie etwa die unfreiwillige Schwangerschaft Patti Smiths als Teenager. Sie entschied sich, das Neugeborene zur Adoption freizugeben und dann alleine nach New York zu gehen. "Absolute Entschlossenheit verdrängte meine Ängste", heißt es im Buch, "ich schrieb das dem Baby zu und stellte mir vor, wie es sich mit mir solidarisierte." Und weiter: "Ich würde nie zurückschauen. Ich würde Künstlerin werden."
Und tatsächlich kann man sich die ganz junge Patti Smith nicht so recht als Mutter vorstellen. Man verbindet sie eher mit Sex, Drogen und Rock’n’Roll.
Der Sex. Robert und Patti verlieben sich ineinander, ziehen zusammen, und obwohl sie über alles reden, ist ein Thema tabu: Robert fühlt sich zu Männern hingezogen. Er schafft es nicht, seiner Freundin davon zu erzählen. Nur einmal, als sie heftig streiten, ruft er ihr hinterher: "Wenn du mich verlässt, werde ich schwul!" Sie bleibt. Aber eines Tages, sie ist gerade nicht in der Stadt, bekommt sie einen Anruf von einer Bekannten und erfährt es. "Ich dachte, ich hätte Robert enttäuscht", sagt Patti Smith, "ich dachte, er ist schwul geworden, weil ich meine Rolle als seine Lebenspartnerin nicht erfüllt hätte. Ich dachte damals, Männer werden schwul, weil sie ihresgleichen nicht unter Frauen finden. Ich habe eine Weile gebraucht, um zu verstehen, dass das keine rationale Entscheidung ist."
Es beginnt eine schmerzhafte Zeit für beide, aber es gelingt ihnen, ihre Beziehung anders weiterzuführen, als Freundschaft. "Robert", glaubt Patti Smith heute, "wollte sich auch deshalb seine Homosexualität lange nicht eingestehen, weil er unsere Beziehung nicht beenden wollte." Er geht von nun an mit Männern aus – sie auch.
1970 spricht ein hübscher junger Mann Patti Smith auf der Straße an, ein Musiker, den sie flüchtig kennt, und lädt sie spontan in ein schickes Restaurant ein. Sie wundert sich, woher er das Geld für das teure Essen hat, bis sie auf der Damentoilette von einer Freundin aufgeklärt wird: Er ist nicht irgendein Musiker, sondern der Schauspieler Sam Shepard, damals ein Star am Theater, später berühmt für seine Rollen im Kino. Sie beginnt eine Affäre mit ihm, obwohl er verheiratet ist, ein Kind hat und seine Familie nicht verlässt. Robert ist eifersüchtig, Patti und Sam schreiben gemeinsam ein Theaterstück, in dem Rockmusik eine Hauptrolle spielt. Sie merkt, dass sie keine Schauspielerin ist, aber es gefällt ihr auf der Bühne. Das Stück hat Premiere, und am dritten Abend verschwindet Sam Shepard mit seiner Familie aus New York. Er beendet die Affäre, nicht ohne Patti Smith zwei Sätze zu hinterlassen, die sie dazu bringen, Musikerin zu werden. "Die Träume, die Du für mich gehabt hast", schreibt er ihr zum Abschied, "waren nicht meine Träume. Vielleicht sind diese Träume für Dich bestimmt."
Die Drogen. Als Patti Smith bei den Proben zu einem anderen Theaterstück tun soll, als ob sie sich einen Schuss Heroin setzt, verblüfft sie ihre Freunde. "So was mache ich nicht", sagt sie. "Du drückst nie?", wird sie erstaunt gefragt. "Alle waren davon ausgegangen", schreibt sie in ihrem Buch, "dass ich Drogen nahm, weil ich danach aussah." So dünn, ja mager war sie damals, bleich ohnehin. Alle in ihrer Umgebung, auch Robert, nahmen, was sie bekommen konnten, Heroin, LSD. "Verstehen Sie mich nicht falsch", sagt Patti Smith, "ich war nie ein Anti-Drogen-Typ. Aber ich fand es abscheulich, wenn Drogen dazu missbraucht wurden, Probleme zu lösen, die sie nicht lösen können." Natürlich hat auch sie einiges probiert, selbst wenn ihr erster Drogentrip unfreiwillig war, weil ihr irgendjemand irgendwas in ihr Glas geschüttet hatte. "Mein Zugang zu Drogen fand ja zunächst über die Literatur des 19. Jahrhunderts statt, die ich als Teenager naiv verschlungen habe. Für mich waren Drogen etwas Heiliges, einen Schritt näher an Gott heran, an die Muse." Robert Mapplethorpe hatte einen weniger theoretischen Zugang. Selbst bei ihrem ersten Kennenlernen war er auf einem Trip, hat er ihr später erzählt.
Denkt sie rückblickend, dass die Drogen ihn in seinen letzten Jahren verändert haben, als auch seine Bilder immer brutaler wurden, düsterer, geprägt von Sadomaso-Motiven? Mit Mapplethorpes Kunst aus dieser Zeit kann sie nicht so viel anfangen. "Ich glaube heute, dass viel eher die Aids-Medikamente, die Robert verpasst wurden, ihn getötet haben. Er war Teil eines großen Experiments", sagt sie und setzt hinzu: "Viele, die sich später mit HIV infiziert haben, sind wegen dieser Experimente noch am Leben."
Der Rock’n’Roll. Patti Smith schreibt Gedichte, hat kleine Erfolge mit Lesungen, sie arbeitet am Theater, ebenfalls mit kleinen Erfolgen. Aber erst als sie all das zusammenfasst, ihre Lyrik, ihre Energie auf der Bühne, dazu ihre Leidenschaft für den Rock ’n’ Roll, wird sie zum Star. Ihr erstes Album Horses von 1975 gilt als Klassiker, das den Punkrock mitbegründete. Ihr größter Hit Because the night (die Musik schrieb ihr Bruce Springsteen) wird bis heute, im Original und in unzähligen Coverversionen, im Radio gespielt.
In Deutschland hat sie besonders viele Bewunderer, und das liegt, sagt sie, auch an ihrem legendären Rockpalast- Konzert von 1979 in der Essener Grugahalle, vom Fernsehen live übertragen, von Millionen gesehen. "Es war eine anarchistische Show", erinnert sie sich. "Wir waren an dem Abend keineswegs besonders gut, aber das Publikum hatte eine unglaubliche Energie, die sich auf die Bühne übertrug und ins Fernsehen." Was die Fans nicht wussten: Kurz darauf würde ihr Idol sich zurückziehen. Patti Smith hatte sich in den Musiker Fred "Sonic" Smith verliebt, und er hatte ihr einen ungewöhnlichen Antrag gemacht: Heirate mich, lass uns Kinder bekommen und aufs Land ziehen und in Abgeschiedenheit leben. Und sie hatte Ja gesagt.
In Florenz gab sie noch ein Konzert, zu dem 70.000 kamen. Nur die Band und ein paar Freunde wussten, dass es das letzte sein sollte. Am Ende der Show rief sie ihren Fans zu: "Kommt hoch! Schnappt euch die Instrumente! Die Bühne gehört euch!" Sie überließ ihnen Mikrofon und Gitarre, "all diese verrückten jungen Italiener veranstalteten einen Riesenkrach", doch da war Patti Smith längst verschwunden, spazierte in Begleitung des Beatnik-Schriftstellers Gregory Corso über die Piazzas der Stadt. "Gregory redete auf mich ein, du darfst nicht aufhören", sagt sie, "aber ich hatte das Gefühl, dem Rock’n’Roll alles gegeben zu haben. Mein Ziel war es immer gewesen, für die Außenseiter zu singen, ich war ja selbst eine von ihnen, ich wollte die Türen öffnen für andere Bands. Das hatte geklappt. Mein Auftrag war erledigt." Und so zog Patti Smith mit ihrem Mann in die Nähe von Detroit, bekam zwei Kinder und hörte auf, ein Star zu sein. "Ich habe gekocht, Wäsche gewaschen, ja, auch die Windeln, und mich um die Kinder gekümmert", erzählt sie, "Babysitter konnten wir uns nicht leisten. Ab und zu kam ein Scheck für Because the night, das war’s."
Wenn sie über diese Jahre redet, wird ihre Stimme weicher, ist nicht ganz so tief, "ich habe dieses Leben genossen". Der Rückzug brachte auch Ärger, politische Gruppen wollten sie vereinnahmen, "aber ich wollte einfach nur Patti sein, ein Mensch, das konnten manche damals nicht begreifen. Einige Feministinnen verlangten, ich solle mich als Lesbierin outen. Die hatten mich nicht verstanden." Von heute aus betrachtet scheint es, als hätte Patti Smith eine Ahnung gehabt, dass ihr nicht viele Jahre mit der Liebe ihres Lebens bleiben würden. Nur einmal, als ihre Kinder noch nicht geboren waren, hätte sie beinahe wieder Schlagzeilen gemacht. 1979 waren 52 amerikanische Diplomaten in Teheran in Geiselhaft geraten, sie saß mit ihrem Mann vor dem Fernseher und wollte helfen. Sie boten sich bei der US-Botschaft als Austauschgeiseln an, "sie haben unser Angebot am Ende abgelehnt. Sie erzählten uns nur, dass noch jemand sich zum Austausch angeboten hatte: Muhammad Ali."
So blieb sie in Detroit, und vielleicht wäre die Geschichte der öffentlichen Figur Patti Smith hier zu Ende gewesen, wenn nicht 1994 der Tod ihr Leben in eine andere Richtung gelenkt hätte. Erst stirbt nach längerer Krankheit ihr Mann, vier Wochen später ihr Bruder, wenige Tage nachdem sie beschlossen hat, mit den Kindern zu ihm nach Virginia zu ziehen. Patti Smith steht vor dem Nichts. Die Krankenhausrechnungen ihres Mannes waren hoch, und sie verdient praktisch nichts, bis auf gelegentliche Tantiemen für alte Platten. "Mir ging es unfassbar schlecht", sagt sie und zieht ihre Beine hoch, winkelt sie an, sodass die Sohlen die Sitzfläche des Stuhls berühren. Die Haltung eines Embryos. "Ich bin ein unabhängiger Mensch, aber das war die einzige Zeit in meinem Leben, in der ich Hilfe von außen angenommen habe."
Was nun folgt, klingt wie ein Märchen, und während sie davon erzählt, lockert sie ihre Haltung, jetzt wieder lässig wie ein Cowboy nippt sie am Cappuccino, der längst kalt geworden ist.
Wie aus dem Nichts meldete sich Patti Smiths frühere Welt, von der sie sich doch eigentlich für immer verabschiedet hatte. Ihre alten Freunde schenkten ihr ein neues Leben. Als Erster meldete sich der Schriftsteller Allen Ginsberg. Kennengelernt hatten sich die beiden, als sie noch nicht berühmt war. Sie hatte ein Sandwich in einem Café kaufen wollen, hatte wieder wie oft in ihrer wilden Zeit nicht genug Geld, da stand plötzlich Allen Ginsberg vor ihr und lud sie ein. Er flirtete, bis er stutzte und sie fragte: "Bist du ein Mädchen?" – "Ja, ist das ein Problem?" Für den schwulen Schriftsteller war es das, zumindest einen Moment lang. "Entschuldige", sagte er, "ich hatte dich für einen besonders hübschen Jungen gehalten." Der Flirt war zu Ende, eine Freundschaft begann.
Und nun redete Ginsberg auf Patti Smith ein, "du musst wieder auf die Bühne!" Sie überlegte, war unsicher, wusste nicht, wie, er versprach, sich umzuhören.
Kurz darauf klingelte das Telefon ein zweites Mal. Michael Stipe, Sänger der Band R.E.M., den Patti Smith nicht persönlich kannte, bot seine Hilfe an. Er erklärte ihr, warum. Als Teenager in der amerikanischen Provinz hatte Stipe, verwirrt von seiner Zuneigung zu Männern, einen Brief an Patti Smith geschrieben, die er bewunderte, weil sie sich nicht an die althergebrachten Regeln der Gesellschaft hielt. Um Patti Smiths Fanpost kümmerte sich ihre Mutter, die fortan einen Briefwechsel mit dem jungen Stipe führte, ihm Ratschläge gab, Hilfe anbot. Zwei Jahrzehnte später, erzählte Stipe der verdutzten Patti Smith am Telefon, könne er sich endlich bedanken – und kümmerte sich um einen neuen Plattenvertrag für sein Idol.
Ein drittes Mal klingelte das Telefon, diesmal war Bob Dylan dran. Sie trafen sich, es wurde ein langes Gespräch: "Ich redete, er hörte zu, Bob macht nicht viele Worte." Er bot ihr an, als Vorband bei seiner aktuellen Ostküstentournee aufzutreten. Der Plattenvertrag und diese Tour waren der Beginn von Patti Smiths Comeback. Hat sie ihm je gestanden, dass sie seinen Gang kopiert hat? "Nein, aber ich glaube, er weiß es. Bob hat eine feminine Seite, besonders als er jung war, und ich hatte eine jungenhafte Seite. Wir haben uns in der Mitte getroffen." Sie lacht. Und dann erzählt sie, wie sie in den siebziger Jahren zu ihrer wilden, oft kopierten Frisur kam: Sie hat sie sich selbst geschnitten – nach Fotos von Keith Richards.
Das berühmteste Bild von ihr ist das Albumcover von Horses, aufgenommen von Robert Mapplethorpe. Sie war sein erstes Model, sie schenkte ihm seine erste Kamera, sie sagte zu ihm, "du musst Fotograf werden". Ernst, selbstbewusst blickt sie für das Bild in seine Kamera, weißes Hemd, die dünne, schwarze Krawatte ungebunden um den Hals baumelnd, das schwarze Sakko über die Schulter geworfen. Mapplethorpe machte nur zwölf Fotos, er suchte das Motiv aus. "Mein Look war damals sehr katholisch", und jetzt klingt Patti Smith wie eine Modejournalistin, die sich selbst analysiert, "Katholische-Jungs-Uniform plus Charles Baudelaire plus das Über-die-Schulter-Sakko von Frank Sinatra in The Joker is wild« . So zeitgemäß ist dieser Look heute, dass ihn die britische Vogue soeben auf dem Titel zeigt, überschrieben mit einem Begriff, der gut zu Patti Smith passt: Reality chic .
Patricia Lee Smith wurde 1946 in Chicago geboren, und es deutete nicht viel darauf hin, dass aus ihr, Tochter einer Arbeiterfamilie, die den Zeugen Jehovas angehörte, je eine Stilikone werden würde. Wie hat sie zu ihrem Stil gefunden? Im Müll anderer Leute. Dort fand sie Ausgaben von Vogue und Harper’s Bazaar, studierte die Kunst und die Mode, die darin gezeigt wurden. "Die Hefte waren mein erster Kontakt mit der Fotografie: Ich legte die Warenhauskataloge meiner Mutter neben die Magazine und studierte beim Blättern die Unterschiede. Es war eine ferne, aber interessante, elegante Welt, der Stil hat mich angezogen." Im Müll anderer Leute fand sie auch Kleidung. "Der Begriff Vintage existierte in den Fünfzigern noch nicht", sagt sie, "die reichen Leuten warfen ihre Garderobe der letzten Saison einfach weg. Das war gut für mich!" Und so zog der Teenager Patti Blusen von Dior an, ohne dafür zu bezahlen. "Natürlich war ich damit in der Schule eine Außenseiterin, die anderen fragten sich, warum ich diese merkwürdigen Sachen trage. Aber ich wusste ja, warum, das hat mir genügt."
Ihre Mutter hätte es lieber gesehen, wenn sie sich in Rosa gekleidet hätte. "Eines Tages, ich war elf oder zwölf, sagte sie zu mir: Du musst jetzt eine kleine Lady werden! Ich dachte nur: Eine Lady? Das will ich nicht! Ich bin ja in den Fünfzigern aufgewachsen, da waren Frauen ungeheuer weiblich, große Brüste, viel Make-up, dicker Lippenstift, viel Parfüm." So wollte sie nicht werden, so ist sie nicht geworden. Und so wurde sie zum Stilvorbild. In den Neunzigern bekam sie ein Paket aus Paris zugeschickt, mit einem Stapel weißer Hemden und einem Brief der Designerin Ann Demeulemeester, die sich bedankte: Sie hatte für ihre aktuelle Kollektion Patti Smiths Horses-Look zitiert. Die beiden sind mittlerweile eng befreundet. Manchmal, wenn Patti Smith eine Idee hat, wünscht sie sich etwas von Ann, "die Matrosenjacke hier zum Beispiel war meine Idee", sagt sie. Die Designerin hat sie entworfen und schneidern lassen – und dann in ihre Kollektion aufgenommen.
Patti Smith wirft einen Blick in den leeren Kaffeebecher, "haben Sie schon etwas gegessen? Ich kenne hier um die Ecke ein kleines Restaurant." Sie schnappt sich die Matrosenjacke, und wir gehen raus auf die Straße. Das Restaurant hat geschlossen. Nebenan ist ein Pizzaimbiss, hinter der Theke zwei dicke Männer, die nicht sehr italienisch aussehen. Patti Smiths zweifelnder Blick bringt einen zum Lachen. Sie fragt: "Sollen wir es trotzdem riskieren?" Die Pizza ist vor allem heiß, Patti Smith bestellt einen Kaffee dazu. Im Hintergrund läuft die Übertragung eines Pferderennens. Und man versteht in diesem Augenblick an dem kleinen Plastikecktisch: Diese Frau hat so viel erlebt, so viel gesehen, sie war so viele Male ganz oben und ganz unten, dass sie nach dem Prinzip lebt: Ich komme überall zurecht, notfalls auch allein. (Die aufgewärmte Pizza isst sie übrigens ganz auf.)
Ist sie zurzeit verliebt? "Erstens geht Sie das gar nichts an." Sie grinst. "Und zweitens: Wenn Sie wissen wollen, ob ich einen Partner habe, nein, habe ich nicht. Ich bin 63 Jahre alt, und ich habe die meiste Zeit meines Lebens in einer Beziehung verbracht, jetzt lebe ich allein. Ich arbeite viel, lerne neue Leute kennen, es ist eine spannende Zeit." Johnny Depp beispielsweise ist einer dieser neuen Freunde. Er nennt sie liebevoll Patti Lee. "Er hat mir eine magische Münze geschenkt, die ich seitdem immer bei mir habe." Was ist eine magische Münze? "Sie ist eben magisch, ein Talisman", sagt sie und fasst in ihre Hosentasche, zieht ihre Hand dann doch zurück. Die Münze bleibt im Verborgenen, der Talisman soll seine Magie nicht verlieren.
Dinge, Objekte haben Patti Smith schon immer fasziniert, sie hat Picassos Pinsel fotografiert, Hermann Hesses Schreibmaschine, Tolstojs Fahrrad. Und sie besitzt ein Paar Slipper von Papst Benedikt XV., der 1920 Jeanne d’Arc heiliggesprochen hat. Sie hat sie einem Kloster abgekauft. "Als Zeugin Jehovas", sagt sie, "bin ich ohne Bilder, ohne Objekte aufgewachsen, vielleicht sind sie deshalb meine Leidenschaft geworden." Auch von Robert Mapplethorpe hat sie vieles aufbewahrt, Bilder, Briefe. Und seine Asche.
In letzter Zeit, sagt Patti Smith, träume sie nicht mehr ganz so oft von ihm wie früher, vielleicht liegt es an dem Buch, das sie über ihn geschrieben hat, den Künstler ihres Lebens. "Als er im Sterben lag, habe ich ihm versprochen, unsere Geschichte aufzuschreiben. Ich habe mein Versprechen gehalten." Sie hat viel vor: Mit dem Buch wird sie reisen, im März kommt sie nach Deutschland, danach nimmt sie ihr nächstes Album auf. Eine Idee für das nächste Buch hat sie auch schon, eine Detektivgeschichte soll es werden. "Und ich träume davon, eine Oper zu schreiben oder wenigstens einen Liederzyklus für ein Opernhaus."
Beim Abschied drückt Patti Smith einem fest die Hand. Sie zeigt auf das Buch, das sie dabeihat, 2666 von Roberto Bolaño. Als sie heute Nacht um vier aufgewacht ist, hat sie stundenlang darin gelesen, ist erst am Morgen wieder eingeschlafen, "deshalb bin ich zu spät gekommen". Der Schriftsteller Roberto Bolaño ist mit fünfzig gestorben. "Auch zu früh", sagt Patti Smith und tippt auf den Umschlag, "es ist ein Meisterwerk. Wer weiß, vielleicht gelingt mir auch noch ein Meisterwerk. Und warum auch nicht? Hey, meine Träume sind groß!"
Patti Smith ist mit ihren 63 Jahren in einer Phase, die ihre früheren Freunde nicht erreicht haben. Sie mussten sich der Aufgabe, als Legende alt zu werden, nicht stellen. Patti Smith tut es. Und lässt sich immer noch von ihnen inspirieren.
- Datum 11.03.2010 - 07:02 Uhr
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- Quelle ZEITmagazin, 11.03.2010 Nr. 11
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Sehr guter Artikel bzw. sehr gutes Interview! Ich hätte noch stundenlang weiterlesen können:)) Bitte mehr davon!
Ich glaube ich lese jetzt Smith's Buch. Weiß jemand, wo/wann sie in Deutschland lesen wird?
Muss Dich enttäuchen, Zauberberge, leider ist Patti nur für den einen Termin auf der > lit.COLOGNE < in Europa gewesen.
(siehe Kommentar Nr.2 zum Interview)
Schade, dass du diesmal nicht dabei sein konntest.
Sie arbeitet jetzt schon wieder an ihrer neuen Platte.
Zum Trost: Weniger kann auch mehr sein!
Liebe Grüße aus Köln
peter.pan
Muss Dich enttäuchen, Zauberberge, leider ist Patti nur für den einen Termin auf der > lit.COLOGNE < in Europa gewesen.
(siehe Kommentar Nr.2 zum Interview)
Schade, dass du diesmal nicht dabei sein konntest.
Sie arbeitet jetzt schon wieder an ihrer neuen Platte.
Zum Trost: Weniger kann auch mehr sein!
Liebe Grüße aus Köln
peter.pan
Das Theater am Tanzbrunnen ist voll. Der kleine Saal knistert. Hoher Besuch in Köln. Eine Straßenmusikerin betritt die Bühne. Eben war sie noch mit Nick (nick hornby) im Dom um sich das Fenster von Gehard (gerhard richter) anzusehen. Danach hat die kleine Patti vor dem großen Dom einige ihrer Hymnen in die Frühlingsluft gesungen. Außer dem, zu dem sie betet, wenn sie nicht gerade bei denen ist, die nicht mehr hier sind, hat sie niemand erkannt.
Aber hier im Saal kennt sie jeder, kennt jeder ihre Stimme mit der sie auf die Fragen von Sonja (sonja mikich) mal bescheiden zustimmend, mal widerspenstig richtigstellend antwortet. Sie ist neugierig und freut sich darauf zu hören, wie sich die Worte aus ihrem Buch auf deutsch anhören. Andächtig lauscht sie mit uns der jungen Schauspielerin, an deren Seite sie am Lesepult sitzt.
Dann lauschen wir mit der Schauspielerin dem Text, aber mehr noch einer Rhythmik, einer Intonierung, einer Stimme, die ihre Prosa in Lyrik und ihre Lesung in Gesang verwandelt.
Und dann, als seien 200, in Worten: zweihundert, Gänsehäute nicht genug, greift sie das Mikrofon und singt acapella ihren ersten Hit, zuerst alleine und dann mit uns allen:
Because the night ... belongs the love. Zwischen weiteren Liedern rotzt sie immer wieder hinter sich und begleitet ihre Songs auf einer Klampfe.
Standing Ovations für einen rotzfrechen Cowboy. Robert, Fred und Allen hätte der Abend gefallen. Ihr und uns auch.
Sie signiert ihr Buch und ich denke nur noch G-L-O-R-I-A
Muss Dich enttäuchen, Zauberberge, leider ist Patti nur für den einen Termin auf der > lit.COLOGNE < in Europa gewesen.
(siehe Kommentar Nr.2 zum Interview)
Schade, dass du diesmal nicht dabei sein konntest.
Sie arbeitet jetzt schon wieder an ihrer neuen Platte.
Zum Trost: Weniger kann auch mehr sein!
Liebe Grüße aus Köln
peter.pan
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