Patti Smith Die ÜberlebendeSeite 5/5

Patricia Lee Smith wurde 1946 in Chicago geboren, und es deutete nicht viel darauf hin, dass aus ihr, Tochter einer Arbeiterfamilie, die den Zeugen Jehovas angehörte, je eine Stilikone werden würde. Wie hat sie zu ihrem Stil gefunden? Im Müll anderer Leute. Dort fand sie Ausgaben von Vogue und Harper’s Bazaar, studierte die Kunst und die Mode, die darin gezeigt wurden. "Die Hefte waren mein erster Kontakt mit der Fotografie: Ich legte die Warenhauskataloge meiner Mutter neben die Magazine und studierte beim Blättern die Unterschiede. Es war eine ferne, aber interessante, elegante Welt, der Stil hat mich angezogen." Im Müll anderer Leute fand sie auch Kleidung. "Der Begriff Vintage existierte in den Fünfzigern noch nicht", sagt sie, "die reichen Leuten warfen ihre Garderobe der letzten Saison einfach weg. Das war gut für mich!" Und so zog der Teenager Patti Blusen von Dior an, ohne dafür zu bezahlen. "Natürlich war ich damit in der Schule eine Außenseiterin, die anderen fragten sich, warum ich diese merkwürdigen Sachen trage. Aber ich wusste ja, warum, das hat mir genügt."

Ihre Mutter hätte es lieber gesehen, wenn sie sich in Rosa gekleidet hätte. "Eines Tages, ich war elf oder zwölf, sagte sie zu mir: Du musst jetzt eine kleine Lady werden! Ich dachte nur: Eine Lady? Das will ich nicht! Ich bin ja in den Fünfzigern aufgewachsen, da waren Frauen ungeheuer weiblich, große Brüste, viel Make-up, dicker Lippenstift, viel Parfüm." So wollte sie nicht werden, so ist sie nicht geworden. Und so wurde sie zum Stilvorbild. In den Neunzigern bekam sie ein Paket aus Paris zugeschickt, mit einem Stapel weißer Hemden und einem Brief der Designerin Ann Demeulemeester, die sich bedankte: Sie hatte für ihre aktuelle Kollektion Patti Smiths Horses-Look zitiert. Die beiden sind mittlerweile eng befreundet. Manchmal, wenn Patti Smith eine Idee hat, wünscht sie sich etwas von Ann, "die Matrosenjacke hier zum Beispiel war meine Idee", sagt sie. Die Designerin hat sie entworfen und schneidern lassen – und dann in ihre Kollektion aufgenommen.

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Patti Smith wirft einen Blick in den leeren Kaffeebecher, "haben Sie schon etwas gegessen? Ich kenne hier um die Ecke ein kleines Restaurant." Sie schnappt sich die Matrosenjacke, und wir gehen raus auf die Straße. Das Restaurant hat geschlossen. Nebenan ist ein Pizzaimbiss, hinter der Theke zwei dicke Männer, die nicht sehr italienisch aussehen. Patti Smiths zweifelnder Blick bringt einen zum Lachen. Sie fragt: "Sollen wir es trotzdem riskieren?" Die Pizza ist vor allem heiß, Patti Smith bestellt einen Kaffee dazu. Im Hintergrund läuft die Übertragung eines Pferderennens. Und man versteht in diesem Augenblick an dem kleinen Plastikecktisch: Diese Frau hat so viel erlebt, so viel gesehen, sie war so viele Male ganz oben und ganz unten, dass sie nach dem Prinzip lebt: Ich komme überall zurecht, notfalls auch allein. (Die aufgewärmte Pizza isst sie übrigens ganz auf.)

Ist sie zurzeit verliebt? "Erstens geht Sie das gar nichts an." Sie grinst. "Und zweitens: Wenn Sie wissen wollen, ob ich einen Partner habe, nein, habe ich nicht. Ich bin 63 Jahre alt, und ich habe die meiste Zeit meines Lebens in einer Beziehung verbracht, jetzt lebe ich allein. Ich arbeite viel, lerne neue Leute kennen, es ist eine spannende Zeit." Johnny Depp beispielsweise ist einer dieser neuen Freunde. Er nennt sie liebevoll Patti Lee. "Er hat mir eine magische Münze geschenkt, die ich seitdem immer bei mir habe." Was ist eine magische Münze? "Sie ist eben magisch, ein Talisman", sagt sie und fasst in ihre Hosentasche, zieht ihre Hand dann doch zurück. Die Münze bleibt im Verborgenen, der Talisman soll seine Magie nicht verlieren.

Dinge, Objekte haben Patti Smith schon immer fasziniert, sie hat Picassos Pinsel fotografiert, Hermann Hesses Schreibmaschine, Tolstojs Fahrrad. Und sie besitzt ein Paar Slipper von Papst Benedikt XV., der 1920 Jeanne d’Arc heiliggesprochen hat. Sie hat sie einem Kloster abgekauft. "Als Zeugin Jehovas", sagt sie, "bin ich ohne Bilder, ohne Objekte aufgewachsen, vielleicht sind sie deshalb meine Leidenschaft geworden." Auch von Robert Mapplethorpe hat sie vieles aufbewahrt, Bilder, Briefe. Und seine Asche.

In letzter Zeit, sagt Patti Smith, träume sie nicht mehr ganz so oft von ihm wie früher, vielleicht liegt es an dem Buch, das sie über ihn geschrieben hat, den Künstler ihres Lebens. "Als er im Sterben lag, habe ich ihm versprochen, unsere Geschichte aufzuschreiben. Ich habe mein Versprechen gehalten." Sie hat viel vor: Mit dem Buch wird sie reisen, im März kommt sie nach Deutschland, danach nimmt sie ihr nächstes Album auf. Eine Idee für das nächste Buch hat sie auch schon, eine Detektivgeschichte soll es werden. "Und ich träume davon, eine Oper zu schreiben oder wenigstens einen Liederzyklus für ein Opernhaus."

Beim Abschied drückt Patti Smith einem fest die Hand. Sie zeigt auf das Buch, das sie dabeihat, 2666 von Roberto Bolaño. Als sie heute Nacht um vier aufgewacht ist, hat sie stundenlang darin gelesen, ist erst am Morgen wieder eingeschlafen, "deshalb bin ich zu spät gekommen". Der Schriftsteller Roberto Bolaño ist mit fünfzig gestorben. "Auch zu früh", sagt Patti Smith und tippt auf den Umschlag, "es ist ein Meisterwerk. Wer weiß, vielleicht gelingt mir auch noch ein Meisterwerk. Und warum auch nicht? Hey, meine Träume sind groß!"

Patti Smith ist mit ihren 63 Jahren in einer Phase, die ihre früheren Freunde nicht erreicht haben. Sie mussten sich der Aufgabe, als Legende alt zu werden, nicht stellen. Patti Smith tut es. Und lässt sich immer noch von ihnen inspirieren.

 
Leser-Kommentare
  1. Sehr guter Artikel bzw. sehr gutes Interview! Ich hätte noch stundenlang weiterlesen können:)) Bitte mehr davon!
    Ich glaube ich lese jetzt Smith's Buch. Weiß jemand, wo/wann sie in Deutschland lesen wird?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Muss Dich enttäuchen, Zauberberge, leider ist Patti nur für den einen Termin auf der > lit.COLOGNE < in Europa gewesen.
    (siehe Kommentar Nr.2 zum Interview)
    Schade, dass du diesmal nicht dabei sein konntest.
    Sie arbeitet jetzt schon wieder an ihrer neuen Platte.
    Zum Trost: Weniger kann auch mehr sein!

    Liebe Grüße aus Köln

    peter.pan

    Muss Dich enttäuchen, Zauberberge, leider ist Patti nur für den einen Termin auf der > lit.COLOGNE < in Europa gewesen.
    (siehe Kommentar Nr.2 zum Interview)
    Schade, dass du diesmal nicht dabei sein konntest.
    Sie arbeitet jetzt schon wieder an ihrer neuen Platte.
    Zum Trost: Weniger kann auch mehr sein!

    Liebe Grüße aus Köln

    peter.pan

  2. Das Theater am Tanzbrunnen ist voll. Der kleine Saal knistert. Hoher Besuch in Köln. Eine Straßenmusikerin betritt die Bühne. Eben war sie noch mit Nick (nick hornby) im Dom um sich das Fenster von Gehard (gerhard richter) anzusehen. Danach hat die kleine Patti vor dem großen Dom einige ihrer Hymnen in die Frühlingsluft gesungen. Außer dem, zu dem sie betet, wenn sie nicht gerade bei denen ist, die nicht mehr hier sind, hat sie niemand erkannt.
    Aber hier im Saal kennt sie jeder, kennt jeder ihre Stimme mit der sie auf die Fragen von Sonja (sonja mikich) mal bescheiden zustimmend, mal widerspenstig richtigstellend antwortet. Sie ist neugierig und freut sich darauf zu hören, wie sich die Worte aus ihrem Buch auf deutsch anhören. Andächtig lauscht sie mit uns der jungen Schauspielerin, an deren Seite sie am Lesepult sitzt.
    Dann lauschen wir mit der Schauspielerin dem Text, aber mehr noch einer Rhythmik, einer Intonierung, einer Stimme, die ihre Prosa in Lyrik und ihre Lesung in Gesang verwandelt.
    Und dann, als seien 200, in Worten: zweihundert, Gänsehäute nicht genug, greift sie das Mikrofon und singt acapella ihren ersten Hit, zuerst alleine und dann mit uns allen:
    Because the night ... belongs the love. Zwischen weiteren Liedern rotzt sie immer wieder hinter sich und begleitet ihre Songs auf einer Klampfe.
    Standing Ovations für einen rotzfrechen Cowboy. Robert, Fred und Allen hätte der Abend gefallen. Ihr und uns auch.
    Sie signiert ihr Buch und ich denke nur noch G-L-O-R-I-A

  3. Muss Dich enttäuchen, Zauberberge, leider ist Patti nur für den einen Termin auf der > lit.COLOGNE < in Europa gewesen.
    (siehe Kommentar Nr.2 zum Interview)
    Schade, dass du diesmal nicht dabei sein konntest.
    Sie arbeitet jetzt schon wieder an ihrer neuen Platte.
    Zum Trost: Weniger kann auch mehr sein!

    Liebe Grüße aus Köln

    peter.pan

    Antwort auf "Bitte mehr davon!"

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