Die Geschichte beginnt mit einem Umschlag, der an einem Donnerstagabend gegen 18 Uhr in der Voltastraße, 60486 Frankfurt, in einem gelben Briefkasten verschwindet. Sein Ziel ist die Zugspitze , genauer gesagt Deutschlands höchstgelegene Postfiliale, auf 2600 Metern, knapp unterhalb des Gipfels. Wer dem Brief auf seinem Weg folgt und mit den Menschen spricht, die ihn transportieren, lernt viel über Zeitdruck, über eine Zweiklassengesellschaft und den Frust der Arbeitnehmer. Wer den Brief begleitet, spürt, wie gestört das Verhältnis der Deutschen zu ihrer Post ist.

Die Deutsche Post bringt Briefe auf hohe Berge und unwegsame Almen, liefert Pakete noch auf die letzte Hallig. Sie sichert eine Grundversorgung, ihre Filialen sind Ortsmarken – wie Kirchen und Rathäuser. Über die Jahrhunderte hat sich eine tiefe Beziehung zwischen Post und Mensch entwickelt. Sie ist Liebesbote. Strafzettelzusteller. Und sie bringt die Weihnachtsgeschenke. Das Posthorn ist fester Bestandteil des kollektiven Gedächtnisses. Ebenso der Briefträger in seiner Joppe, der Sendungen zustellt – selbst wenn die Hunde hinter ihm her sind. Er wurde in Filmen verewigt und in Liedern besungen. Es ist diese Welt aus Stempelkissen, bunten Sondermarken und geregelten Öffnungszeiten.

Mit ihrer Geschichte von 500 Jahren verkörpert die Post die Erinnerung an eine Zeit, in der alles noch seine Ordnung hatte. Doch diese Zeit ist vorbei. Und diese Post gibt es nicht mehr.

Alle zu versorgen war lange Jahre die Pflicht einer Behörde namens Deutsche Bundespost – seit 2008 ist es eine freiwillige Leistung des privaten Konzerns Deutsche Post DHL. Eines Unternehmens, das fünf Prozent aller globalen Handelsströme organisiert und 46 Milliarden Euro Umsatz macht. Die Postoberen haben sich diese Geschäfte erschlossen und weltweit mehr als 100 Firmen zusammengekauft. Von ihrem 162 Meter hohen, vollverglasten Bonner Post Tower aus, den der Stararchitekt Helmut Jahn entworfen hat, haben die Manager die ganz großen Ziele im Visier: Sie bewegen Frachtcontainer und Dokumente, Küken und Schiffsschrauben – von China bis nach Hawaii. Im Expressgeschäft sehen sie sich in Asien und Lateinamerika an Nummer eins, bei Luft- und Schiffsfracht gar weltweit als Marktführer.

Unten, auf dem deutschen Boden, hat sich derweil tiefer Groll ausgebreitet: über Briefkästen, die abmontiert wurden, über Briefe, die mehrere Tage brauchen, über Postfilialen, in denen die Warteschlangen so lang sind wie an Skiliften. Viele Deutsche haben das Gefühl, sie seien der Post lästig.

Ende 2008 rügt die Gewerkschaft ver.di ein bundesweites »Zustellchaos«, sie beklagt Personalmangel, Überstunden und Postmengen, die nicht mehr zu bewältigen seien. 10.000 neue Briefzusteller, so ihre Forderung, müssten auf der Stelle her.

Im Sommer 2009 bringt die Post viele Bürger gegen sich auf, weil sie ohne offizielle Ankündigung sonntags die Arbeit in einigen Briefzentren reduziert und montags weniger Zusteller losschickt. Sie testet, wie sie ein paar Millionen sparen kann.

In den nächsten Monaten nun entscheidet sich, ob die Bonner den Abbau fortsetzen dürfen. Berlin wird festlegen, was künftig noch zur Grundversorgung, dem sogenannten Universaldienst, gehört.