Lesbisches ReisenDas Frausein feiern

Von der Party in Kalifornien bis zur Diskussionsrunde in Usbekistan: Der Markt für lesbisches Reisen wird bunter. von 

Reiseveranstalter haben lesbische Frauen als Zielgruppe entdeckt

Reiseveranstalter haben lesbische Frauen als Zielgruppe entdeckt   |  © careaux mit o./photocase

Es klingt wie ein Klischee, stimmt aber. Kein anderes Reiseziel ist für lesbische Frauen so attraktiv wie Lesbos. Die griechische Insel, auf der die antike Dichterin Sappho ihre Liebe zum gleichen Geschlecht verherrlicht haben soll, sei nach wie vor der große Sehnsuchtsort, sagt Ilse Peter vom Münchner Lesben-Reiseveranstalter Travelsisters. Namentlich im Badeort Skala Eressos, Geburtsort der Sappho, ist frau unter sich. »Dort können sich Lesben wirklich frei fühlen«, schwärmt Peter. Männer haben in Skala Eressos Exotenstatus, vor allem im Herbst während des Women’s Festival, wenn mit Konzerten, Barbecues und nächtelangen Strandpartys, so Peter, »das Frausein gefeiert wird«.

Die Internationale Tourismusbörse (ITB), die momentan in Berlin stattfindet, stellt in diesem Jahr erstmals den Bereich Gay & Lesbian Travel prominent heraus. Sie lenkt damit die Aufmerksamkeit auf eine Zielgruppe, um die es merkwürdig still ist. Denn anders als das schwule Reiseverhalten ist das der Lesben kaum beleuchtet. Lediglich in der letzten größeren schwul-lesbischen Reisestudie, 2007 von der Berliner Agentur Publicom durchgeführt, stellen Frauen einen signifikanten Anteil der Befragten. Darin zeigen sich zunächst einige Gemeinsamkeiten. Gays beiderlei Geschlechts sind überdurchschnittlich gern unterwegs. Sie favorisieren Kurz- und vor allem Städtereisen, steigen lieber ins Flugzeug als ins Auto und meiden Regionen, in denen man sie diskriminiert. Einer der wenigen deutlichen Unterschiede betrifft das Budget. Zwar geben beide Gruppen mehr aus als Heterosexuelle, aber bei Schwulen sind es für eine längere Reise im Schnitt 1550 Euro und bei Lesben nur 1277 Euro. Das rührt wohl daher, dass Frauen im Allgemeinen weniger verdienen als Männer und Lesben nicht selten Kinder zu versorgen haben. Trotzdem hält Michael Drescher von der Werbeagentur Communigayte den lesbischen Reisemarkt für »ungeheuer attraktiv«; er sei bei Weitem nicht ausgeschöpft.

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Denn gerade dieser Markt differenziert sich – als Folge eines sozialen Wandels. Lange dominierten in der Szene die »Bewegungslesben«: Sie erlebten im Zuge der »zweiten Frauenbewegung« in den siebziger oder achtziger Jahren ihr Coming-out und pflegen bis heute ein emanzipatorisches Lebensgefühl. Konsum und Körperkult stehen sie oft skeptisch gegenüber. Statt im Bikini am Pool zu liegen, gehen sie lieber auf Wandertouren mit anderen Lesben. Diese Kundinnen wollten die schönste Zeit des Jahres am liebsten unter ihresgleichen verbringen und keine Männer sehen, sagt Jörg Argelander vom schwul-lesbischen Berliner Reisebüro Over the Rainbow. Doch mehr und mehr geben die jüngeren Lesben den Ton an – unter ihnen auch die sehr fraulich auftretenden »Lipsticklesben« –, die nicht weniger spaßorientiert sind als Heteras. »Junge Lesben machen all das, was altersgemäß ist, aber eben mit der Freundin«, sagt Kathrin Angelstein vom alternativen Reisebüros Fairlines in Hamburg.

Definitiv nicht ausgeprägt ist bei Lesben der Wunsch, sich im Urlaub sexuell auszutoben. »Cruising-Spots wie bei den Schwulen gibt es für uns nicht«, sagt Angelstein. »Frauen wollen sich erst mal gepflegt unterhalten und nicht gleich mit jemand in die Kiste steigen.« Dafür legten Lesben großen Wert darauf, in der Öffentlichkeit zärtlich miteinander zu sein, ohne »blöd angemacht zu werden«.

Gern gebucht werden Bildungsreisen. Das schwul-lesbische Münchner Reisebüro Lila Reisen (»Lesbenreisen zu Heteropreisen«) bietet etwa eine Studienfahrt nach Usbekistan, inklusive eines Treffens mit einheimischen Geschäftsfrauen, bei dem »über die Stellung der Frau im usbekischen Berufsleben diskutiert« werden kann. Auf das immer noch starke Interesse an Geschlechterfragen setzt auch der Berliner Veranstalter Frauen Unterwegs. »Wir sprechen Frauen an, die Begegnungen mit Fraueninitiativen und Künstlerinnen suchen«, sagt die Gründerin Eva Veith. Zur anderen Seite des immer facettenreicheren Marktes gehören spaßbetonte Reisen, etwa zur weltgrößten Lesbenparty, dem Dinah Shore Weekend, die Ende März im kalifornischen Palm Springs steigt. Zwei Wochen später lockt eine Ferienanlage zwischen Kiel und Lübeck Lesben an die Ostsee – zum Festival L-Beach mit Konzerten und Partys. »Die Anlage ist ziemlich spießig«, sagt Manuela Kay, Chefredakteurin des Lesbenmagazins L-Mag, Medienpartner des Treffens. »Trotzdem waren die 3500 Plätze mit Übernachtung im Nu weg.«

Und auch eine neue Lesbendestination könnte aus dem Meer auftauchen, meint Communigayte-Chef Drescher. Das liege an Jóhanna Sigurðardóttir. Sie ist Premierministerin von Island – und die erste offen homosexuelle Regierungschefin der Welt. Und ihr Volk gilt als besonders tolerant. Die Insel im Nordatlantik sei auf dem besten Weg, Lesbos Konkurrenz zu machen.

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Leserkommentare
  1. Was heißt hier "Frausein feiern"?? kann man genauso gut oder unter Umständen besser in einer Heterobeziehung feiern, oder?
    Dass homosexuelle und lesbische Paare mehr Geld für Urlaub ausgeben können, ist doch ganz einfach zu erklären: sie ziehen in den wenigsten Fällen Kinder groß, die späteren Leistungsträger für Rentenzahlungen von Heteros, Homos und Lesben. Für das Geld, das Eltern in die Kindererziehung stecken, könnten sie sich viele Luxusurlaube leisten. Da hat die Tourismusbranche einfach eine Marktlücke uns die Medien wiedermal einen Vorwand für paar Zeilen entdeckt .... wie z.B. mit den Senioren........

  2. "Diese Kundinnen wollten die schönste Zeit des Jahres am liebsten unter ihresgleichen verbringen und keine Männer sehen ..."

    Jörg Argelander darf mit diesen Worten zitiert werden, wenn mal wieder von Lesben als für gewöhnlich so gar nicht Männer verachtende Randgruppe die Rede ist.

    Solch finstere Formulierungen werden bei allem misandrischen Mainstream offenbar erst bedenklich, so von "schwarzen Männern" die Rede ist.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • brazzy
    • 04. Juni 2013 12:38 Uhr

    Legen sie mal die Scheuklappen ab - das Zitat steht ja grade im Kontext dass diese "Bewegungslesben" weniger werden. Und selbst da - "keine Männer sehen wollen" ist was anderes als Männer zu verachten.

    Und wahrscheinlich wäre der Wunsch danach, unter sich zu bleiben, auch nicht so ausgeprägt wenn die Damen bei Anwesenheit von Männern nicht mit schmierigen Sprüchen oder offener Feindseligkeit von Typen wie ihnen rechnen müssten, wenn sie sich als Lesbe outen.

    Da beisst sich die Katze in den Schwanz, und Lagermentalität von beiden Seiten nicht hilfreich.

  3. Unfassbar, dieses Foto zum Artikel.

  4. Die Formulierung "Frausein feiern" beschreibt die Situation sehr ungenau. Ich fuehle mich unter Frauen unter bestimmten Umstaenden wohler, weil die Anmacherei vom anderen Geschlecht wegfaellt, wie bei einer Party unter Freunden. Das hat nichts zu tun mit "Frausein feiern", sondern alles mit "feiern".

    Auch waere ich neugierig, wie sehr sich die Geburtenrate von lesbischen Paaren von den Heteropaaren unterscheidet. Unter meinen Freundinnen gibt es einen wahren Babyboom. Allerdings sind die lesbischen Muetter haeufig aelter als die heterosexuellen, und sind auch finanziell unabhaengiger. Dadurch tragen sie nicht nur zu den heutigen Renten bei, sondern auch zu den zukuenftigen.

  5. "Auch waere ich neugierig, wie sehr sich die Geburtenrate von lesbischen Paaren von den Heteropaaren unterscheidet."

    Yep

    • brazzy
    • 04. Juni 2013 12:38 Uhr

    Legen sie mal die Scheuklappen ab - das Zitat steht ja grade im Kontext dass diese "Bewegungslesben" weniger werden. Und selbst da - "keine Männer sehen wollen" ist was anderes als Männer zu verachten.

    Und wahrscheinlich wäre der Wunsch danach, unter sich zu bleiben, auch nicht so ausgeprägt wenn die Damen bei Anwesenheit von Männern nicht mit schmierigen Sprüchen oder offener Feindseligkeit von Typen wie ihnen rechnen müssten, wenn sie sich als Lesbe outen.

    Da beisst sich die Katze in den Schwanz, und Lagermentalität von beiden Seiten nicht hilfreich.

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