ZEITmagazin: Frau Lengsfeld , Ihr ehemaliger Mann Knud Wollenberger war IM bei der Stasi und hat Sie ausspioniert. Wie haben Sie davon erfahren?

Vera Lengsfeld: Das war Anfang Dezember 1991. Ich war zu Hause in Thüringen . Eines Abends rief mich ein befreundeter Journalist an und sagte: »Vera, morgen steht in meiner Zeitung, dass Knud ein inoffizieller Mitarbeiter war. Wann legst du dein Bundestagsmandat nieder?« Darauf antwortete ich nur: »Was hat das mit meinem Mandat zu tun? Ich komme nach Berlin . Ich will Beweise sehen.« Dann befragte ich meinen Mann, und er schwor mir bei unseren zwei Kindern, dass er kein IM gewesen sei.

ZEITmagazin: Doch die Beweise sprachen gegen ihn?

Lengsfeld: In Berlin erfuhr ich, dass sein eigener Stasi-Führungsoffizier ihn geoutet hatte. Es blieb Knud nichts übrig, als alles zuzugeben.

ZEITmagazin: Was haben Sie in diesem Moment empfunden?

Lengsfeld: Nur Schmerz. Ich fühlte mich wie von einer Lawine überrollt. Über Nacht war mein ganzes bisheriges Leben zu Ende. Ich vergleiche das immer mit jemandem, der durch einen Unfall einen Arm verliert und dann nur noch die Wahl hat, entweder den Verlust endlos zu betrauern oder sich zu überlegen, wie man am besten mit einem Arm weiterlebt.

ZEITmagazin: Wofür haben Sie sich entschieden?

Lengsfeld: Für Letzteres. Ich forderte meinen Mann auf, auszuziehen, was er am nächsten Morgen tat. Dann beschloss ich, den Kindern die ganze Wahrheit zu sagen, und rief einen Psychologen an, damit er mich dabei unterstützte. Zu meiner großen Erleichterung haben sich die Kinder dafür entschieden, bei mir zu bleiben. Ich organisierte eine Kinderbetreuung, ordnete mein Leben neu und reichte die Scheidung ein. Wegen außerordentlicher Schwere wurden wir bereits im Februar 1992 geschieden.

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ZEITmagazin: Es blieb Ihnen also kaum Zeit, sich mit Ihren Gefühlen auseinanderzusetzen?

Lengsfeld: Das kam erst später. Im Sommer rief mich ein alter Freund an, der Lektor bei Elefantenpress war, und schlug mir vor, ein Buch darüber zu schreiben. Ich sagte sofort Ja, weil das eine Chance war, mit dieser ganzen Geschichte klarzukommen. Ich las einen ganzen Sommer lang meine Stasi-Akten und schrieb das Buch in sechs Wochen. Danach war’s vorbei. 

ZEITmagazin: Das Buch war Ihre Rettung, weil Sie sich alles von der Seele schreiben konnten?

Lengsfeld: Ja, es hat mich dann nicht mehr bedrückt. Aber es war nach wie vor schwer für mich, mich damit abfinden zu müssen, dass es Dinge gibt, für die man keine Erklärung hat.

ZEITmagazin: Weil Knud Wollenberger Ihnen nie eine ehrliche Antwort gab, warum er die eigene Frau bespitzelt hatte?

Lengsfeld: Das tat er erst zehn Jahre später in einem Brief. Er schrieb, er habe Angst um mich gehabt und geglaubt, dass er, wenn er mit denen rede, rechtzeitig erfahren würde, wann mir eine Gefahr drohe. Ich glaubte ihm, weil er tatsächlich alles getan hatte, was in seinen Kräften stand, um mich davon abzuhalten, zu dieser Demonstration zu gehen, bei der ich dann verhaftet wurde.