Vera Lengsfeld "Über Nacht war mein bisheriges Leben zu Ende"
Ende 1991 brach für die Politikerin Vera Lengsfeld eine Welt zusammen: Sie erfuhr, dass ihr Mann sie für die Stasi bespitzelt hatte.
ZEITmagazin: Frau Lengsfeld, Ihr ehemaliger Mann Knud Wollenberger war IM bei der Stasi und hat Sie ausspioniert. Wie haben Sie davon erfahren?
Vera Lengsfeld: Das war Anfang Dezember 1991. Ich war zu Hause in Thüringen. Eines Abends rief mich ein befreundeter Journalist an und sagte: »Vera, morgen steht in meiner Zeitung, dass Knud ein inoffizieller Mitarbeiter war. Wann legst du dein Bundestagsmandat nieder?« Darauf antwortete ich nur: »Was hat das mit meinem Mandat zu tun? Ich komme nach Berlin. Ich will Beweise sehen.« Dann befragte ich meinen Mann, und er schwor mir bei unseren zwei Kindern, dass er kein IM gewesen sei.
ZEITmagazin: Doch die Beweise sprachen gegen ihn?
Lengsfeld: In Berlin erfuhr ich, dass sein eigener Stasi-Führungsoffizier ihn geoutet hatte. Es blieb Knud nichts übrig, als alles zuzugeben.
Die 57-jährige Thüringerin war in der DDR Bürgerrechtlerin, 1988 verhaftete man sie und schob sie in den Westen ab. Sie wurde Mitglied von Bündnis 90/Die Grünen. 1991 erfuhr sie, dass ihr Mann sie bespitzelt hatte. Aus Protest gegen Koalitionen mit der PDS trat sie 1996 in die CDU ein
ZEITmagazin: Was haben Sie in diesem Moment empfunden?
Lengsfeld: Nur Schmerz. Ich fühlte mich wie von einer Lawine überrollt. Über Nacht war mein ganzes bisheriges Leben zu Ende. Ich vergleiche das immer mit jemandem, der durch einen Unfall einen Arm verliert und dann nur noch die Wahl hat, entweder den Verlust endlos zu betrauern oder sich zu überlegen, wie man am besten mit einem Arm weiterlebt.
ZEITmagazin: Wofür haben Sie sich entschieden?
Lengsfeld: Für Letzteres. Ich forderte meinen Mann auf, auszuziehen, was er am nächsten Morgen tat. Dann beschloss ich, den Kindern die ganze Wahrheit zu sagen, und rief einen Psychologen an, damit er mich dabei unterstützte. Zu meiner großen Erleichterung haben sich die Kinder dafür entschieden, bei mir zu bleiben. Ich organisierte eine Kinderbetreuung, ordnete mein Leben neu und reichte die Scheidung ein. Wegen außerordentlicher Schwere wurden wir bereits im Februar 1992 geschieden.
ZEITmagazin: Es blieb Ihnen also kaum Zeit, sich mit Ihren Gefühlen auseinanderzusetzen?
Lengsfeld: Das kam erst später. Im Sommer rief mich ein alter Freund an, der Lektor bei Elefantenpress war, und schlug mir vor, ein Buch darüber zu schreiben. Ich sagte sofort Ja, weil das eine Chance war, mit dieser ganzen Geschichte klarzukommen. Ich las einen ganzen Sommer lang meine Stasi-Akten und schrieb das Buch in sechs Wochen. Danach war’s vorbei.
ZEITmagazin: Das Buch war Ihre Rettung, weil Sie sich alles von der Seele schreiben konnten?
Lengsfeld: Ja, es hat mich dann nicht mehr bedrückt. Aber es war nach wie vor schwer für mich, mich damit abfinden zu müssen, dass es Dinge gibt, für die man keine Erklärung hat.
ZEITmagazin: Weil Knud Wollenberger Ihnen nie eine ehrliche Antwort gab, warum er die eigene Frau bespitzelt hatte?
Lengsfeld: Das tat er erst zehn Jahre später in einem Brief. Er schrieb, er habe Angst um mich gehabt und geglaubt, dass er, wenn er mit denen rede, rechtzeitig erfahren würde, wann mir eine Gefahr drohe. Ich glaubte ihm, weil er tatsächlich alles getan hatte, was in seinen Kräften stand, um mich davon abzuhalten, zu dieser Demonstration zu gehen, bei der ich dann verhaftet wurde.
ZEITmagazin: Das war 1988. Sie wurden danach wie auch andere Bürgerrechtler zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Haben die Berichte Ihres Exmannes zu dieser Verurteilung beigetragen?
Lengsfeld: Nein, ich war sogar erstaunt, wie wenig ich in den Stasi-Akten fand.
ZEITmagazin: Haben Sie Ihr Urteil deshalb revidiert?
Lengsfeld: Wie viel oder wenig er über mich berichtet hat, ändert nichts daran, dass er es tat. Erst jetzt, da er sehr krank ist, bin ich etwas milder gestimmt. Ich bin davon überzeugt, dass diese Krankheit mit seinem Verrat zusammenhängt.
- Herlinde Koelbl
gehört neben dem Coach Louis Lewitan und dem ZEIT-Redakteur Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe »Das war meine Rettung«. Die renommierte Fotografin wurde in Deutschland auch durch ihre Interviews berühmt
ZEITmagazin: Hat er sich bei Ihnen entschuldigt?
Lengsfeld: Ja, in dem Brief. Nachdem ich den gelesen hatte, konnte ich ihm auch verzeihen.
ZEITmagazin: Was haben Sie aus dieser Erfahrung gelernt?
Lengsfeld: Dass es gut ist, bei der Wahrheit zu bleiben, selbst wenn diese schrecklich ist. Ich glaube, wir sind als Familie nur deshalb relativ gut da rausgekommen, weil ich den Kindern die Wahrheit zugemutet habe. Das hat dazu beigetragen, dass sie damit umgehen und später ihrem Vater Fragen stellen konnten, die er ihnen auch offen beantwortete. Auch mir selbst hat es geholfen, mich mit der Wahrheit zu konfrontieren und mir jedes einzelne Drecksblatt in den Stasi-Akten anzusehen. Wenn auch meine ehemaligen Freunde die Wahrheit gesagt hätten, wäre vielleicht alles anders gekommen. Denn wie sich später herausstellte, wussten es einige von ihnen bereits ein halbes Jahr vor mir. Die eigentliche Zumutung damals war, dass ich gezwungen war, eine absolut private Tragödie in der Öffentlichkeit zu verarbeiten. Ich kann wirklich nicht sagen, was gewesen wäre, wenn Knud und ich die Möglichkeit gehabt hätten, das im Stillen für uns zu klären.
Das Gespräch führte Herlinde Koelbl
- Datum 12.03.2010 - 09:43 Uhr
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- Serie Das war meine Rettung
- Quelle ZEITmagazin, 11.03.2010 Nr. 11
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Bitte verzichten Sie auf Pauschalisierungen. Danke. Die Redaktion/sh
gilt Frau Lengsfeld (auch wenn ich kein Freund ihrer Partei bin). Leider haben nur verschwindend wenige ihrer Parteifreunde ein solches demokratisches und moralisches Rückgrad bewiesen - und zwar in den neuen wie 40 Jahre vorher in den alten Bundesländern.
der nahtlose Übergang von der Gestapo zur Stasi hatte die Menschen nicht zur Besinnung kommen lassen. Sie glitten von einem Überwachungsnetz ins nächste,
hielten sich für befreit und liefen doch 40 weitere Jahre am perfid gesponnenen Fädchen und konnten's am Ende selbst nicht fassen ... sie waren nicht mehr die, die sie zu sein glaubten.
als ich mitte der 80er jahre in einem leipziger literaturzirkel"schreibender werktätiger" aktiv war,als wissenschaftlicher assistent der uni neben doktoranten,lehrern,menschen verschiedenster berufe und wir oft eher über politische veränderungen debattierten als über lyrik und prosa,da fiel irgendwann auch der name einer mutigen frau an der humboldt-uni leipzig...nach der wende kam die stasi-geschichte an die öffentlichkeit. sogar ihr vater sei aktives mitglied gewesen. derweil gingen im land quasi-hexenprozesse um,jeder musste sich für etwas verteidigen,was er garnicht getan haben konnte. ich hatte eine im-anwerbung 1986 abwehren können...eine moralische bewertung konnte ich nicht erwarten...aber frau lengsfeldt breitete ihre deprimierende erfahrung in allen medien aus und überzog auch einerseits ehrliche,kritische gesinnungsgenossen mit dem babbfluch,was ich zwar verstehen,aber nicht teilen kann. eine einmal kritische haltung gegenüber gesellschaftlichen mißständen darf man nicht aufgeben und sich nicht zum werkzeug der reaktion machen.so gibt man jede glaubwürdigkeit auf. schade,liebe vera lengsfeldt
bitte den babbfluch ändern in: bannfluch...danke
bitte den babbfluch ändern in: bannfluch...danke
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nach nochmaligem lesen meiner zeilen fällt mir ein weiterer fehler auf-frau wollenberger,eine lichtgestalt der berliner bürgerrechtsszene,war in berlin aktiv und wenn an der uni in berlin (ost),dann an der humboldt-uni berlin und nicht leipzig.ich will ihr auch aus heutiger sicht nicht absprechen,dass sie mit viel zivilcourage gegen demagogen des alten systems vorging, aber in den reihen ihrer neuen politischen heimat wenig durch kritik an mißständen in ihren eigenen reihen auffiel-es sei denn,dass die medien uns davon wenig berichteten...
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