Vera Lengsfeld "Über Nacht war mein bisheriges Leben zu Ende"Seite 2/2

ZEITmagazin: Das war 1988. Sie wurden danach wie auch andere Bürgerrechtler zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Haben die Berichte Ihres Exmannes zu dieser Verurteilung beigetragen?

Lengsfeld: Nein, ich war sogar erstaunt, wie wenig ich in den Stasi-Akten fand.

ZEITmagazin: Haben Sie Ihr Urteil deshalb revidiert?

Lengsfeld: Wie viel oder wenig er über mich berichtet hat, ändert nichts daran, dass er es tat. Erst jetzt, da er sehr krank ist, bin ich etwas milder gestimmt. Ich bin davon überzeugt, dass diese Krankheit mit seinem Verrat zusammenhängt.

Herlinde Koelbl

gehört neben dem Coach Louis Lewitan und dem ZEIT-Redakteur Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe »Das war meine Rettung«. Die renommierte Fotografin wurde in Deutschland auch durch ihre Interviews berühmt

ZEITmagazin: Hat er sich bei Ihnen entschuldigt?

Lengsfeld: Ja, in dem Brief. Nachdem ich den gelesen hatte, konnte ich ihm auch verzeihen. 

ZEITmagazin: Was haben Sie aus dieser Erfahrung gelernt?

Lengsfeld: Dass es gut ist, bei der Wahrheit zu bleiben, selbst wenn diese schrecklich ist. Ich glaube, wir sind als Familie nur deshalb relativ gut da rausgekommen, weil ich den Kindern die Wahrheit zugemutet habe. Das hat dazu beigetragen, dass sie damit umgehen und später ihrem Vater Fragen stellen konnten, die er ihnen auch offen beantwortete. Auch mir selbst hat es geholfen, mich mit der Wahrheit zu konfrontieren und mir jedes einzelne Drecksblatt in den Stasi-Akten anzusehen. Wenn auch meine ehemaligen Freunde die Wahrheit gesagt hätten, wäre vielleicht alles anders gekommen. Denn wie sich später herausstellte, wussten es einige von ihnen bereits ein halbes Jahr vor mir. Die eigentliche Zumutung damals war, dass ich gezwungen war, eine absolut private Tragödie in der Öffentlichkeit zu verarbeiten. Ich kann wirklich nicht sagen, was gewesen wäre, wenn Knud und ich die Möglichkeit gehabt hätten, das im Stillen für uns zu klären.

Das Gespräch führte Herlinde Koelbl

 
Leser-Kommentare
  1. Bitte verzichten Sie auf Pauschalisierungen. Danke. Die Redaktion/sh

  2. gilt Frau Lengsfeld (auch wenn ich kein Freund ihrer Partei bin). Leider haben nur verschwindend wenige ihrer Parteifreunde ein solches demokratisches und moralisches Rückgrad bewiesen - und zwar in den neuen wie 40 Jahre vorher in den alten Bundesländern.

    • opina
    • 13.03.2010 um 3:53 Uhr

    der nahtlose Übergang von der Gestapo zur Stasi hatte die Menschen nicht zur Besinnung kommen lassen. Sie glitten von einem Überwachungsnetz ins nächste,
    hielten sich für befreit und liefen doch 40 weitere Jahre am perfid gesponnenen Fädchen und konnten's am Ende selbst nicht fassen ... sie waren nicht mehr die, die sie zu sein glaubten.

  3. als ich mitte der 80er jahre in einem leipziger literaturzirkel"schreibender werktätiger" aktiv war,als wissenschaftlicher assistent der uni neben doktoranten,lehrern,menschen verschiedenster berufe und wir oft eher über politische veränderungen debattierten als über lyrik und prosa,da fiel irgendwann auch der name einer mutigen frau an der humboldt-uni leipzig...nach der wende kam die stasi-geschichte an die öffentlichkeit. sogar ihr vater sei aktives mitglied gewesen. derweil gingen im land quasi-hexenprozesse um,jeder musste sich für etwas verteidigen,was er garnicht getan haben konnte. ich hatte eine im-anwerbung 1986 abwehren können...eine moralische bewertung konnte ich nicht erwarten...aber frau lengsfeldt breitete ihre deprimierende erfahrung in allen medien aus und überzog auch einerseits ehrliche,kritische gesinnungsgenossen mit dem babbfluch,was ich zwar verstehen,aber nicht teilen kann. eine einmal kritische haltung gegenüber gesellschaftlichen mißständen darf man nicht aufgeben und sich nicht zum werkzeug der reaktion machen.so gibt man jede glaubwürdigkeit auf. schade,liebe vera lengsfeldt

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    bitte den babbfluch ändern in: bannfluch...danke

    bitte den babbfluch ändern in: bannfluch...danke

  4. bitte den babbfluch ändern in: bannfluch...danke

  5. nach nochmaligem lesen meiner zeilen fällt mir ein weiterer fehler auf-frau wollenberger,eine lichtgestalt der berliner bürgerrechtsszene,war in berlin aktiv und wenn an der uni in berlin (ost),dann an der humboldt-uni berlin und nicht leipzig.ich will ihr auch aus heutiger sicht nicht absprechen,dass sie mit viel zivilcourage gegen demagogen des alten systems vorging, aber in den reihen ihrer neuen politischen heimat wenig durch kritik an mißständen in ihren eigenen reihen auffiel-es sei denn,dass die medien uns davon wenig berichteten...

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