Schauspieler Christian Friedel Starke Vorstellung

Der Film "Das weiße Band", in dem er spielte, hätte fast den Oscar errungen. Für Dresdens Bühne ist Christian Friedel ohnehin ein Gewinn

War für den Oscar zum ersten Mal in Amerika: der deutsche Schauspieler Christian Friedel

War für den Oscar zum ersten Mal in Amerika: der deutsche Schauspieler Christian Friedel

Was wird aus einem brillanten Theaterschauspieler, der seinen ersten Film dreht? Endlich ein berühmter Theaterschauspieler. Wie im Fall von Christian Friedel, 31, der als Kind eigentlich Popstar werden wollte. Da hetzt er über Bühnen, Jahr für Jahr, Abend für Abend. Arbeitet hart, spielt gut und oft sehr gut. Dann steht er, ein einziges Mal, vor der Kamera. Und plötzlich: Interviews, Fernsehteams, Oscar-Nominierung. Und Schüler aus Wattenscheid, die wollen, dass man auf ihren Heften unterschreibt. »Plötzlich«, sagt Friedel, »wollen meine eigenen Verwandten Autogramme von mir.«

»Christian«, fragt eine Frau vom Fernsehen drei Tage vor seinem Abflug nach Los Angeles, »wie ist das, so kurz vor den Oscars, dem großen Traum jedes Schauspielers?« Christian Friedel zupft sich am Ohrläppchen, wie immer bei solchen Fragen. Was soll er denn sagen? Man muss ihn sich in diesen Wochen vorstellen wie einen Jungen, der mit Geschenken überhäuft wird. Christian Friedel ist ein Träumer, der aufwacht in einer Welt, die doch wieder nur ein Traum sein kann.

Anzeige

Wer noch nicht ahnt, warum man auch im Dresdner Staatsschauspiel zu träumen glaubt, sollte sich ein Kinoticket kaufen und Das weiße Band sehen, dieses Schwarz-Weiß-Drama von Michael Haneke. Die Rolle des Dorflehrers, der Schlüsselfigur des Films, bedeutet den Durchbruch für Christian Friedel. Und einen Coup für das Staatsschauspiel. Eine halbe Million Menschen haben den Mann in seinem Kinodebüt gesehen. So viele Zuschauer hatte er in sechs Jahren Theater nicht.

»Im letzten Jahr saß ich noch vor dem Fernseher«, sagt Friedel, »ich sah die Oscars und dachte: Dieser David Kross. Unglaublich, was der erlebt.« In diesem Jahr saß David Kross (Der Vorleser) vor dem Fernseher. Hollywood, der Traum, kommt zu Christian Friedel, dem Träumer. Das erste Mal Amerika, sagt er, und dann gleich Hollywood.

Die Heimat lässt ihn selbst dort nicht los, Magdeburg ist ihm immer auf den Fersen: Ein Kamerateam aus dem Landesfunkhaus Sachsen-Anhalt. »Oscarhoffnung für gebürtigen Magdeburger geplatzt«, werden sie am Abend nach der Verleihung melden und dann zeigen, wie sie ihm durch die Kulissen von Los Angeles gefolgt sind.

Die Geschichte von Christian Friedel ist eine wie aus dem Film. Wie die meisten jungen Ostdeutschen ging er fort, um Erfolg zu haben. Erst auf die Otto-Falckenberg-Schauspielschule nach München; dann, als Ensemblemitglied, nach Hannover. Anders als die meisten jungen Ostdeutschen ist er aber zurückgekommen, als er es endlich geschafft hatte.

Eines Abends sang er für die Frau des Regisseurs, begleitet von Ulrich Tukur

Christian Friedel spielt jetzt in Sachsen. Vom 27. März an gibt er in Dresden den Don Carlos, nach Schillers Drama gleichen Namens. Es ist schon seine dritte Hauptrolle, seit er mit Beginn der aktuellen Spielzeit aus Hannover fest ins Ensemble des Dresdner Staatsschauspiels wechselte – im Gefolge seines großen Förderers, des neuen Intendanten Wilfried Schulz, vormals Leiter des Niedersächsischen Staatstheaters. Schulz und Friedel stehen für einen Neubeginn am zuvor bisweilen dämmerschlafenden Dresdner Schauspielhaus. Das Publikum dieser Stadt sucht noch seine Haltung dazu. Was neu ist, muss nicht gut sein, sagen einige Dresdner. Aber manchmal ist es besser. 

Wenige Tage vor seiner Reise zu den Oscars sitzt Friedel süßlich lächelnd auf einem Bürostuhl im Schauspielhaus. Das dunkle Haar ist jetzt viel kürzer als im Haneke-Film, nach oben gegelt, die wehende Locke trägt er nicht mehr. So sieht er noch jünger aus, nicht wie Anfang 30, eigentlich nicht mal wie Mitte 20. Ein bisschen naiv, manchmal. »The baby-faced Christian Friedel«, schrieb der Kritiker der kanadischen National Post über ihn, was der Schauspieler selbst recht lustig findet. Wer Friedel noch nicht auf der Bühne gesehen hat, mag ihn unterschätzen. Wer ihm aber zuschaut, sieht ein Feuerwerk. Seine Lieblingsrolle ist die des Franz Moor in Schillers Räubern, weil er da aus der Haut fahren kann. In Hannover durfte er sie spielen. Er sei ein Darsteller für den zweiten Blick, sagte eine Dozentin an der Münchner Schauspielschule. Kann Franz Moor, der aufbrausende Wüterich, dessen Hass sich steigert bis zur Katastrophe, ausbrechen aus diesem Friedel? Und wie!

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service