Wer in der angelsächsischen Welt deutschsprachige Werke lancieren will, hat zwei Möglichkeiten: Entweder er bekennt sich zu seiner dunklen Herkunft und liefert etwas Neues über den Wahnsinnigen mit dem Bärtchen, oder aber er vertuscht nach Kräften, aus welchen Quellen er schöpft. Der zweiten Methode ist man jetzt in London gefolgt. Als dort, am Young Vic Theatre, Arthur Schnitzlers Schauspiel Liebelei Premiere hatte, warb man mit dem famosen Slogan: "From the writer of Eyes Wide Shut". Das war gar nicht so falsch, schließlich beruht Stanley Kubricks letzter Film Eyes Wide Shut auf Schnitzlers Traumnovelle; aus englischer Sicht hat Kubrick diesen armen Schnitzler sozusagen entdeckt, der ein begabter Drehbuchautor hätte werden können, wenn er nicht so früh am falschen Ort gestorben wäre.

Liebelei wird in London in einer Version des schottischen Dramatikers David Harrower gespielt, das Stück heißt Sweet Nothings, was so viel bedeutet wie schaumig-nichtiges Gerede; es könnte aber auch eine Anspielung sein auf das bei Schnitzler auftauchende Wiener "süße Mädel"; "Sweet Nothings" wäre dann der Gattungsbegriff für jene hellen, liebesbedürftigen Vorstadtengel, die von den Dichtern dazu bestimmt sind, in der Männerwelt unterzugehen: süße Nichtigkeiten.

Harrowers kreativer Beitrag zu Schnitzler ist minimal. Er gibt nichts hinzu, er nimmt nur weg. Sein Ton ist kälter, härter, schneller, es ist kein Wiener Schmelz mehr im Spiel, dafür aber der SMS-Atem von heute. Die Verlogenheitseleganz, das schmachtend "beiseite" Gesprochene: Das ist vorbei. Wo Schnitzler in der Liebelei (wie auch in seinem Reigen) den Geschlechtsakt, auf den alles zuläuft, nicht erwähnt, sondern in lauter Vor- und Nachspielen als ein Mysterium umkreist, da herrscht bei Harrower das kalte Licht der Ermittlung, und zwischen den Figuren ist Lust nur noch spürbar als Kurzformel für: Vollzug.

Luc Bondy inszeniert am Young Vic Sweet Nothings mit jungen, unbekannten Schauspielern. Das geht nur halb gut. Auf Karl-Ernst Herrmanns schwebender, sacht sich drehender Rundbühne sieht man, wie junge Menschen einander anpeilen, in Betracht ziehen, auf engstem Raum unerreichbar weit aneinander vorbei ziehen. Es sind Christine (das süße Mädel) und Mizi (weniger süß) einerseits, Fritz (ein noch kaum verdorbener junger Lebenskünstler aus guter Gesellschaft) und Theo (ein fortgeschritten Verdorbener) andererseits. Man sieht aber leider nur den technischen Vorgang: Begabte Spieler sorgen dafür, dass die kleine Bühne erstaunlich groß erscheint. Sie bewegen sich interessant. Aber sie erleuchten nichts.

Schnitzlers große Männerfiguren wissen nur eins genau: dass man ihnen nicht trauen darf. Es sind Melancholiker, die an der Flüchtigkeit des eigenen Gefühls rauschhaft leiden: Vergänglichkeitskünstler, denen das Wesen der Welt bei der Selbstbeobachtung aufgegangen ist. Enttäuscht sind sie weniger von anderen als von sich selbst: von der Billigkeit des Materials, aus dem die eigene Seele gemacht ist.

Bei Schnitzler sagt Fritz, als er Christine, dem zur Liebe fähigen, edlen, süßen Mädel, eine Hoffnung gibt, an die er selbst nicht glaubt: "Oh Gott, wie lügen solche Stunden!" In den Londoner Sweet Nothings wird keine Sekunde lang gelogen, schon gar nicht ums Leben. Es werden Kabinettstücke gezeigt.