Militär: Ausgeputscht
Mit der Verhaftung regierungsfeindlicher Generäle beginnt in der Türkei eine neue Zeitrechnung.
© Adem Altan/AFP/Getty Images

Zwei Männer - zwei Welten? Premier Recep Tayyip Erdoğan und der Generalstabschef Ilker Başbuğ
Der Premierminister packte sein Köfferchen. Der Oppositionsführer rief bei der Armee an und fragte, warum ein Panzer vor seinem Haus stehe. Der Nationalistenchef versteckte sich. Am nächsten Tag schickte das Militär die ganze politische Klasse in Zwangsurlaub. Zehntausende Menschen wurden festgenommen, Tausende wanderten ins Gefängnis, viele von ihnen in Folterkeller. Die Türkei beim Armeeputsch 1980: So war der Nato-Partner, auf den der Westen im Kalten Krieg fest zählte.
Anfang dieses Monats bekamen drei der höchsten türkischen Generäle Besuch von der Polizei. Sie mussten ihre Köfferchen packen. Vor ihren Häusern standen Streifenwagen. Sie kamen kurzfristig in Haft, wurden vorläufig freigelassen. Gegen sie und gegen Dutzende andere Offiziere ermittelt die Justiz. Selbst die Militärjustiz hat Verfahren eingeleitet. Das ist die Türkei, mit der Europa es heute, im Jahr 2010, zu tun hat.
Für die Türken bricht eine neue Zeitrechnung an. Manche von ihnen fürchten, das Land gerate aus den Fugen: Das Militär war die dominierende Kraft des Staates, seit die moderne Türkei existiert, es war in gewisser Weise der Staat. Andere frohlocken, dass die Offizierskaste nicht mehr allmächtig und unantastbar sei. Vor den Augen der Welt zerbröckelt ein System, das fast hundert Jahre bestanden hat, seit der legendäre Vater der Nation, Kemal Atatürk, es begründete. Die politische Wächterrolle der Armee ist passé. Wie konnte es dahin kommen? Wohin steuert das Land?
Beim Hören der Nachrichten hält man in diesen Tagen in der Türkei den Atem an. Allein in den ersten Märztagen sind rund fünfzig hohe Offiziere in Untersuchungshaft gekommen. Die Vorwürfe sind ungeheuerlich. Putschpläne mit so bildhaften Codenamen wie »Mädchen«, »Aktion gegen die Reaktion«, »Handschuh« oder »Vorschlaghammer« werden in den Zeitungen ausgebreitet. So sah etwa der Vorschlaghammer-Plan vor, große Moscheen in Istanbul zu bombardieren und einen Krieg mit Griechenland zu provozieren. Ziel war die Zerrüttung der Türkei: Die beschuldigten Offiziere, fanatische Gegner eines politischen Islams, wollten beweisen, dass die Regierung des gläubigen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdoğan und seiner Partei AKP das Land zugrunde richte. Dann wäre der Putsch gekommen. Das reinigende Gewitter, das Erdoğan hätte fortspülen sollen. Und als Belohnung der Beifall des Volkes. So dachten es sich die Generäle.
Das Volk denkt anders. Vor den Ermittlungen gegen staatliche Terrornetzwerke und dem Bekanntwerden der Putschpläne vertrauten nach Umfragen rund 90 Prozent der Türken ihrer Armee. Seit März sind es nur noch 63,4 Prozent. Der Einwand, die Putschpläne seien nur Legenden übereifriger Ermittler, zieht nicht mehr. Gerade hat die Armee selbst die Echtheit einer Offiziers-Paraphe unter dem jüngsten Plan bestätigt. Anschläge der vergangenen Jahre auf Journalisten, christliche Missionare, auch türkische Institutionen waren allzu real. Darin verwickelt sind viele Uniformierte. An die Unschuld der Armee glauben nur noch wenige. Ein anderes Bild entsteht: Die Hüter der Nation wenden sich gegen die zu Behütenden. Viele Türken stürzt das in tiefe Verwirrung.
Sie waren Kinder dieses Staates, den Kemal Atatürk und seine Generäle 1923 errichteten. Diese Soldaten wagten ein großes Experiment in einer gewalttätigen Zeit. Damals installierte Mussolini in Italien die faschistische Diktatur, in Russland hatte Lenin triumphiert, und Stalin baute die Sowjetunion auf. Die Türken gingen einen dritten Weg. Der Kemalismus war eine Erziehungsdiktatur, um Türken und Kurden mit hohem Druck in die Moderne zu treiben. Weg mit dem arabischen Alphabet, weg mit dem Kalifen, dem geistlich-weltlichen Oberhaupt der Muslime, weg mit der verhüllenden Kleidung und dem öffentlichen Verweilen auf dem Gebetsteppich. Atatürk und die revolutionäre Elite der Generäle wussten, was gut war fürs Volk, das sein Verlangen nach der Moderne, so meinten sie, nur nicht so gut ausdrücken konnte. Die Soldaten waren die ersten Lehrer der Nation.





Dieses Ergebnis macht mich glücklich. Ich beobachte die Entwicklung der Türkei schon seit ca. 15 Jahren und eines habe ich festgestellt, die Türkei hat erst in den letzten 8 Jahren erst richtig an Tempo in Richtung hingelegt, also erst seit Tayyip Erdogan. Komisch dass die angeblich modernen Kemalisten in der Türkei Anti-europäisch sind und die angeblich konservativen Pro-europäisch sind. Naja bin gespannt wie es sich dort weiterentwickelt. Aber diesen sehr interessanten Artikel möchte ich euch nicht vorenthalten (es geht um die EU-reife der Türkei - geschrieben von hier lebenden Akademikern mit Migrationshintergrund): http://www.aggromigrant.c...
Die Zeit wird alles zeigen!
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren