Es gibt wohl wenige Demonstrationen in Deutschland, auf denen Menschen wie Johannes Rauschenberger ihren Protest kundtun. Der Herr trägt einen dunklen Wollmantel, der weiße Bart unter der Designerbrille ist sorgfältig ausrasiert. Auf seiner Visitenkarte steht »Wirtschaftsprüfer – Steuerberater«, die Kanzlei befindet sich in der begehrten Halbhöhenlage des Stuttgarter Kessels. Jetzt erkennt der Bürger Rauschenberger einen anderen Demonstranten. Und grüßt, wie man das aus älteren Romanen kennt: Höflich lüftet er seinen breitkrempigen Borsalino-Hut.

Es ist in Stuttgart zu einem Ritual geworden: Montagabends um sechs trifft man sich am Nordflügel des Hauptbahnhofs zur Demonstration. Gegen das »Milliardenloch«, wie Herr Rauschenberger das Großprojekt Stuttgart 21 nennt: Die Bahn, das Land, die Stadt wollen den historischen Kopfbahnhof in einen unterirdischen Durchgangsbahnhof der Zukunft verwandeln. Warum erhitzt dieses Vorhaben die Gemüter, als ob es um ein atomares Endlager mitten in der Stadt ginge?

Zur ersten Demonstration im November kamen vier Leute. In der Wortwahl waren sie nicht zimperlich. Als ob sich der Kampf gegen die DDR-Diktatur richte, nannten sie ihre Veranstaltung Montagsdemo. Die Stuttgarter störten sich nicht an dieser Anmaßung. Trotz des strengen Winters kamen sie bald zu Tausenden. Diesen Montag zählen die Veranstalter 3100 Demonstranten, die Polizei schätzt 2000. »Sie brauchet au en Bäpper für Ihrn Kittel«, sagt eine Frau mittleren Alters, die Aufkleber verteilt. Der Protest verbindet offensichtlich Schichten und Milieus, die sonst keine Berührungspunkte finden. Honoratioren marschieren gemeinsam mit Alternativen, Parkas treffen Pelzmäntel. Die Globalisierungsgegner von Attac schwenken ihre Fahne, die DKP hält ihr Banner hoch. Eine Frau mit einer grünen Zipfelmütze auf schlohweißem Haar hält einen indianischen Traumfänger in den Wind. An ihm klimpern die grünen Buttons »K 21«. Das steht für »Kopfbahnhof 21« und bringt die Hoffnung der Demonstranten auf den Punkt: Statt zehn Jahre an einem unterirdischen Durchgangsbahnhof zu buddeln, soll der fast hundert Jahre alte Bahnhof erhalten bleiben und modernisiert werden.

Die Stuttgarter hängen an ihrem alten Bahnhof

Gangolf Stocker hat die Demonstration angemeldet. »Der Protest gegen S 21 hat zwei Häuptlinge«, sagt er, »der andere ist Gerhard Pfeifer vom Bund für Umwelt- und Naturschutz.« Stocker ist Kunstmaler, 65 Jahre alt, im faltigen Gesicht trägt er einen weißen Ziegenbart. Seit 1994 kämpft er gegen den Tiefbahnhof. Damals versprach der populäre Bürgermeister Manfred Rommel, der werde nichts kosten, weil die Gleise im Tunnel verschwinden würden und so mitten in der Stadt 100 Hektar Bauland entstünden, die man teuer verkaufen könne. Bei den Gemeinderatswahlen im vergangenen Sommer löste der geplante Untergrundbahnhof noch vor dem ersten Spatenstich einen politischen Erdrutsch aus. Der CDU liefen die bürgerlichen Stammwähler davon, jetzt bilden die Grünen die stärkste Fraktion – sie hatten sich klar gegen das Projekt ausgesprochen. Seither sitzt auch Gangolf Stocker im Gemeinderat, für das parteilose Bündnis Stuttgart Ökologisch Sozial.

Stocker weiß, wie sehr die Stuttgarter an ihrem Bahnhof hängen. 1914 hat der König von Württemberg den Grundstein gelegt, der Architekt Paul Bonatz schuf einen monumentalen Bau mit klaren Formen. Der viereckige Turm, auf dem der Mercedes-Stern thront, ist ein Leuchtturm in dieser Stadt. »Der Bonatz-Bau hat noch was vom Glanz der alten Residenzstadt«, sagt Stocker. Die Macher des Tiefbahnhofs wollen seine Flügel abreißen.

Der Gegenspieler von Gangolf Stocker kann von seinem Büro im sechsten Stock auf die Montagsdemo schauen. Wolfgang Drexler, SPD, Vizepräsident des Landtags, leitet das Kommunikationsbüro des Bahnprojekts, das vergangenen Herbst eingerichtet wurde. »Vorher hat man nichts gemacht, um die Leute mitzunehmen. Jahrelang sind viele Briefe der Bürger unbeantwortet geblieben.« Drexler redet mit der Energie des technokratischen Machers. »Diese verkehrspolitische Vision bringt eine Beschleunigung für die ganze Region.« Er suggeriert, die Zukunft der Wirtschaft in Baden-Württemberg stehe auf dem Spiel. Und verweist darauf, dass demokratische Parlamente S 21 beschlossen hätten. »Die Verträge sind geschlossen. Es ist eine Lüge, man könne dieses Projekt noch stoppen.«

Die Protestler wollen den Reisenden keine Unannehmlichkeiten bereiten

Der Tiefbahnhof ist an ein zweites Großprojekt gekoppelt: die Neubaustrecke nach Ulm. Sie ist Teil der Schnellbahntrasse ParisBratislava. Die bautechnischen Details sind umstritten, es geht um kilometerlange Tunnels und die schwierige Geologie der Schwäbischen Alb. Auch die veranschlagten Kosten liegen weit auseinander. Laut Drexler soll der Tiefbahnhof rund vier Milliarden Euro kosten. Stocker prognostiziert acht Milliarden. Die Neubaustrecke nach Ulm veranschlagt er mit fünf Milliarden, laut Drexler sind es zwei Milliarden.