Homosexualität Kein böses Wort
Feindseligkeiten gegen Schwule sind selten geworden. Deshalb können diese auch nicht jede Kritik als Homophobie abtun.
So erschütternd die Missbrauchsfälle sind, die in wachsender Zahl aus kirchlichen oder reformpädagogischen Anstalten bekannt werden, so ermutigend ist etwas anderes: Die öffentliche Debatte darüber hat sich durchgängig von schwulenfeindlichen Anwandlungen frei gehalten. Der Umstand, dass die weitaus meisten Taten von Männern an Knaben verübt worden sind, ist höchstens sachlich registriert worden. Man hat den Zölibat, die fatale Nähe zwischen Lehrern und Schülern in der Reformpädagogik, das unaufgeklärte und wahrscheinlich unaufhebbare Machtverhältnis von Erziehern und Abhängigen erörtert; nicht aber ist die Homosexualität als Quelle der Übergriffe denunziert worden.
Auch verwandte Fälle, die aus Fußballvereinen bekannt geworden sind, sind nicht im Lichte einschlägiger Ressentiments diskutiert worden. Man hat im Gegenteil sofort die Verdrängung von Homosexualität, wenn nicht überhaupt den Machismo in der Welt des Sportes als Ursache beklagt. In jedem Fall ist nicht die sexuelle Orientierung, sondern sind das Altersgefälle, das Abhängigkeitsverhältnis als Voraussetzung des Missbrauchs erkannt worden. Das ist ein Sieg von Vernunft und psychologischer Einsicht über lange tradierte Vorurteile, den man nicht gering schätzen darf, nur weil er nahezu selbstverständlich geworden ist.
Homosexuelle Politiker wie der Hamburger Ole von Beust oder der Berliner Klaus Wowereit, die in ihren Städten zu Bürgermeistern aufstiegen, aber auch der Bundesaußenminister Guido Westerwelle haben ihre Karrieren machen können, ohne dabei mehr als höchstens alberne Witzchen ertragen zu müssen. In Sonderheit sind sie niemals mit dem zähesten und verhängnisvollsten aller schwulenfeindlichen Vorurteile konfrontiert worden, dass nämlich ihre sexuelle Orientierung sie in der Freiheit des Handelns behindere. Westerwelle hat sogar mit Erfolg die Welt daran gewöhnt, in seinem Lebensgefährten einen Begleiter zu sehen, der so selbstverständlich zu nehmen ist wie die Ehefrau eines heterosexuellen Außenministers.
Aber ein allzu selbstverständlich genommener Fortschritt birgt auch die Gefahr des Rückschlags. Der Versuch Guido Westerwelles, die Kritik an seiner Auswahl weiterer Reisebegleiter abzuwehren, indem er den Kritikern andeutungsweise Homophobie unterstellte, ist nicht nur haltlos – denn niemand hat seiner Reisegesellschaft vorgeworfen, sie sei unter erotischen Gesichtspunkten zusammengestellt. Die Unterstellung ist vor allem höchst riskant. Sie ruft etwas wieder auf, was der größte Teil der Gesellschaft überwunden hat, aber womöglich, mit der Nase darauf gestoßen, wiederentdecken könnte. Dazu gehört das Klischee des larmoyanten Schwulen, der auf jede vermeintliche Ungerechtigkeit mit dem weinerlichen Verweis auf sein Außenseitertum reagiert.
Man muss nur einen kurzen Blick zurück in die historische Schreckenskammer der Ressentiments werfen, um den Zivilisationsgewinn zu begreifen, der in dem Verblassen derartiger Klischees steckt. Es gab das Bild des geborenen Feiglings, des unehrlich auf Abwegen Wandelnden, des jederzeit Erpressbaren, des Kranken, der seine Krankheit verbirgt – alles Vorstellungen, die ihren leicht erkennbaren Ursprung nicht in der Homosexualität hatten, sondern in ihrer Kriminalisierung. Man darf nicht vergessen, dass der Paragraf 175, der homosexuelle Handlungen selbst unter Erwachsenen verbot, erst 1973 gefallen ist. Wie solche Vorurteile damals Hass produzierten, kann man auch heute leider noch beobachten: nämlich an den gewalttätigen Übergriffen jugendlicher Immigranten, in deren Herkunftsländern Homosexualität weiterhin verachtet oder strafrechtlich verfolgt wird.
Bei der Mehrheit von Deutschen stoßen Gewalt gegen Schwule, auch schon Schimpfworte und hässliche Witze inzwischen auf sichere Ablehnung. Diskriminierung wird erkannt und geächtet. Unsere Gesellschaft hat vor allem gelernt, Homosexualität nicht als Krankheit zu sehen, die dem Kranken Handlungszwänge auferlegt und seine moralische Autonomie beschränkt. Sätze wie »Der kann nicht anders, der ist krank« werden kaum noch formuliert. Das ist der wichtigste Wandel. Denn gerade mit dem Verweis auf die eingeschränkte Zurechnungsfähigkeit hat man Homosexuelle in früheren Zeiten von verantwortlichen Positionen ferngehalten oder aus ihnen wieder entfernt. In der Eulenburg-Affäre um tatsächlich oder vermeintlich homosexuelle Berater im Umkreis des letzten deutschen Kaisers ging es nicht so sehr um die Strafbarkeit der unterstellten Neigungen, sondern vor allem um die Verantwortungslosigkeit, die mitgedacht wurde.
Heute kann Homosexualität keinen moralischen Verdacht mehr begründen. Indes taugt sie auch zur Entlastung nicht, wie die Missbrauchsdebatte zeigte, die keinen Gedanken auf sexuelle Zwänge der Erzieher verschwendete. Schwule werden nicht mehr als Opfer ihrer Triebstruktur, sondern als moralische Subjekte gesehen, die wie alle anderen Menschen frei darüber entscheiden können und müssen, wann und wo sie ihrem erotischen Begehren nachgeben dürfen. Das ist ein Sieg für die Menschenwürde der Homosexuellen. Sie sollten nun aber nicht wie Guido Westerwelle darüber klagen, wenn sie genauso streng wie Heterosexuelle beurteilt werden. Das Rad des Fortschritts wird der Außenminister damit zwar nicht zurückdrehen. Er sollte aber auch nicht daran herumspielen.
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- Datum 20.03.2010 - 14:55 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 18.03.2010 Nr. 12
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... dann ist man, für eine nicht kleine Gruppe, automatisch ein Antisemit.
will den ihre Paranoia gar nicht abklingen?
Das konnten Sie sich aufsparen für einen Kommentar zu einem passenden Artikel. Aber - das scheint zu drücken bei Ihnen, wie bei jemanden, der in der U-Bahn fährt, aber unbedingt auf die Toilette muss.
Genau das ist mir auch sofort eingefallen. Jedes Wort gegen israelische Politik bedeutet, man ist Antisemit oder Faschist. Oder auch die Kritik an Ehrenmorden, Minarettbauten usw. wird sofort als anti-islamisch erkannt. Dies ist also ganz gewiss eine Art zu argumentieren, die dem heutigen Zeit(un)geist entspringt. Auch die katholische Kirche ist vermutlich Opfer einer Hetzkampagne, wie man schon in Ansätzen hören kann
will den ihre Paranoia gar nicht abklingen?
Das konnten Sie sich aufsparen für einen Kommentar zu einem passenden Artikel. Aber - das scheint zu drücken bei Ihnen, wie bei jemanden, der in der U-Bahn fährt, aber unbedingt auf die Toilette muss.
Genau das ist mir auch sofort eingefallen. Jedes Wort gegen israelische Politik bedeutet, man ist Antisemit oder Faschist. Oder auch die Kritik an Ehrenmorden, Minarettbauten usw. wird sofort als anti-islamisch erkannt. Dies ist also ganz gewiss eine Art zu argumentieren, die dem heutigen Zeit(un)geist entspringt. Auch die katholische Kirche ist vermutlich Opfer einer Hetzkampagne, wie man schon in Ansätzen hören kann
Der im Artikel beschriebene Wandel ist richtig beschrieben, eine Art Aufklärung hat hier erfreulicherweise stattgefunden. Trotzdem liegt es in der Natur des Menschen, dass es weiterhin Vorurteile geben wird, es ist eher normal, dass diese nicht einfach komplett abgeschaltet werden können.
Was die Politik anbelangt, wird ein homosexueller Politiker weiterhin verstärkt im Fokus stehen. Das geht aber unabhängig von der sexuellen Präferenz allen so, die nicht dem Mainstream zugerechnet werden, sie müssen die Extrarunde machen, besonders überzeugen, wie man am Beispiel Obama sieht. Jede Frau in einer Führungsposition kann von diesen höheren Maßstäben ein Lied singen.
Die Beispiele von Beust und Wowereit zeigen aber, das geht.
Ein wirklich guter Artikel, aber ein wenig Wasser möchte ich schon noch in den Wein gießen: Unter Evangelikalen gilt Homosexualität durchaus als (heilbare) Krankheit, und deren Einfluss wächst.
Jens Jessens Artikel ist optimistisch und pessimistisch zugleich. Der Schwulenhass ist durch unseren zivilisatorischen Fortschritt in Deutschland überwunden und bringt niemanden mehr zu Fall - das ist die optimistische Botschaft.
Aber:
Überwunden? Wirklich? Oder nur verdrängt? Für Jens Jessen existiert die "Schreckenskammer" des Schwulenhasses noch -vergleichbar vielleicht mit dem finsteren Keller eines gotischen Spukschlosses, wo Drakula schläft. Und wie der Hausherr solch eines Schlosses Grund hat, Kinder zu warnen, an Bücherschränken oder anderen Gegenständen sorglos "herumzuspielen", weil sonst ein Mechanismus ausgelöst werden könnte, der die Tür des Geheimgangs, der zum Keller führt, öffnet, so warnt Jessen die Schwulen davor, am Rad des Fortschritts "herumzuspielen". Seit 68 ist das Menschenbild der Linken das Gegenteil von misanthropisch: Sie versichern, dass der Mensch im Grunde gut ist. Gleichzeitig warnen sie voller Furcht, Ressentiments zu "schüren", am Rad der Geschichte "herumzuspielen" - in Wirklichkeit ist ihr Menschenbild gar nicht so positiv. Jessens pessimistische Einschränkung jedenfalls ist angebracht.
Beust und Wowereit sind schwer miteinander zu vergleichen.
Die Sexualität, eine private Sache, hat Hr. Beust solange tabuisiert bis sie als Druckmittel gegen ihn verwendet worden ist (Schill). Selbst da war es sein Vater der zum ersten mal in der Öffentlichkeit Stellung zu dem Thema nahm.
Hr. Wowereit hat hingegen von Anfang an diese Möglichkeit ausgeschlossen, obwohl es seine private Sache ist.
...gerade die in Herrn Jessens Essay versteckte subtile Drohung belegt dies. Der Blick auf das Gegröhle auf Fussballplätzen und Schulhöfen ohnehin...
An der Homophobie religiöser Würdenträger (für Herrn Ratzinger sind verantwortliche Lebenspartnerschaften die 'Legalisierung des Bösen') hat sich auch niemand gestört, als es hieß: 'Wir sind Papst!'
Was aber Herrn Westerwelle und seine Entourage betrifft, so hat es nichts mit Homophobie zu tun, wenn man dem neoliberalen 'Leistungsträger'-Klüngel als kritische Öffentlichkeit auf die Finger schaut (ganz unabhängig davon, wie intim die Verhältnisse der Beteiligten untereinander sind). Hier geht es um ein wichtiges öffentliches Amt, das nicht beschädigt werden darf.
Gleichwenn ich dem Aussenminister dieses Landes durchaus politisch nicht über den Weg traue und ihn obendrein für korrumpiert halte, so halte ich es trotzdem für leicht homophob, wird kritisiert, er nähme seinen Lebenspartner mit auf Reisen. Wenn Bundeskanzler Merkel oder Bundespräsident Köhler verreisen, so nehmen diese auch manchmal ihre Gatten mit, bei Herrn Westerwelle allerdings ist dies anstössig? Hm, bei aller Kritik an W. und seiner MöwenpickPartei, irgendwo fängt dann eine Grenze an zu verschwimmen.
Politisch wünsche ich Herrn W. kein Glück. Privat aber nicht weniger als allen anderen Menschen auf diesem Planeten auch. Er, Sie und alle anderen haben es ein bisschen auch verdient.
Ich habe Jessens Essay nicht als Drohung verstanden, sondern als Warnung. Und auch nicht subtil oder versteckt, sondern offen geäußert. Er hat Angst vor dem Ressentiment, das seiner Meiung nach immer noch lebendig ist. Wissen Sie eigentlich, was Sie da - hoffentlich unbewusst - sagen? Warnung - das hieße ja, das Jessen im Grunde ein Schwulenhasser sei und uns warnt wie ein Priester die Sünder. So schätze ich ihn aber nicht ein.
Gleichwenn ich dem Aussenminister dieses Landes durchaus politisch nicht über den Weg traue und ihn obendrein für korrumpiert halte, so halte ich es trotzdem für leicht homophob, wird kritisiert, er nähme seinen Lebenspartner mit auf Reisen. Wenn Bundeskanzler Merkel oder Bundespräsident Köhler verreisen, so nehmen diese auch manchmal ihre Gatten mit, bei Herrn Westerwelle allerdings ist dies anstössig? Hm, bei aller Kritik an W. und seiner MöwenpickPartei, irgendwo fängt dann eine Grenze an zu verschwimmen.
Politisch wünsche ich Herrn W. kein Glück. Privat aber nicht weniger als allen anderen Menschen auf diesem Planeten auch. Er, Sie und alle anderen haben es ein bisschen auch verdient.
Ich habe Jessens Essay nicht als Drohung verstanden, sondern als Warnung. Und auch nicht subtil oder versteckt, sondern offen geäußert. Er hat Angst vor dem Ressentiment, das seiner Meiung nach immer noch lebendig ist. Wissen Sie eigentlich, was Sie da - hoffentlich unbewusst - sagen? Warnung - das hieße ja, das Jessen im Grunde ein Schwulenhasser sei und uns warnt wie ein Priester die Sünder. So schätze ich ihn aber nicht ein.
Er koennte eine Menge Kritik vermeiden, wenn er weniger aufbauschend und theatralisch auftraete und sich ruhiger und ausgeglichener gaebe, na ja, es ist nicht einfach sein Wesen, seine Gebaerden, Gestik und Gewohnheiten zu aendern, aber das wuerde auch das Thema Homophobie entschaerfen ..
Der Autor nimmt die undankbare Aufgabe auf sich, die Leser an Vorurteile gegen Schwule zu erinnern, die längst graue Vergangenheit sind. Wenn es so weiter geht mit dem Vergessen, dann weiß bald niemand, wie man Randgruppen anständig stigmatisiert. Dass der Autor die bundesdeutsche Entkriminalisierung männlicher Homosexualität um zwei Jahrzehnte vorverlegt (in der Tat verschwand der unter den Nazis verschärfte Papragraph 175 erst im Jahr 1994 aus dem Strafgesetzbuch) ist eine verständliche kleine Geschichtsklitterung, die uns eben deutlich machen soll, wie lange es schon her ist, dass wir Detlev den Friseur verfolgten! Ich würde jetzt gerne noch eine ergänzende Liste an schwulenfeindlichen Vorurteilen anfügen, die der geschichtskundige Autor vergaß (wahrscheinlich aus schierer Akzeptanz und Schwulenloyalität) aber am Ende reagiert dann ein Leser larmoyant und gibt uns anderen Anlass, das Vergessene wieder in Anwendung zu bringen. Und soweit soll's nicht kommen. In diesem Sinne: Wehret den liberalen Anfängen! Ihr Skip Gan.
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