Es ist die Nacht auf den 25. Februar 2010. Zwanzigmal läutet das Telefon, bis Erich Schwärzler, der Vorarlberger Sicherheitsdirektor, den Hörer abnimmt. Am anderen Ende der Leitung ist Amrei Rüdisser. »Ich bitte Sie, diese Unmenschlichkeit zu stoppen«, fleht die 30-Jährige. Eine Unmenschlichkeit, gegen die in dem kleinen Vorarlberger Ort Röthis ein Grüppchen wackerer Einwohner auftritt.

Eine vierköpfige Familie soll in den Kosovo abgeschoben werden, doch Freunde, Nachbarn, sogar der Bürgermeister stellen sich den Polizisten in den Weg. Sie wollen nicht zusehen, wie eine Familie mit zwei Kindern mitten in der Nacht abgeholt und aus Österreich ausgewiesen wird. Jenem Land, in dem die Kosovaren seit fünf Jahren leben, dessen Sprache sie sprechen und wo sie ihre Freunde haben. Nur vier Tage zuvor hatte man sich im burgenländischen Eberau in einem Volksentscheid klar gegen den Bau eines Asylerstaufnahmezentrums ausgesprochen. Werte wie Menschlichkeit, Hilfsbereitschaft zählten offenbar nicht mehr viel. Außer in einem unscheinbaren Dorf in der Vorarlberger Provinz.

Die Koffer sind bereits gepackt, die Möbel verkauft

Röthis: eine 2000-Einwohner-Gemeinde im Rheintal. Früher war der Flecken ein bäuerlich geprägter, für seinen Weinbau bekannter Ort. Die dörfliche Struktur ist längst verloren gegangen, in der dicht besiedelten Region fließen die Gemeinden ineinander. Heute bestimmen Einfamilienhäuser und kleine Wohnhausanlagen das Bild. Gleich hinter der Ortseinfahrt wohnt die Familie Durmisi in einer Wohnung der Caritas im ersten Stock, über einer Autowerkstatt. Es ist ein schmuckloses, eingeschossiges Haus. Die Bleibe der Durmisis ist klein, aber gemütlich. Die Spielsachen der fünfjährigen Aneta und der zwei Jahre alten Amina liegen auf den Tischen verstreut, an den Wänden hängen Fotografien der Familie.

Auf dem schwarzen Sofa aus Kunstleder sitzen neben Anela und Elvis Durmisi einige jener Freunde, die vor drei Wochen in eisiger Kälte auf die Polizei warteten. Konkrete Pläne hatten sie damals nicht. »Präsent sein. Unangenehm sein. Fragen stellen«, lautete der vage Plan. »Hoffnung hatten wir bis zum Schluss, aber wir sind davon ausgegangen, dass wir am Nachmittag im Kosovo sein werden«, erzählt Anela. Die 24-Jährige hatte mit ihrem Mann die Koffer bereits gepackt und die Möbel verkauft.

Amrei Rüdisser und Kerstin Vogg sind eng mit Anela Durmisi befreundet. Alle drei haben Kinder im selben Alter. Sie trafen einander oft, tranken Kaffee und plauderten, während die Kinder spielten. Als im Frühjahr 2009 der Asylantrag abgelehnt wurde, begannen Rüdisser und Vogg sich für ein humanitäres Bleiberecht der Familie einzusetzen. »Es wäre für mich seltsam gewesen, hierzubleiben, während Anela weggehen muss«, sagt Rüdisser und wischt sich die schwarzen Stirnfransen aus dem Gesicht. Sie ist Lehrerin für Hörgeschädigte und lebt im zehn Kilometer entfernten Hohenems. »Was hätte ich denn meinen Kindern erzählen sollen, wenn ihre Freundinnen plötzlich weg sind?« Kerstin Vogg pflichtet ihr bei: »Für mich wäre das Vertrauen in die Gesellschaft zerstört, wenn alle nur zugesehen hätten, wie Unrecht geschieht.« Die 39-Jährige arbeitet als Psychotherapeutin bei der Vorarlberger Krebshilfe und lebt im benachbarten Koblach. Vogg spricht ruhig und bedächtig, nicht wie eine, die Entscheidungen unüberlegt aus dem Bauch heraus trifft. Politisch aktiv waren die beiden Frauen nie. Weder in einer Partei noch in einer Bürgerbewegung. Dennoch haben sie beinahe ein Jahr lang im Ort Unterschriften gesammelt, Briefe geschrieben und einen Anwalt organisiert. »Manchmal bin ich an meine eigenen Grenzen gestoßen«, erzählt Vogg. »Neben der Arbeit und meinem Kind blieb oft nur noch wenig Zeit.« Doch sie hielten durch, bis zum Schluss, bis die Polizei in die Wohnung kam, um Anela Durmisi und ihre Familie abzuholen.

Zwölf Stunden davor saß die Familie bei einem Anwalt in Bregenz. Der konnte nichts mehr für sie tun. Im September 2009 erging der negative Bescheid des Asylgerichtshofes. Anfang Februar wurde der Antrag auf humanitäres Bleiberecht von der Bezirkshauptmannschaft Feldkirch endgültig zurückgewiesen. Und das, obwohl das Ehepaar bereits unterschriebene Arbeitsverträge in der Tasche hatte. Für die Behörde zählte nur, dass Elvis Durmisi gegen die Auflagen verstoßen hatte: 2002 besuchte der Kosovare seine Mutter in München – ohne ein Visum. Er wurde aufgegriffen und erhielt ein Aufenthaltsverbot. Nach den Buchstaben des Gesetzes hatte er damit auch im Schengen-Land Österreich seine Niederlassungsbewilligung verwirkt. Dass die Familie der ethnischen Minderheit der Goraner angehört, die im Kosovo nach wie vor unterdrückt wird, spielte für die Bezirkshauptmannschaft keine Rolle. Stattdessen wurde ein Termin für die Abschiebung festgesetzt: Donnerstag, halb fünf Uhr morgens. Um zehn Uhr sollen die Durmisis im Flieger von Zürich nach Pristinë sitzen.

Am späten Nachmittag alarmieren Kerstin Vogg und Amrei Rüdisser Nachbarn und Freunde. Es ist ernst, erklären sie knapp. Auch Journalisten werden kontaktiert – und Norbert Mähr, Bürgermeister von Röthis. Der ÖVP-Ortschef ist entsetzt über das Verhalten der Behörden und verspricht zu kommen. Keine Selbstverständlichkeit für einen Politiker der Volkspartei in jenen Tagen.