Österreich Das Dorf der Widerspenstigen
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Die Bürger des Ortes reden auf die Polizisten ein. Doch die schweigen

Als es Abend wird, sitzen die Freunde im Wohnzimmer zusammen. An Schlaf ist nicht zu denken. Banges Warten. Wird überhaupt jemand kommen? Um eine Demonstration anzumelden, ist es zu spät. Es geht um zivilen Ungehorsam, aber er muss gesetzeskonform sein. Also nennen die beiden Frauen ihre Aktion eine »Abschiedsparty«, das könne ihnen niemand verbieten. Sich der Polizei in den Weg zu stellen kommt nicht infrage. Das Grüppchen plant, jeden der Durmisis zu umarmen, um die Abschiebung zumindest hinauszuzögern. Doch wie lange? Bleibt nur die Hoffnung auf ein Wunder.

Der Lebensgefährte von Kerstin Vogg stellt währenddessen Scheinwerfer am Vorplatz auf. Nichts soll im Dunkeln passieren, jeder soll sehen, was hier geschieht. Kurz vor vier treffen die ersten Widerständler ein, eingepackt in dicke Jacken. Im Minutentakt werden es mehr, der Strom reißt nicht ab. Der Aufruf hatte sich wie ein Lauffeuer bis in die umliegenden Orte verbreitet.

Um Punkt halb fünf bleibt ein weißer Kleinbus auf der gegenüberliegenden Straßenseite stehen. Ein Polizist in Uniform und zwei ältere in Zivil steigen aus. Einer davon ist Josef Hosp. Der ehemalige Zöllner mit weißem Bart und Halbglatze leitet den Einsatz. Er erweckt den Eindruck eines gemütlichen Dorfpolizisten, der sich in seiner Rolle sichtlich unwohl fühlt. Es ist die erste Abschiebung, die der Endvierziger durchführt. Er bahnt sich einen Weg durch die Menschen und steigt die Stiegen hinauf in den ersten Stock. Kerstin Vogg geht auf ihn zu. »Wir bitten Sie, diese unmenschliche Abschiebung zu stoppen«, sagt sie. »Sie sprechen mit dem Falschen. Ich kann nichts tun, ich habe meinen Auftrag«, antwortet Hosp. Doch angesichts der Ansammlung greift der Einsatzleiter nicht durch, lässt sich von den empörten Bürgern in eine Diskussion verwickeln. Währenddessen ruft Rüdisser Sicherheitslandesrat Schwärzler an. Er verspricht, zumindest einige Telefonate zu führen.

Hektische Telefonate der Behörden, Politiker und Beamte werden aus dem Bett geholt. In Röthis redet unterdessen die Menge auf die Polizisten ein. »Das ist doch wie im Krieg. In der Nacht auftauchen und eine Familie mitnehmen«, entrüstet sich Ortschef Mähr. Die Polizisten schweigen, Hosp verweist immer wieder auf seinen Auftrag. Trotz aller Emotionen ist die Stimmung nicht gereizt. Niemand wirkt aggressiv. Schließlich läutet das Mobiltelefon des Einsatzleiters. Nach fast einer Stunde bricht die Bezirkshauptmannschaft die Abschiebung ab. Die Menge applaudiert. Anela und Elvis Durmisi ist die Erleichterung ins Gesicht geschrieben. Sie hatten die ganze Zeit stumm hinter der Tür neben den gepackten Koffern verharrt. Auch die Polizisten wirken gelöst und ziehen rasch ab. »Das ist sicher meine letzte Abschiebung«, murmelt einer von ihnen, während er in den Kleinbus klettert.

Warum der Einsatz abgebrochen wurde, weiß niemand so recht zu sagen. In der Bezirkshauptmannschaft Feldkirch versteckt man sich hinter Floskeln, spricht davon, dass die Verhältnismäßigkeit polizeilichen Handelns« nicht mehr gegeben gewesen sei. Sicherheitsdirektor Schwärzler schlägt am nächsten Tag konziliantere Töne an und verspricht, das Aufenthaltsverbot gegen Elvis Durmisi zu prüfen. Ist es nicht mehr aufrecht, werde neu entschieden. Warum das nicht früher geschah? Darauf bleibt er eine klare Antwort schuldig.

Bürgermeister Norbert Mähr ist einfach nur stolz auf seine Gemeinde. Viel Zuspruch habe er erhalten, für die Politiker im seit Jahren von der ÖVP geführten Innenministerium schäme er sich hingegen: »Ich verstehe nicht, dass meine Parteifreunde Gesetze erlassen, die diesen Umgang mit Menschen erlauben.« Sollte es neuerlich zu einer Abschiebung kommen, werde er wieder vor dem Haus stehen. »Und ich bin mir sicher, es werden mehr kommen als das letzte Mal«.

Kerstin Vogg sitzt auf dem Boden im Wohnzimmer der Durmisis. Sie hat ihre Beine angezogen und die Arme um die Knie geschlungen. In den vergangenen Wochen schlug ihr und Amrei Rüdisser eine Welle der Sympathie entgegen. Als Menschen mit Zivilcourage wurden sie oft bezeichnet. Doch damit können sie nur wenig anfangen. »Was ist denn so couragiert daran? Ich werde nicht abgeschoben, mir kann doch nichts passieren?«, fragt sich Kerstin Vogg ein wenig verwundert. »Wir möchten nur, dass unsere Freunde hierbleiben.«

 
Leser-Kommentare
  1. für diesen Artikel - und an die Menschen in Röthis im Vorarlberg einen tiefen Dank. Wir schaffen es, miteinander Mensch zu werden und zu sein.

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    Fantastisch - was Zusammenhalt bewirken kann!!! Mehr hierzu auch unter www.stock-macht-den-blog.de "Bei Nacht und Nebel"

    Fantastisch - was Zusammenhalt bewirken kann!!! Mehr hierzu auch unter www.stock-macht-den-blog.de "Bei Nacht und Nebel"

  2. Fantastisch - was Zusammenhalt bewirken kann!!! Mehr hierzu auch unter www.stock-macht-den-blog.de "Bei Nacht und Nebel"

    Antwort auf "Danke, Florian Gasser,"
    • dapeda
    • 21.03.2010 um 8:57 Uhr

    und an den Direktor eines Leobener Gymnasiums, Dr. Georg Stadler sowie Frau Rechberger aus Leoben und 6.000 Leobener, die diese Welle zivilen Ungehorsams losgetretenhaben, als sie sich 2006 letztlich erfolgreich für zwei Asylwerber aus dem Iran einsetzten, einen Vater mit seiner Tochter, die hier Volks- Hauptschule und Gymnasium absolviert hat (heuer maturiert sie).

  3. Nichts ist stärker als Menschlichkeit. Respekt gebührt den Röthisern! Ich kenne die Vorarlberger als aufrechte, demokratische und geradlinige Menschen.

    • aram62
    • 21.03.2010 um 11:42 Uhr
    5. Bravo!

    Dieses Dorf in Vorarlberg sollte man für den Friedensnobelpreis vorschlagen.

  4. ich sitz hier in hamburg, lese den artikel und muss mir erstmal ne traene wegwischen. das ist großartig was ihr da gemacht habt. danke dafür, im namen all jener denen menschlichkeit, liebe, fürsorge, freundschaft und courage noch etwas bedeuten.
    liebe ZEIT redaktion. bitte haltet uns auf dem laufenden. das naechste mal will ich mit dabei sein. ich fahr da runter und mach mit.
    seid trotzdem weiterhin wachsam. gerade wenn der erste rummel vorbei ist, und alle sich in sicherheit waehnen kommen die jungs vielleicht wieder. dann wenn man nicht mit rechnet. also bleibt dran und schlagt alarm. wir kommen euch zu hilfe.

  5. Letzte Woche berichtete die "Zeit" über die Umstände der bevorstehenden Bundespräsidenten-Wahl in Österreich (http://www.zeit.de/2010/1...). Gezeichnet wurde das Bild eines braunen Sumpfs. Vor diesem Hintergrund kommt dem Beitrag über die verhinderte Abschiebung der Balkanflüchtlingen eine besondere Bedeutung zu. Er zeigt, das es auch beim kleinen Nachbarn nicht nur dumpfe Ewiggestrige, sondern auch richtig anständige Menschen gibt.

  6. Ein schöner Bericht der zwei Dinge zeigt:
    - Gesetze tendieren allzu leicht dazu, dass Menschen ihnen dienen müssen, obwohl es eigentlich umgekehrt sein sollte.
    - Es gibt immer un überall Menschen, die mit ein wenig Mut und Zivilcourage die Welt von Katastrophal in wunderschön verwandeln können.
    Mein aufrichtiger Dank an die Bewohner von Röthis und auch an den Bürgermeister, die nicht dem Götzen "Partei" sondern der Menschlichkeit und ihrem Herzen gedient haben.
    Ich werde sie als Beispiel nehmen und Hoffe, die Dinge so klar zu sehen und die gleichen Entscheidungen zu treffen, sollte ich mich in einer solchen Situation mit einem meiner Nachbarn befinden.

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