Neubau Museum Folkwang Graf Baudissin räumt auf
Am Samstag eröffnet das Museum Folkwang seine erste Sonderschau im Neubau. Einst hatten die Nationalsozialisten die legendäre Kunstsammlung des Essener Museums vernichtet
Als der 28-jährige Karl Ernst Osthaus 1902 in seiner Heimatstadt Hagen am Rande des Ruhrgebiets das Museum Folkwang eröffnete, war er erfüllt von einem missionarischen Eifer, der seinesgleichen sucht. Der vermögende junge Mann – seine Mutter stammte aus einer Fabrikantenfamilie, sein Vater war Bankier – wollte zur »kulturellen Hebung des industriellen Westens« in Deutschland beitragen. Er beklagte das Missverhältnis von Arbeit und Bildung, Kapital und Kunst, das sich überall beobachten ließ. »Das große Problem der Zeit«, schrieb er rückblickend 1918, »war die Zurückführung der Kunst ins Leben, und dieser Aufgabe hat das Museum sich seither zu widmen versucht.«
Das Museum als Volksbildungsstätte, als »Volkshalle« – nichts anderes bedeutete ursprünglich das altnordische Wort Folkwang –, sollte den Geschmack formen, sollte Interesse und Neugier wecken. Es war eine Idee ganz im Geiste der Lebensreformbewegung jener Zeit. Osthaus, der Kunstgeschichte, Literatur und Philosophie studiert hatte, sammelte zunächst Kunstgewerbe, das er von Studienreisen nach Frankreich, Nordafrika und in den Orient mitbrachte. Später wandte er sich, unter dem Einfluss des flämischen Architekten und Gestalters Henry van de Velde, der Malerei zu. Er erwarb Bilder von Renoir, Cézanne, Gauguin und van Gogh, von Seurat und Signac, Matisse und Braque und anderen französischen Meistern der Moderne. Hinzu kamen Arbeiten der Expressionisten, von Kirchner, Schmidt-Rottluff, Heckel, Nolde, Feininger, Kokoschka, Rohlfs sowie den Blauen Reitern Kandinsky, Marc und Macke. Viele Bilder kaufte Osthaus direkt im Atelier, frisch von der Staffelei. So machte er das Hagener Haus zu einem einzigartigen Forum für die Avantgarde.
Nicht minder revolutionär war das Ausstellungskonzept, das er entwickelte. Im Folkwang fand alles zusammen: freie und angewandte Kunst, Fernes und Nahes jenseits aller historischen und kulturellen Unterschiede. Früh bereits hatte sich Osthaus für die Arbeiten »primitiver Völker« begeistert, er empfand diese Objekte aufgrund ihrer »technischen Bedingtheit und Echtheit« als absolut »modern«. Er befreite sie aus ihrem Dämmerdasein als bloße völkerkundliche Exponate und erhob sie zu eigenständigen Kunstwerken, die gleichberechtigt mit Europas Avantgarde in den Sälen ihren Platz fanden.
Karl Ernst Osthaus starb jung, 1921, noch keine 47 Jahre alt. Sein Essener Freund und Kollege Ernst Gosebruch setzte sich für die testamentarisch festgelegte Erhaltung der Sammlung ein. Mithilfe des eigens gegründeten Folkwang-Museumsvereins, einer Initiative kunstbegeisterter Essener Bürger, konnte sie 1922 erworben, aus Hagen überführt und mit der Städtischen Kunstsammlung zum Museum Folkwang in Essen vereinigt werden.
Gosebruch hatte 1909 die Leitung des Essener Hauses mit seinem großen Bestand an deutscher Malerei des 19. Jahrhunderts übernommen und ein waches Interesse an der Kunst seiner Zeit bewiesen: 1912 erwarb er van Goghs Rhonebarken, 1914 Liebermanns Papageienmann; etliche Stiftungen ermöglichten ihm die zügige Erweiterung der Sammlung durch Bilder von Signac und Derain und den Brücke-Künstlern. Das Osthaus-Erbe war die perfekte Ergänzung.
- Datum 19.03.2010 - 16:58 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | Auf einer Seite lesen
- Serie Zeitläufte
- Quelle DIE ZEIT, 18.03.2010 Nr. 12
- Kommentare 1
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







Schade, daß Restitution nur für jüdische Privatpersonen in den USA gilt. Das Folkwang-Museum als Opfer der NS-Politik zu betrachten und die abhanden gekommenen Kunstwerke als Wiedergutmachung den Deutschen zurückzuerstatten, wäre zwar gerecht, aber wohl nicht im Interesse der internationalen Gemeinschaft, die die Deutschen einseitig als Tätervolk wahrnehmen will und von der eigenen Kollaboration mit dem Verbrecherregime nichts wissen will. Vergangenheitsbewaeltigung ist leider immer noch eine Einbahnstrasse.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren