Neubau Museum Folkwang Graf Baudissin räumt aufSeite 4/4

Es besteht kein Zweifel, dass diese Schau am Münchner Hofgarten, die später in abgewandelter Form durch ganz Deutschland tourte, der ideologischen Kriegsvorbereitung diente. Andererseits waren viele der verfemten Kunstwerke hier zum letzten Mal in Deutschland zu sehen, was auch ein Grund für das enorme Publikumsinteresse gewesen sein mag. Die Besucherzahlen der parteifrommen Gegenausstellung im benachbarten Haus der Deutschen Kunst jedenfalls fielen enttäuschend aus.

Zur selben Zeit wurde Baudissin zum kommissarischen Leiter des Amtes für Volksbildung im 1934 neu geschaffenen Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung in Berlin berufen. Unmittelbar nach dem Amtsantritt des Grafen am 2. August 1937 ordnete Minister Bernhard Rust auf einer Tagung der Museumsleiter in Berlin an, »daß binnen 10 Tagen alle preußischen Museen vollständig von entarteter Kunst gesäubert sein« müssten. Alle Werke der Künstler, die auf der Schau in München angeprangert wurden, sollten »ausgemerzt« werden. Das Museum sei kein Archiv, das sich um lückenlose Darstellung der Kunstgeschichte zu bemühen habe, sondern ein »Pantheon zur Erziehung zum harmonischen deutschen Menschen«.

In Essen beaufsichtigte Baudissins Stellvertreter Heinz Köhn die nun folgende zweite Verwüstung des Museums Folkwang. Laut Köhn wurden 17 Gemälde ausländischer Künstler wie Munch, Cézanne und Matisse beschlagnahmt und 89 Bilder deutscher Maler. Darunter waren auch die berühmten Roten Pferde von Franz Marc (heute im Harvard Art Museum). Dazu kamen 242 Zeichnungen und Aquarelle, 350 Druckgrafiken, das gesamte grafische Werk Emil Noldes und neun Plastiken.

Insgesamt verlor das Folkwang rund 1400 Werke, etwa die Hälfte seines Gesamtbestandes. Die Sammlung, die von Osthaus begonnen und von Gosebruch weitergeführt worden war und dem Museum weltweiten Ruhm eingebracht hatte, existierte nicht mehr. Die »international verwertbaren« Werke lagerte man nach einem Gesetzeserlass vom Mai 1938 im Berliner Schloss Niederschönhausen ein. Sie wurden gegen Devisen ins Ausland verkauft, gegen ältere, deutsche Werke getauscht oder verbrannt.

Im April 1938 wollte Baudissin aus Berlin nach Essen zurückkehren. Doch hier hatten sich die Verhältnisse geändert. Reismann-Grone war wegen einer Steueraffäre zurückgetreten, und der neue Oberbürgermeister, Just Dillgardt, hatte sich, in Absprache mit dem nach wie vor verärgerten Museumsverein, dazu entschlossen, den Grafen des Amtes zu entheben. Es kam zu einer heftigen Auseinandersetzung. Baudissin ließ nichts unversucht, die Entscheidung rückgängig zu machen – ohne Erfolg.

Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs konzentrierte sich der Graf ganz auf seine militärische Karriere. Bereits 1935 war er der SS beigetreten und Ende 1936 zum SS-Obersturmführer befördert worden. Im Jahr 1939 folgte sein Eintritt in die Waffen-SS, in der er bis 1943 zum Oberführer avancierte. Nach Kriegsende und kurzer Gefangenschaft zog er nach Itzehoe in Schleswig-Holstein, wo er 1961 auch starb. Bis zuletzt bezog Baudissin aus Essen eine Pension; in einem Prozess gegen die Stadt 1949/50 war seine Entlassung aus dem Museumsdienst für unwirksam erklärt worden.

Zwar gelang es seinen Nachfolgern Köhn und Paul Vogt in den fünfziger und sechziger Jahren, mit Rückkäufen und Neuerwerbungen schmerzliche Lücken zu schließen. Der kühne Glanz der zwanziger Jahre allerdings ließ sich nicht mehr rekonstruieren; etliche der Schlüsselwerke aus jener Epoche, die das Museum besessen hatte, blieben für Essen verloren. Jetzt aber wird es, zur Eröffnung des Folkwang-Neubaus, ein Wiedersehen geben. Für die erste große Ausstellung des erweiterten Hauses, die am Wochenende beginnt, ersteht das alte Museum neu. Aus privaten und öffentlichen Sammlungen in Deutschland und der ganzen Welt kehren einstige Prachtstücke aus dem Besitz des Folkwang nach Essen zurück. Wie zur Zeit von Osthaus und Gosebruch werden neben ihnen Skulpturen und Objekte aus China und Japan, Griechenland und Ägypten, Indonesien und Ozeanien stehen. Zur Erinnerung an »das schönste Museum der Welt«, wie der Titel der Ausstellung wehmütig lautet.

Die Autorin ist Kunsthistorikerin und lebt in Köln.

Die Ausstellung wird im Essener Museum Folkwang bis zum 25. Juli gezeigt; Tel. 0201/8845444 (Katalog 340 S., 29,– €; ISBN 978-3-86930-097-9)

 
Leser-Kommentare
  1. Schade, daß Restitution nur für jüdische Privatpersonen in den USA gilt. Das Folkwang-Museum als Opfer der NS-Politik zu betrachten und die abhanden gekommenen Kunstwerke als Wiedergutmachung den Deutschen zurückzuerstatten, wäre zwar gerecht, aber wohl nicht im Interesse der internationalen Gemeinschaft, die die Deutschen einseitig als Tätervolk wahrnehmen will und von der eigenen Kollaboration mit dem Verbrecherregime nichts wissen will. Vergangenheitsbewaeltigung ist leider immer noch eine Einbahnstrasse.

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