Getränke Der Apfelwein greift an

Ein schwieriges Getränk sucht seine Chance

Selbst die Hessen möchten ihn zunächst nicht: Den Ebbelwei, dargereicht im traditionellen Krug, dem Bembel

Selbst die Hessen möchten ihn zunächst nicht: Den Ebbelwei, dargereicht im traditionellen Krug, dem Bembel

Apfelwein? Das war mal ein saures Gesöff, das alten Hessen die Schlappmaulmuskulatur lähmte, bis sie wortkarg ins Gerippte starrten (für Nichthessen: das rautenförmig gemusterte Glas, aus dem der Apfelwein getrunken wird). Aber die Zeiten könnten vorbei sein: Junge Produzenten wollen dem "Stöffche" neue Märkte erschließen – edel, öko und/oder cool.

Der klassische "Ebbelwei", wie ihn der Frankfurter nennt, ist gewöhnungsbedürftig. Nicht mal am Main trank man ihn anfangs freiwillig: Bis ins 19. Jahrhundert gab es auch hier Wein aus Trauben – dann kamen ein Klimawandel, man kennt das ja, und aus Amerika die Reblaus. Der Hesse musste sich an Wein aus Äpfeln gewöhnen.

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Das ginge noch, hätte er sich der Entwicklung ordentlicher Wein-Äpfel so hingebungsvoll gewidmet wie sein Rheingauer Nachbar den Trauben. Aber nein, wahllos wandern Äpfel in die Pressen, unreif, überreif, matschig, Fallobst. Einst von Familien auf Streuobstwiesen aufgelesen, was immerhin dem Landschaftsschutz hilft, und für ein paar Groschen beim Kelterer abgeliefert, heute auch im Ausland zusammengekauft. Das Resultat schmeckt muffig, dumpf und passt zwar zu Handkäs mit Musik (eingelegtem Harzer Roller), einer Vinothek darf es sich aber nicht mal gegen den Wind nähern.

Den Apfelwein in die Vinotheken bringen: Davon träumt Michael Stöckl. Der Wirt des ApfelWeinBistrorants Landsteiner Mühle in Weilrod im Hochtaunus legt Gästen schon seit den Neunzigern zur Wein- auch eine Apfelweinkarte. 2002 mischte er sich unter die Kelterer beim alljährlichen Apfelweintag im Odenwald. Entgeistert hörte der gelernte Sommelier zu, wie die großen Produzenten über sinkende Absätze lamentierten, die kleinen auf die großen schimpften.

Als Stöckl vorschlug, Apfelwein aus schicken Flaschen in edle Gläser zu füllen, auf dass er in feinen Restaurants Platz finde, lachte man ihn aus. Die Presse verpasste ihm den Namen "erster Apfelwein-Sommelier Deutschlands". Vielleicht liegt’s an den Genen: Die Familie des Vaters entstammt der Weinbauregion Südtirol, die Mutter einer alten Apfelweinwirte-Dynastie aus Kronberg im Taunus. Seit 2005 keltert Stöckl auch selbst.

Leser-Kommentare
    • Puzi
    • 18.03.2010 um 19:06 Uhr

    Nicht zu vergessen, speziell nachdem gestern St. Patricks Day war, der irishe Cyder.

  1. na endlich:
    Das Stöffche im Bembelche erobert die Republik.
    Ich bin schon total fertig, weil man in Berlin überwiegend nur der Possmannmist bekommt.
    Den Äppler im gerippten zur WM im Prater in Berlin, das wünsch ich mir...

    • grumy
    • 18.03.2010 um 19:20 Uhr

    Ein paar kleine Ergänzungen die immer wieder vergessen werden....

    Im heutigen deutschsprachigen Gebiet gab's den Apfelwein zuerst in der Trierer Gegend... hier ist er unter dem Namen Viez (Es leitet sich ab vom Lateinischen "vice, vicem", das bedeutet "an Stelle von [hier: Weintrauben]") bekannt. Das Gefäss nennt sich Porz (in Hessen heißt es Bembel).
    Den grössten Aufschwung erlebte der Viez/Appelwoi/Äppler... (Cidre ist NICHT das gleiche Getränk)als zu Zeiten Napoleon's eine Weinsteuer erhoben wurde. Darunter fiel aber nur der Wein aus Weintrauben, so wurde Apfelwein zum "Wein des armen Mannes". In der Trierer Gegend werden den Äpfeln oft Birnen untergemischt, um in saurer zu bekommen.
    Übrigens ist Hessen das einzige Bundesland indem Streuobstwiesen als Kulturgut gelten.

    P.s.: Sehr gutes Getränk und auch in Trier (und Umgebung) nahezu überall zu bekommen... Selbstgemacht ist er für ungewohnte Trinker eine kleine Magenherausforderung :-)

  2. warum auch immer das vergessen wird, der VIEZ ist in der Region eine "MARKE".

    Erwähnt sei in diesem Zusammenhang auch die VIEZstrasse (von Konz bis nach Saarlouis) die oft untertitelt wird mit "Route du Cidre".
    http://www.arcor.de/iimag...

    Allerdings ist – wie von Ihnen angemerkt – die Herstellungsweise des deutschen Apfelweins eine andere als die des französischen Cidre.

  3. der name "spezialität" beschreibt es genau richtig. eine eben solche wird ihren dunstkreis niemals verlassen.

    mir hat er nicht geschmeckt. das gleiche schicksal teilen saumagen, frösche und kölsch.

  4. "Der klassische "Ebbelwei", wie ihn der Frankfurter nennt..."

    Der Frankfurter/Hesse nennt ihn durchaus anders, nämlich "Ebbelwoi".

    Die Stadt Frankfurt ist lediglich zu blöd das gesprochene (Dialekt-)Wort vernünftig in die Schriftsprache zu übersetzen ("Ebbelwei-Express"). Entsprechend heisst der Rhein im Dialekt auch "Rhoi" und nicht "Rhei"...ein "e-i" kann nie so klingen wie der Hesse es in der Aussprache tut, nämlich wie "o-i", alternativ noch "eu" wie in "Heu".

    Korrekt ist auch "Stöffsche" und nicht "Stöffche". Das "che" wie in "Kindchen" geht dem Hessen in der Regel nicht über die Lippen. Man erinnere sich an Bodo Bach:

    "ISCH hädd emal gänn e Probleem"

    • Timo K
    • 18.03.2010 um 21:50 Uhr

    dann gleich mal nebenan in die Kneipe und beviez mich ne runde. :-)

    Ein Hoch auf den Apfel

  5. Auch Riesling-Papst Stuart Pigott hat verschiedene Apfelweinkelterer in seinen "kleinen genialen Weinführer" aufgenommen.

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