Der Hubschrauber dreht in 500 Metern Höhe eine Runde um den Burj Khalifa in Dubai und fliegt unangenehm nah an das höchste Gebäude der Welt heran. Nach oben sticht die Nadelspitze des Wolkenkratzers noch gut 300 schwindelerregende Meter in den Himmel, weit unten in der Tiefe sind die Dächer der gewöhnlichen Hochhäuser von Dubai City zu erkennen. Die Bauleitung hatten Mitarbeiter einer Tochtergesellschaft von Hochtief.

Der Chopper schwingt dann in Richtung Küste, fliegt über die Palm, eine fächerförmige Insellandschaft, die man vor Dubai in den Persischen Golf geschüttet hat. Von da aus nimmt er Kurs südwestwärts auf Abu Dhabi. Rechts liegt die See, links gleißt das Licht über der Wüste, dazwischen schillert das Smaragdgrün von Salzlagunen. Tiefwasserkanäle schlagen sich zig Kilometer ins Land hinein. Frisch errichtete Kaimauern zeichnen die Konturen künftiger Marinas, die noch nicht geflutet sind, in den Sand. Eine nagelneue Autobahn zieht ihre Spur von Emirat zu Emirat, und kurz vor Abu Dhabi stecken Zäune die künftigen Industriekomplexe, Wohngebiete und Universitäten ab.

In dem Hubschrauber sitzt Herbert Lütkestratkötter, Chef des deutschen Baukonzerns Hochtief, um sich von oben die Gewissheit zu verschaffen, dass er weiter gut daran tut, am Golf groß im Geschäft zu sein. »Nirgends sonst auf der Welt gibt es so einen Bauboom wie in den Emiraten«, sagt er. Die Gewinnspannen haben in den vergangenen Jahren bei zwanzig Prozent gelegen, unter zehn Prozent hat sie auch die Krise nicht drücken können.

In Deutschland ist die Bauindustrie eher eine Skandalbranche, kein lukratives Geschäft. Der einzige ernsthafte Konkurrent von Hochtief, das Unternehmen Bilfinger+Berger aus Mannheim, muss sich gerade für den Pfusch beim Bau der Kölner U-Bahn rechtfertigen. Deutschland gilt als das Land, in dem Bauarbeiter nachts schon mal Stahlträger klauen. Das Land, in dem nicht die höchsten Gebäude der Welt entstehen, sondern die untauglichsten U-Bahn-Trassen.

Köln und Qatar. Pein und Paradies. Lütkestratkötter kennt beides. Laut Bilanz, die der Vorstandschef am kommenden Donnerstag vorstellen wird, ist Hochtief aber mehr im Paradies unterwegs. Rund 40 Prozent der Umsätze erwirtschaftet der Baukonzern in der Region Asien-Pazifik, dazu kommen von dort sichere Aufträge im Wert von 21 Milliarden Euro. Beide Werte sind zuletzt noch gestiegen, wobei neben dem Golf vor allem Australien gut läuft (siehe Grafik).

Letztlich ist es die Konsequenz, mit der sie von Essen aus die Welt bedienen, die Hochtief vor allen anderen deutschen Baukonzernen auszeichnet. 85 Prozent der Umsätze erwirtschaftet der Konzern heute – rund 19 Milliarden Euro – jenseits der deutschen Grenzen, das meiste davon über drei sehr eigenständig agierende Tochtergesellschaften in Australien und den USA. Kein anderer Baukonzern mit Sitz in Deutschland ist so international aufgestellt. Und deshalb kommt keiner so gut durch die Rezession wie Hochtief.

Vor deutschen Bauskandalen ist der Konzern besser geschützt, weil er sich weit zurückgezogen hat aus dem klassischen Geschäft. Hochtief entwirft, plant, steuert und betreut hierzulande große Projekte. Der Konzern beschäftigt Bauleiter, Statiker, Energieexperten und eine Vielzahl anderer Ingenieure, dazu Kaufleute und Juristen. Aber Bauarbeiter, die findet man vergleichsweise wenige.