Betriebssport Abgepfiffen?

Beim Betriebssport halten sich Angestellte zusammen mit dem Chef fit – theoretisch. Praktisch steht dem einiges entgegen

Lothar Müller schwitzt. Obwohl er frisch geduscht ist, glänzen Schweißperlen auf seiner Stirn. Auch seine Wangen sind rot, das Blut scheint ihm immer noch schneller als gewöhnlich durch seine Adern zu fließen. Müller hat gekämpft und doch verloren. 30:78 stand es am Schluss. Besonders zu schmerzen scheint ihn das nicht. Denn bei diesem Spiel geht es um viel mehr als den Sieg. »Es macht Spaß mit den Kollegen«, sagt der 63-Jährige, während er sich den Schweiß von der Stirn tupft. Müllers Mannschaft ist keine gewöhnliche Mannschaft, sondern die Betriebssportmannschaft der Allianz-Versicherung. Müller hat heute am eigenen Leib erfahren, was es heißt, dass die Arbeitswelt immer flexibler wird, die Arbeitnehmer mobiler, die Arbeitszeit länger.

Statt beim Training sind die Kollegen in Oslo oder Stockholm

Anzeige

Müller merkt es daran, dass nur fünf Spieler der Mannschaft an diesem Samstagnachmittag in die Halle in Berlin-Tiergarten gekommen sind, um gegen das Basketballteam der Landesbank Berlin zu spielen. Eigentlich besteht die Mannschaft aus zehn bis elf Spielern, aber dass wirklich alle da sind, kommt nicht häufig vor. »Manchmal könnten wir auch gleich ein Training am Flughafen machen, weil alle mal wieder beruflich unterwegs sind«, sagt Müllers Teamkollege Mathias Heine. Dann nämlich, wenn sich wieder nur eine Handvoll Spieler in der Halle zusammenfindet, um Pässe zu üben, Slalom zu dribbeln und an der Wurftechnik zu feilen. Heine erzählt von einer seiner Teamkolleginnen, die im Außendienst arbeitet. Wie soll man pünktlich zum Training kommen, wenn man heute in Oslo, übermorgen in Stockholm und in der nächsten Woche in Helsinki ist? Für ihn heißt das: das komplette Spiel durchspielen – ohne Pause und ohne einmal von einem Ersatzmann eingewechselt zu werden. Man sieht es ihm an, auch sein Kopf ist hochrot.

Das wöchentliche Training und die Spiele am Wochenende zu einer festen Zeit und an einem festen Ort passen immer weniger Arbeitnehmern in ihren Berufsalltag. Auch Heine arbeitet normalerweise in einer Münchner Filiale der Allianz. Er ist das Wochenende privat in Berlin – und nutzt den Samstag, um gegen die Landesbank zu spielen. Doch immer weniger Arbeitnehmer sind bereit, ihre Freizeit an die festen Strukturen des Betriebssports anzupassen.

300.000 Mitglieder hat der Verband des Betriebssports, der regional in einzelnen Landes- und je nach Sportart in Fachverbänden organisiert ist. 300.000 Mitglieder, das sind 50.000 weniger als in seiner besten Zeit vor 10 Jahren. Im Trend lägen die Individualsportarten wie Golfen, sagt Uwe Tronnier, Präsident des Verbandes. Der Fachverband Golf wurde zwar erst vor sieben Jahren gegründet, heute hat er schon 10.000 Mitglieder. Vergleicht man die Zahlen mit der Entwicklung bei den Mannschaftssportarten, wird deutlich, dass die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes auch am Betriebssport nicht spurlos vorbeigegangen ist. Rund 10.000 Mitglieder hat der Fachverband Fußball in den letzten fünf Jahren verloren. Dabei ist er mit seinen 58.000 Mitgliedern immer noch der größte Fachverband. Müller und seine Kollegen sagen: »Es wird heute nicht viel weniger Fußball gespielt als früher, aber es wird nicht mehr in dieser organisierten Form gespielt.« Sorge macht dem Präsidenten Tronnier vor allem die Altersstruktur beim Betriebssport: Fast die Hälfte der Mitglieder ist zwischen 41 und 60 Jahre alt, etwa 40.000 sind über 60. Denn auch das gehört eigentlich zu den Kerngedanken seines Verbandes: Pensionierte Arbeitnehmer halten Kontakt zu ihren jungen Arbeitskollegen.

Auf dem Spielfeld kann man auch einen Vorgesetzten anschreien

Der Veränderung der Arbeitswelt aber entspricht, dass viele Unternehmen heute auf unternehmensinternes »Gesundheitsmanagement« setzen. Das kümmert sich gezielt um die körperliche und psychische Gesundheit der Mitarbeiter. Yogastunden, Rückenkurse oder das Firmen-Fitnessstudio sollen für einen Ausgleich der steigenden Arbeitsbelastung sorgen. Dass diese Kurse vielleicht besser in den Arbeitsalltag vieler Arbeitnehmer passen als eine Mannschaftssportart, versteht Uwe Tronnier. Das Gemeinschaftsgefühl, das Kennenlernen der Kollegen, das Bier nach dem Spiel – das aber ist es, was den Betriebssport für die Spieler ausmachen würde, sagt Heine.

Beim Betriebssport – so die ursprüngliche Idee – sollen alle zusammenkommen, leitende Angestellte, Azubis, Referenten. »Wenn einer schlecht spielt, dann schrei ich ihn an«, sagt Heine und meint damit, dass auf dem Spielfeld die Hierarchien verwischen. Seit seiner Zeit als Azubi ist er Mitglied in verschiedenen Betriebssportmannschaften – für ihn ist das gemeinsame Spiel auch die beste Form des Networking. Hatte er in seiner ersten Zeit als Auszubildender noch schlotternde Knie, wenn er in das Büro seines Abteilungsleiters zitiert wurde, wurde er immer souveräner im Umgang mit seinem Vorgesetzten, schließlich spielten sie in einer Mannschaft. »Auf dem Platz sind alle gleich«, sagt er. Aber auch er bemerkt, dass die Zusammensetzung sich in den letzten Jahren geändert hat. Waren früher auch Vorstandsmitglieder Teil des Teams, fehlen heute gerade die oberen Hierarchieebenen auf dem Spielfeld. »Aber wie soll man zum wöchentlichen Training kommen, wenn man abends bis 22 Uhr im Büro sitzt?«

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
  1. Denn es ist ja eine verdammt sinnvolle Sache - aber eben nur auf mittlere und längere Frist gesehen.
    Es steigert den Teamgeist und auch die Leistungen und das Wohlbefinden der einzelnen, kostet aber halt erst mal Arbeitszeit.

    • Rocinu
    • 22.03.2010 um 12:59 Uhr
    2. Wieso?

    Wieso kostet es Arbeitszeit? Unser Betriebssportverein ist reines Privatvergnügen. Die Zeit dort ist reine Freizeit. Das Problem ist wohl eher der Kostenfaktor. So ein Verein trägt sich nicht von allein...

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle DIE ZEIT, 18.03.2010 Nr. 12
  • Kommentare 2
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Landesbank Berlin | Allianz | Training | Oslo | Helsinki | Stockholm
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service