Das Beverly Hills Hotel in Los Angeles. Nach zwölf Stunden Flug Warten auf einen Anruf von Patricia Riekel. Das Hotel erinnert ein bisschen an Schloss Neuschwanstein, nur in Pink. Drinnen typisch amerikanischer Pappmaschee-Prunk in Gold und Apricot. Ein traditionsreiches Haus. Marlene Dietrich soll aus der Hotelbar verwiesen worden sein, weil sie nicht adäquat gekleidet war. Riekel steigt immer im Beverly Hills Hotel ab, wenn sie die Oscar-Verleihung besucht, was für sie mehr Pflicht ist als Vergnügen, sie macht sich nichts aus roten Teppichen.

Doch in diesem Jahr wird ihr der Termin nicht ungelegen gekommen sein. Eine kleine Flucht, denn zu Hause ist ihre Zeitschrift in den Schlagzeilen: Die Fotoagentur CMK aus Berlin hat im Auftrag der Bunten Politiker verfolgt. Die Methoden, von denen der stern berichtet, mit denen die Agentur Fotos von Politikern mit ihren vermeintlichen Geliebten machen wollte, klingen abenteuerlich. Eine Kamera, kaum mehr als hundert Meter von der verglasten Wohnzimmerfront des Linke-Chefs Oskar Lafontaine entfernt auf ein Hausboot montiert; ein Bewegungsmelder unter dem Fußabtreter des ehemaligen SPD-Chefs Franz Müntefering. Auch wenn diese Maßnahmen nur erwogen, aber nicht umgesetzt wurden und die Bunte es von sich weist, über die Methoden der CMK informiert gewesen zu sein, so wurde doch der journalistische Ethos verletzt. Nach Recherchen des Spiegels soll der Kopf der Agentur in den neunziger Jahren bei mehreren Detektiv- und Sicherheitsfirmen gearbeitet haben. Seine Mitarbeiter, die Lafontaine, wie der stern unter Berufung auf Beschattungsprotokolle schrieb, wochenlang ausspähten, haben die Grenze zwischen Recherchieren und Spionieren überschritten.

Der Termin mit Patricia Riekel, es war bereits das vierte Interview, wurde mehrmals verschoben. Erst von München nach Los Angeles, dann vom Mittwoch auf den Donnerstag. Spiegel und stern hatten Namen von Politikern nachgelegt, die zusammen mit ihren angeblichen Freundinnen von CMK heimlich fotografiert worden seien: Der ehemalige EU-Kommissar Günter Verheugen zählt dazu und der ehemalige Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee. Im Fall von Tiefensee druckte die Bunte ein Foto von CMK ab, das ihn und seine neue Begleiterin in Joggingkleidung zeigte. Dazu schrieb die Zeitschrift: "Nach Bunte-Informationen lebt der Minister bereits seit einigen Monaten in der Wohnung von Frau Bender in Berlin-Charlottenburg." Patricia Riekel musste viele Interviews geben, sie schrieb sogar einen offenen Brief, um die Vorwürfe zu entschärfen.

Endlich, ein Anruf. Riekel lässt bitten. Zimmer 315. Sie steht schon in der Tür. Schwarz gekleidet, in der Farbe der Mächtigen der Filmindustrie. Dazu landestypisches Schuhwerk, Cowboystiefel, die sie auch in Deutschland lieber trägt als Pumps. Sie lässt sich in einen beigen Polstersessel fallen.

Wir kennen uns. Viele Male haben wir uns im vergangenen halben Jahr getroffen. Sie hat mich eingeladen, bei einer Redaktionskonferenz dabei zu sein, zu einer Podiumsdiskussion im Münchner Presseclub und zu einer Gala in Passau, wo sie Karl Lagerfeld einen Preis verlieh. Sie war im Kleinbus vorgefahren. Wenn ein Weltstar wie Lagerfeld Bayern besucht, reist die Bunte in Mannschaftsstärke an. Uschi Glas und ihren Mann haben sie auch noch eingeladen in ihren Bus. Die Bunte bringt die Protagonisten ihrer Party-Seiten manchmal selbst mit.

Riekel starrt auf den Fußboden, spricht fast mechanisch. Wie jemand, der sich viele Sätze zurechtgelegt hat und keinen vergessen will. Ihre Stimme ist gepresst, dunkel. Was sie sagt, war schon im Editorial der Bunten zu lesen: Wenn die Zeitschrift über Affären von Politikern berichte, dann nur, wenn diese zu Staatsaffären würden. "Wie im Fall von Günter Verheugen, der als EU-Kommissar seine Geliebte zur Bürochefin beförderte und ihr Gehalt damit deutlich erhöhte – mit Steuergeldern." So ähnlich sagt sie das jetzt wieder.

Sie wirkt angespannt, abgespannt, was nicht ausschließlich am heiklen Thema liegen muss, sondern vielleicht auch daran, dass sie ihren Wecker auf sieben Uhr Ortszeit gestellt hatte, so wie in München, die Zeitverschiebung einfach ignorierend. Dabei ist sie erst am Vortag angekommen. Um neun Uhr hatte sie bereits ein 15-Minuten-Frühstück mit dem Oscar-Gewinner Arthur Cohn. So schnell isst man nur in Amerika. Anschließend traf sie den Bodybuilder Ralf Möller noch auf ein Rührei. Patricia Riekel schont sich nicht.

Sie hat sich noch eigens zurechtgemacht, denn unser Fotograf ist mitgekommen. Wie sie so dasitzt, der blonde Pagenkopf perfekt geföhnt, ihr rundes, für eine 60-Jährige erstaunlich mädchenhaftes Gesicht dezent geschminkt, ist ihr vom Stress nichts anzusehen. Bis auf ihren Blick. Sie schaut konzentriert, manchmal genervt. Nach einer Weile entspannt sie sich. Gemeinplätze über Los Angeles austauschend, laufen wir nach draußen. Auf dem Flur küsst sie Arthur Cohn, der uns entgegenkommt. Dann knipst sie ihr Lächeln an, das sie auf fast allen Bildern so lieblich aussehen lässt, und posiert geduldig für die Fotos, die nie erscheinen werden.

Sieben Stunden später, in Los Angeles ist es drei Uhr nachts, zieht sie die Autorisierung der Bilder zurück. Auch alle wörtlichen Zitate der langen Recherche, die längst von ihr zur Veröffentlichung freigegeben worden waren, dürfen auf einmal nicht mehr erscheinen. In einem Fax an das ZEITmagazin schreibt sie, sie habe den Eindruck, dass das Porträt eine "tendenzielle Richtung" bekomme. Deshalb sind die Fotos von Serge Hoeltschi hier nicht zu sehen, und im Text fehlt die wörtliche Rede.