Frühlingsanfang Nächste Abfahrt Frühling

Frankfurt am Main, ein Grad. Da hilft nur eins: So lange aufs Gas treten, bis es warm genug ist für einen Kaffee im Freien.

Mit der Hyazinthe namens Bert auf der Reise Richtung Frühling

Mit der Hyazinthe namens Bert auf der Reise Richtung Frühling

Drei Monate wären ja nicht das Problem. Ein meteorologischer Winter voll Schnee und Kälte, Dezember, Januar, Februar – in Ordnung. Wenn aber der lang ersehnte März endlich um die Ecke kommt, vom Wohnzimmer aus betrachtet freundlich und warm tut, um einem dann beim ersten Schritt vor die Tür mit der Eisfaust eine reinzuhauen, muss man irgendwann einfach sagen: Danke, das reicht. Ich reise ab.

Wofür uns der Herrgott zwei Füße gegeben hat? Um einen davon auf ein Gaspedal zu stellen und so lange darauf stehen zu bleiben, bis es draußen, verdammt noch mal, so warm ist, wie es aussieht. Bis man eine Tasse Kaffee im Freien in kurzen Ärmeln mit Würde zu sich nehmen kann. So lange, bis es Frühling ist. Auf dem Weg zur Autovermietung in Frankfurt begegnet mir vor einem Blumenladen eine Gruppe blutjunger Hyazinthen, die ihre noch grünen Köpfe verzweifelt hinter dicken Blätterschilden verschanzen. Unmöglich, sie alle zu retten. Dem kleinsten Sprössling aber, nennen wir ihn Bert, raune ich zu: »Zieh mit mir fort. Etwas Besseres als diese Frühlingsfarce finden wir überall.«

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Natürlich wissen wir, dass Deutsche gern nörgeln. Im Winter ist es uns meistens zu kalt, im Sommer zu heiß, liegt Schnee im März, skandieren wir: »Wo bleibt die Sonne?« Scheint die Sonne im November, wird gegrummelt: »Wo bleibt der Schnee?« So war es auch im vergangenen November, als die Bild- Zeitung unter der Titelzeile Darum ist Frühling im November! aus Sonthofen im östlichen Allgäu berichtete. Angeblich hatte es da zur Monatsmitte noch 22,4 Grad. Wenn es stimmt, dass die Letzten die Ersten sein werden, müsste in Sonthofen die Sonne scheinen, und weniger als 500 Kilometer trennten Bert und mich vom Ziel unserer Reise.

Als wir Sonthofen am späten Abend erreichen, sind am Straßenrand im Licht der Laternen grau angelaufene Schneehügel auszumachen. Am nächsten Morgen bietet auch die Fußgängerzone ein ernüchterndes Bild, gesäumt von Tannen und bleichen Eriken in Kübeln. Ein paar verwegene Wirte haben Tische und Stühle aufs Pflaster gestellt, aber der einzige Mann, der hier im Freien sitzt, spielt La Paloma auf einem Akkordeon und hat vor sich auf dem Boden einen Hut platziert.

In der Hoffnung, mich wenigstens an ein paar Erinnerungen der Einheimischen wärmen zu können, frage ich im Café M1 am Oberen Markt, wie es denn so war, im vergangenen November in Sonthofen. Die Kellnerin behauptet, sich nicht erinnern zu können, und verweist auf ihre Kollegin hinter dem Tresen. Aber auch die zuckt mit den Schultern. »War es denn hier überhaupt schon mal warm?« Die Frau überlegt einen Moment lang. Dann sagt sie: »Ja, doch. Letztes Jahr im April.« Auf dem Rückweg zum Parkplatz fällt die Dekoration des Fachgeschäfts Tabakhaus Raupold ins Auge. Wasserpfeifen in allen Größen und Formen. Hat man die Kollegen der Bild- Zeitung mit Drogen verwirrt? Zugekifft sehen zwei Grad 22 ziemlich ähnlich. Ich halte Bert die Blätter zu und starte den Wagen.

Die Kilometer ziehen sich, vorbei an schneeweißen Bergen und Tälern, über den Brenner, grauer Asphalt unter grauem Himmel trübt die Stimmung, bis irgendwo in Südtirol am Ende eines Tunnels endlich, endlich die Sonne durch die Wolken zwinkert. Wir verlassen die Autobahn auf der Höhe von Bozen. Der Mann an der Mautstation studiert unser Nummernschild, das Autobahnticket. Dann will er wissen, ob es kalt war in den Bergen. Ich sage: Klar, zwei Grad. Der Mann sagt: Brrrr. Mein Blick fällt auf die Außentemperaturanzeige. Satte 15. Ich sage: Wow! Der Mann sagt: Klar, hey, du bist in Italia! Bert, der im beheizten Fußraum des Beifahrersitzes reist, hat eines seiner Blätter vorsichtig gesenkt und blinzelt ins Licht.

Im Kurort Meran ist der Winter so mild, dass ihn selbst Palmen im Freien überleben. Wir spazieren die Winterpromenade am Passerbach entlang, der aufgeregt über die Steine in seinem Bett sprudelt, als gelte es, mit besonderem Nachdruck daran zu erinnern, dass Wasser außer »fest« auch andere Aggregatzustände kennt. Zum ersten Mal seit Monaten hat der Wind einen Geruch und beißt nicht im Gesicht, wenn er bläst. Und während Bert bisher noch jeden Hinweis auf seine zukünftige Farbgebung verweigert, blühen die Stiefmütterchen in ihren Beeten vor den Laubengängen am Ufer in sattem Gelb und Blau.

Leser-Kommentare
  1. "Da hilft nur eins: So lange aufs Gas treten, bis es warm genug ist für einen Kaffee im Freien."

    etwas unglücklich formuliert...;-)

  2. Der ganze Beitrag ist höchst unglücklich - oder wird im Reiseteil neuerdings feuilletonwürdige Satire abgedruckt? "Wofür uns der Herrgott zwei Füße gegeben hat? Um einen davon auf ein Gaspedal zu stellen und so lange darauf stehen zu bleiben, bis es draußen, verdammt noch mal, so warm ist, wie es aussieht." Diese und ähnliche Formulierungen lesen sich in einem Wochenblatt, welches seine Leserschaft doch eigentlich zum klimabewussten Umdenken bewegen will, wirklich am besten als (schlechter) Witz. Gleiches gilt überhaupt für die Idee, in Frankfurt in ein Mietauto zu steigen und damit durch halb Europa zu touren, nur um in Nizza endlich im T-Shirt am Strand sitzen zu können. Dazu kommt noch, dass über Reiseetappen und Reiseziel keinerlei verwertbare Informationen geliefert werden. Also: Was soll das Ganze?? Vermutlich doch - ein Witz. Alles andere wäre ein Grund, das ZEIT-Abo zu kündigen!

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