Wolfgang Kubicki "Hauen, bis die Schwarte kracht"

Heckenschütze, Strippenzieher, Machtmensch: Wolfgang Kubicki, FDP-Politiker aus Kiel, spricht mit Stephan Lebert und Stefan Willeke über Gemeinsamkeiten zwischen Guido Westerwelle und Jürgen Möllemann, den listigen Industriellen Ferdinand Piëch – und Sex in der Politik.

DIE ZEIT: Herr Kubicki, Sie haben für die FDP im Bundestag gesessen, Sie sind im Bundesvorstand Ihrer Partei. Sie haben die Barschel-Affäre aus nächster Nähe erlebt, die Engholm-Affäre. Sie haben erlebt, dass sich Ihr Freund Jürgen Möllemann umbrachte. Sie kennen Guido Westerwelle seit Jahren. Sie sind seit mehr als drei Jahrzehnten im politischen Geschäft, wissen viele Interna. Jetzt regiert ihre Partei zum ersten Mal seit elf Jahren wieder mit in Berlin, und Sie sind Fraktionsvorsitzender der FDP im Landtag von Schleswig-Holstein – weit weg von der Macht. Ist das nicht ein bisschen bescheiden für einen Mann, der immer so ehrgeizig gewesen ist?

In Berlin würde ich zum Trinker werden. Aber ich bin jetzt 58, ich will meine Karriere überleben

Wolfgang Kubicki

Wolfgang Kubicki: Nein, es ist Teil meiner Überlebensstrategie. Ich würde in Berlin zum Trinker werden, vielleicht auch zum Hurenbock. Ich bin inzwischen zum dritten Mal verheiratet, und ich will auf keinen Fall auch diese Ehe ruinieren. Das politische Leben in Berlin sieht doch so aus: Sie sind den ganzen Tag unter Druck, abends wartet Ihr Apartment auf Sie, sonst niemand. Es gibt einen enormen Frauenüberschuss, denn wenn Sie den gesamten Politikbetrieb nehmen, kommen Sie auf schätzungsweise 100.000 Leute, in Parlament, Regierung, Verwaltung, Botschaften, Verbänden und Medien, davon 60 Prozent Frauen. Ich weiß doch, wie es läuft: Da sind dann diese Abende, an denen Sie nur abschalten wollen, Stressabbau. Da sitzt Ihnen plötzlich eine Frau gegenüber, die Ihnen einfach nur zuhört. Und dann geht die Geschichte irgendwann im Bett weiter. Dazu der Alkohol: Sie könnten, weil Sie ständig in Terminen sind, den ganzen Tag trinken. Eine Flasche Wein ist da gar nichts, leicht zu verteilen auf fünf Termine. Und abends geht es richtig los. Sie betreten bestimmte Restaurants und sehen schon diese glasigen Augen in den Rotweingesichtern Ihrer Kollegen. »Kubicki«, rufen die beseelt, während Sie noch in der Tür stehen, »Kubicki, setz dich zu uns.« Aber wissen Sie, auch mein Leben ist endlich. Ich bin jetzt 58, ich will meine politische Karriere überleben.

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Wolfgang Kubicki

Wolfgang Kubicki wird 1952 in Braunschweig geboren. Er studiert Volkswirtschaftslehre und Jura in Kiel. 1971 tritt er der FDP bei, 1990 wird er Abgeordneter des Bundestags. 1992 legt er sein Bundestagsmandat nieder, um sich ganz der Landespolitik in Schleswig-Holstein zu widmen. Er wird FDP-Fraktionsführer im Kieler Landtag, außerdem arbeitet er als Rechtsanwalt.

Mülldeponie-Affäre

1993 tritt er im Zuge der Mülldeponie-Affäre als Landes- und Fraktionsvorsitzender der FDP zurück. Kubicki hatte die Schweriner Landesregierung bei der Privatisierung der Mülldeponie Schönberg beraten und war zugleich mit einem Makler, der die Deponie weiterführen wollte, geschäftlich verbunden.

FDP in Kiel

1996 wird Kubicki erneut Fraktionsvorsitzender. 1997 zieht der Freund des FDP-Politikers Jürgen Möllemann in den Bundesvorstand der Partei ein. Auch nach der Landtagswahl 2005 bleibt Kubickis Fraktion in der Opposition. Im Lustreisen-Skandal bei Volkswagen vertritt der Anwalt den Personalmanager Klaus-Joachim Gebauer. Seit 2009 regiert die FDP in Kiel mit der CDU. Kubicki ist in dritter Ehe verheiratet und hat zwei Töchter.

ZEIT: In Kiel sind Sie aber nicht Minister geworden. Ein Grund könnte sein, dass Sie als Fraktionsvorsitzender weiterhin als Anwalt arbeiten können, als Minister dürften Sie das nicht. Und Sie verdienen mit Ihrem Anwaltsjob weit mehr als jeder Politiker.

Kubicki: (lächelnd) Das haben Sie gesagt, aber ich will es mal nicht dementieren. Ein einziges Amt würde mich übrigens reizen: das des Finanzministers. Wenn der jetzige es nicht auf die Reihe bekommt, dann würde ich nachdenken. Finanzminister ist der Schlüsselposten, und ich würde gern beweisen, dass Konsolidieren des Haushalts funktionieren kann. Es ist ein harter Prozess, aber er kann funktionieren. Und es gibt keine Alternative dazu. Wenn es nicht gelingt, ist bald jede politische Gestaltungsmöglichkeit futsch.

ZEIT: Sie mussten 1993 als Partei- und Fraktionsvorsitzender der FDP in Schleswig-Holstein wegen der sogenannten Schönberg-Affäre zurücktreten. Der Vorwurf lautete: Sie hatten bei dubiosen Geschäften einer Mülldeponiefirma Ihre Tätigkeit als Rechtsanwalt mit Ihren politischen Funktionen unsauber vermischt.

Kubicki: Der Vorwurf lautete, ich hätte als Anwalt schlecht beraten. Das war für mich eine richtige Lebenskrise. Ich hatte immer geglaubt, ich sei mental ein ziemlich starker Typ, und dann stellte ich fest, dass ich an meine Leistungsgrenze kam. Es ging nicht mehr. Ich war einfach am Ende. Wie schlimm das war, habe ich sogar meiner Frau erst viel später erzählt. Sie hat mich dann gefragt: Warum hast du nichts gesagt? Ich habe ihr geantwortet: Das hat mit meinem Machoverständnis zu tun. Einer wie ich zeigt in einer Beziehung keine Schwächen. Es ist schwer, Ihnen das alles zu erklären. Ich wollte meine Frau auch nicht noch mehr belasten.

ZEIT: Wie sah denn der Tiefpunkt damals aus?

Kubicki: Sie müssen sich das so vorstellen: Es gab wochenlanges Trommelfeuer in den Medien, jeden Tag bekam ich was auf die Mütze, es hörte überhaupt nicht mehr auf. Ich kann mich noch sehr gut an folgende Szene erinnern: Ich komme spätabends heim nach einer Veranstaltung in Eckernförde, schalte den Fernseher an, und der Sender n-tv meldet: Haftbefehl gegen Kubicki. Da fallen Sie erst mal vom Stuhl. Also, Haftbefehl gegen Kubicki, es ist Mitternacht. Da denke ich: Mensch, erstens: Das kann doch gar nicht sein, du bist Abgeordneter. Und zweitens: Warum eigentlich? Es gibt doch überhaupt kein Ermittlungsverfahren gegen dich. War ja alles Quatsch, eine Falschmeldung, das kam aber erst später heraus. In diesem Augenblick wurde diese Bombardierung meiner Psyche zu viel. Ich dachte: Das muss jetzt sofort aufhören, und das hört nur auf – für deine Familie, für deine Mutter –, wenn du nicht mehr da bist. Ich habe in jener Nacht, vielleicht zehn Minuten lang, sehr intensiv überlegt, ob ich mir das Leben nehmen soll.

ZEIT: Sie haben die Affäre überstanden – und sind schließlich zurückgekehrt in Ihre alten politischen Ämter.

Kubicki: Ich weiß noch, wie Volker Zastrow von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung kurz nach meinen Rücktritt bei mir war und sagte: »Kubicki, Ihre politische Karriere hat sich damit erledigt. Kubicki, Sie sind wie ein Boxer, der sich einen schlimmen K. o. eingefangen hat. They never come back.« Ich antwortete: Das werden wir ja sehen. Es dauerte ein bisschen, aber ich kämpfte mich da juristisch durch. Dieses Gefühl, dass ich mich nicht unterkriegen lassen will, hat wahrscheinlich auch mit meiner Körpergröße zu tun. Als kleiner Junge war das schon so, dass ich immer dabei war, wenn es Schlägereien gab. Ich habe mich auch immer gern mit Größeren angelegt, um zu zeigen, dass man auch die umhauen kann. Ich hatte bei mir in der Schulklasse einen, der doppelt so breit und groß war wie ich. Aber ich verrate kein Geheimnis: Auch diese Leute fallen, wenn man sie am richtigen Punkt erwischt.

ZEIT: Kampf ist für Sie in der Politik offensichtlich eine entscheidende Kategorie.

Kubicki: Ja, das ist sicher so. Wenn ich abends spät nach Hause komme, kann ich mich am besten entspannen, wenn ich mir im Fernsehen alte Kriegsfilme anschaue. Ich habe da eine richtige Sammlung – lauter Filme, die sich andere schon aus politischer Korrektheit nicht zulegen würden. Steiner, das eiserne Kreuz zum Beispiel oder Sniper, Wir waren Helden oder das Beste: Band of Brothers.

ZEIT: Im Jahr 2003 haben Sie mit Jürgen Möllemann einen Freund und engen politischen Weggefährten verloren, der mit hoher Wahrscheinlichkeit Selbstmord beging.

Kubicki: An seinem letzten Tag war ich in Berlin, ich besuchte mit meiner Fraktion aus Kiel den Bundesrat. Da rief mich Möllemann an und sagte: Vaclav – so nannte er mich immer, wenn alles gut war, von Freund zu Freund, deshalb dachte ich zunächst, alles sei in Ordnung –, also, Vaclav, vor meinem Haus stehen einige Autos, darunter ein Übertragungswagen des WDR-Fernsehens, was hat das zu bedeuten? Ich sagte: Das hat wahrscheinlich zu bedeuten, dass du gleich Besuch von der Staatsmacht bekommst. Möllemann erwiderte: Ist denn meine Immunität als Abgeordneter aufgehoben worden? Ich wusste das natürlich nicht, aber ich sagte ihm zu, dass ich mich erkundigen wolle. Es dauerte einige Zeit, bis ich erfuhr: Ja, gerade wurde Möllemanns Immunität aufgehoben. Ich rief meine Frau an, die Möllemanns Anwältin war, und sagte: Ihr müsst eine Erklärung vorbereiten, wenn es bei Möllemann zu einer Durchsuchung kommt. Möllemann telefonierte mit meiner Frau und sagte ihr, er fahre jetzt in den Landtag nach Düsseldorf. Doch das stimmte nicht, er fuhr zum Fallschirmspringen. Er stürzte in den Tod.

Leser-Kommentare
    • bob13
    • 22.03.2010 um 13:31 Uhr

    ich find Ihn gut - auch wenn ich bestimmt politisch nicht in allem seiner meinung bin. ein ein bisschen querkopf gefällt mir besser als immer stromlinienförmig.

    • kayob
    • 22.03.2010 um 15:13 Uhr

    hahahaha...der ist so geil der typ...

    ich find ihn politisch und wahrscheinlich auch menschlich ziemlich weit weg, von mir jetzt, aber lieber tausend kubickis als einen pofalla oder solche charakterköpfe...
    mit vaclav kann man streiten, mit poffi oder guido oder angie macht das keinen spaß...mit steini und rothi und ernsti übrigens auch nicht...
    ich bin für ne allparteien regierung aus so coolen säuen, wie vaclav und gysi und so...hahahahahaha, silvana angebaggert...hahahaha

  1. ist nicht meine Sache, aber er ist einer der wenigen Politiker beim dem sich das Zuhören und Nachvollziehen seiner Gedanken lohnt. Im Gegensatz zu den anderen Windeiern um Merkel und Co. herum. Die blasen nur heiße opportunistische Luft in den Raum und verdrehen ihre eigentlichen (unqualifizierten) Absichten hinter Worthülsen.

  2. ...es ist einfach erfrischend, wenn mal jemand plaudert, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Das Problem der "Windeier" besteht aber genau in dem Punkt, der anfangs erörtert wird. Er dementiert nicht, dass er aus materiellen Gründen Fraktionsvorsitzender geblieben, statt Minister geworden ist. Verständlich aus rein menschlicher Sicht - und trotzdem: Warum geht er in die Politik, wenn die Gestaltung von Politik erst in zweiter Linie entscheidend sein soll? Ist es da ein Wunder, wenn nur noch Typen "Berufspolitker" das Sagen bekommen? Ich würde mir auch mehr Typen "Kubicki" wünschen (zumal als Liberaler), insbesondere würde ich mir wünschen, dass sie dann aber auch unabhängig von persönlichen "Unannehmlichkeiten" wie "kein Anwaltsberuf während der Ministerzeit" Politik an vorderer Front machen. Denn die vordere Front ist es, die der Politik ein Gesicht gibt, nicht der Strippen ziehende Fraktionschef.

  3. Fünf Seiten Kubicki, das ist schon was! Allerdings steht das Zwischenzeilige für jemanden der ihn tiefgehender kennt deutlicher im Raum als das oberflächlich Wahrgenommene.
    Seine Offenheit ist anerkennenswert, zeigt aber auch seine zarte Seele und Verletzlichkeit, die er gerne in seinem Kühlschrank zu verstecken versucht.
    Für mich zeigt er viel zuviel Kampfgeist, was er eigentlich nicht nötig hätte, wenn es nicht von einer gewissen Angst vor etwas Ungewissem geprägt wäre.
    Wie dem auch sei, irgendetwas ist in Kiel im Busch, sonst klänge der Herr Kubicki nicht so wie er sonst klingt.
    Auf alle Fälle ist dieses Interview außergewöhnlich, und das hat sicher seine Gründe.
    Hat Spaß gemacht ihn hier zu lesen, und so bin ich gespannt, was sich in Kiel demnächst im Landeshaus auftun wird.

  4. Die vorab bekannt gewordenen Versatzstücke klangen ziemlich entsetzlich - voll Macho. Das ganze Interview jetzt ist immer noch vom Machismo geprägt, hat aber auch ganz andere Töne.

    Der Typ kommt ziemlich authentisch rüber, dumm scheint der wirklich nicht zu sein. Nur: kann man diesen Leuten trauen?

    Ich merke, wie ich meinem eigenen Urteil schon nicht mehr traue. Fair is foul and foul is fair.

    • Harzer
    • 22.03.2010 um 18:25 Uhr

    ein amüsantes, offenes, ziemlich ehrliches Interview. Und, a.p.p. Auststahlung, so schlecht ist die gar nicht, man kann es ja auch lesen.
    Ich lerne 2 Dinge.
    Jetzt kann ich mir das doch oft seltsame Verhalten und Auftreten unserer Politiker schon etwas besser erklären: Die haben oft einfach schon ab morgens einen in der Kanne.
    Haben die alle immer einen Chauffeur, oder gibt es eine Geheimbefehl für die Berliner Polizei, keine Politiker " blasen" zu lassen?
    Aber 2. auch, es geht 90% um das eigene Ego/Karriere und 10% um die Sache in der Politik.
    Reicht das für unseren Fortbestand ?

  5. (Zitat)
    "...ist bald jede politische Gestaltungsmöglichkeit futsch."
    Bald???!
    Die ist längst futsch, verdaddelt von Typen wie diesem Provinzpolitiker - unter Lambsdorff anno 1982 fing es (spätestens) an, und die ganze hier in der Großvater-Erzählung aufgeführte Daddelgarde hat mitgespurt. Cool, wa? Wo sehen Sie denn noch Qualitäten eine Politikers, der sich für die Interessen der Gemeinde einsetzt, von der er sich hat wählen und jahrelang aushalten lassen? Was will so ein bekennender Zyniker eigentlich in der Repräsentanz eines politischen Willens?
    Sagte ich politisch?
    So einer gehört auf die Couch, nicht in eine Landesvertretung.
    Mit "fair ist foul" (Shakespeare), werter Vorredner, ist das auch nicht mehr zu verzieren, es stinkt schlicht zum Himmel, was in diesem Hirn vorgeht, der Alte rotiert wahrscheinlich in seinem Stratforder Grabe, sollte er gelesen haben, auf welches Niveau Sie ihn ziehen...

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    Tja, "bekennder Zyniker" trifft's nach etwas Nachdenken wohl am besten, da hammse ganz recht.

    Ob William aber deswegen rotiert? Ich fürchte, ihm war schon damals nichts mehr fremd.

    Tja, "bekennder Zyniker" trifft's nach etwas Nachdenken wohl am besten, da hammse ganz recht.

    Ob William aber deswegen rotiert? Ich fürchte, ihm war schon damals nichts mehr fremd.

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