DIE ZEIT: Herr Kubicki , Sie haben für die FDP im Bundestag gesessen, Sie sind im Bundesvorstand Ihrer Partei. Sie haben die Barschel-Affäre aus nächster Nähe erlebt, die Engholm-Affäre. Sie haben erlebt, dass sich Ihr Freund Jürgen Möllemann umbrachte. Sie kennen Guido Westerwelle seit Jahren. Sie sind seit mehr als drei Jahrzehnten im politischen Geschäft, wissen viele Interna. Jetzt regiert ihre Partei zum ersten Mal seit elf Jahren wieder mit in Berlin , und Sie sind Fraktionsvorsitzender der FDP im Landtag von Schleswig-Holstein – weit weg von der Macht. Ist das nicht ein bisschen bescheiden für einen Mann, der immer so ehrgeizig gewesen ist?

In Berlin würde ich zum Trinker werden. Aber ich bin jetzt 58, ich will meine Karriere überleben
Wolfgang Kubicki

Wolfgang Kubicki: Nein, es ist Teil meiner Überlebensstrategie. Ich würde in Berlin zum Trinker werden, vielleicht auch zum Hurenbock. Ich bin inzwischen zum dritten Mal verheiratet, und ich will auf keinen Fall auch diese Ehe ruinieren. Das politische Leben in Berlin sieht doch so aus: Sie sind den ganzen Tag unter Druck, abends wartet Ihr Apartment auf Sie, sonst niemand. Es gibt einen enormen Frauenüberschuss, denn wenn Sie den gesamten Politikbetrieb nehmen, kommen Sie auf schätzungsweise 100.000 Leute, in Parlament, Regierung, Verwaltung, Botschaften, Verbänden und Medien, davon 60 Prozent Frauen. Ich weiß doch, wie es läuft: Da sind dann diese Abende, an denen Sie nur abschalten wollen, Stressabbau. Da sitzt Ihnen plötzlich eine Frau gegenüber, die Ihnen einfach nur zuhört. Und dann geht die Geschichte irgendwann im Bett weiter. Dazu der Alkohol: Sie könnten, weil Sie ständig in Terminen sind, den ganzen Tag trinken. Eine Flasche Wein ist da gar nichts, leicht zu verteilen auf fünf Termine. Und abends geht es richtig los. Sie betreten bestimmte Restaurants und sehen schon diese glasigen Augen in den Rotweingesichtern Ihrer Kollegen. »Kubicki«, rufen die beseelt, während Sie noch in der Tür stehen, »Kubicki, setz dich zu uns.« Aber wissen Sie, auch mein Leben ist endlich. Ich bin jetzt 58, ich will meine politische Karriere überleben.

ZEIT: In Kiel sind Sie aber nicht Minister geworden. Ein Grund könnte sein, dass Sie als Fraktionsvorsitzender weiterhin als Anwalt arbeiten können, als Minister dürften Sie das nicht. Und Sie verdienen mit Ihrem Anwaltsjob weit mehr als jeder Politiker.

Kubicki:(lächelnd) Das haben Sie gesagt, aber ich will es mal nicht dementieren. Ein einziges Amt würde mich übrigens reizen: das des Finanzministers. Wenn der jetzige es nicht auf die Reihe bekommt, dann würde ich nachdenken. Finanzminister ist der Schlüsselposten, und ich würde gern beweisen, dass Konsolidieren des Haushalts funktionieren kann. Es ist ein harter Prozess, aber er kann funktionieren. Und es gibt keine Alternative dazu. Wenn es nicht gelingt, ist bald jede politische Gestaltungsmöglichkeit futsch.

ZEIT: Sie mussten 1993 als Partei- und Fraktionsvorsitzender der FDP in Schleswig-Holstein wegen der sogenannten Schönberg-Affäre zurücktreten. Der Vorwurf lautete: Sie hatten bei dubiosen Geschäften einer Mülldeponiefirma Ihre Tätigkeit als Rechtsanwalt mit Ihren politischen Funktionen unsauber vermischt.

Kubicki: Der Vorwurf lautete, ich hätte als Anwalt schlecht beraten. Das war für mich eine richtige Lebenskrise. Ich hatte immer geglaubt, ich sei mental ein ziemlich starker Typ, und dann stellte ich fest, dass ich an meine Leistungsgrenze kam. Es ging nicht mehr. Ich war einfach am Ende. Wie schlimm das war, habe ich sogar meiner Frau erst viel später erzählt. Sie hat mich dann gefragt: Warum hast du nichts gesagt? Ich habe ihr geantwortet: Das hat mit meinem Machoverständnis zu tun. Einer wie ich zeigt in einer Beziehung keine Schwächen. Es ist schwer, Ihnen das alles zu erklären. Ich wollte meine Frau auch nicht noch mehr belasten.

ZEIT: Wie sah denn der Tiefpunkt damals aus?

Kubicki: Sie müssen sich das so vorstellen: Es gab wochenlanges Trommelfeuer in den Medien, jeden Tag bekam ich was auf die Mütze, es hörte überhaupt nicht mehr auf. Ich kann mich noch sehr gut an folgende Szene erinnern: Ich komme spätabends heim nach einer Veranstaltung in Eckernförde, schalte den Fernseher an, und der Sender n-tv meldet: Haftbefehl gegen Kubicki. Da fallen Sie erst mal vom Stuhl. Also, Haftbefehl gegen Kubicki, es ist Mitternacht. Da denke ich: Mensch, erstens: Das kann doch gar nicht sein, du bist Abgeordneter. Und zweitens: Warum eigentlich? Es gibt doch überhaupt kein Ermittlungsverfahren gegen dich. War ja alles Quatsch, eine Falschmeldung, das kam aber erst später heraus. In diesem Augenblick wurde diese Bombardierung meiner Psyche zu viel. Ich dachte: Das muss jetzt sofort aufhören, und das hört nur auf – für deine Familie, für deine Mutter –, wenn du nicht mehr da bist. Ich habe in jener Nacht, vielleicht zehn Minuten lang, sehr intensiv überlegt, ob ich mir das Leben nehmen soll.

ZEIT: Sie haben die Affäre überstanden – und sind schließlich zurückgekehrt in Ihre alten politischen Ämter.

Kubicki: Ich weiß noch, wie Volker Zastrow von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung kurz nach meinen Rücktritt bei mir war und sagte: »Kubicki, Ihre politische Karriere hat sich damit erledigt. Kubicki, Sie sind wie ein Boxer, der sich einen schlimmen K. o. eingefangen hat. They never come back.« Ich antwortete: Das werden wir ja sehen. Es dauerte ein bisschen, aber ich kämpfte mich da juristisch durch. Dieses Gefühl, dass ich mich nicht unterkriegen lassen will, hat wahrscheinlich auch mit meiner Körpergröße zu tun. Als kleiner Junge war das schon so, dass ich immer dabei war, wenn es Schlägereien gab. Ich habe mich auch immer gern mit Größeren angelegt, um zu zeigen, dass man auch die umhauen kann. Ich hatte bei mir in der Schulklasse einen, der doppelt so breit und groß war wie ich. Aber ich verrate kein Geheimnis: Auch diese Leute fallen, wenn man sie am richtigen Punkt erwischt.

ZEIT: Kampf ist für Sie in der Politik offensichtlich eine entscheidende Kategorie.

Kubicki: Ja, das ist sicher so. Wenn ich abends spät nach Hause komme, kann ich mich am besten entspannen, wenn ich mir im Fernsehen alte Kriegsfilme anschaue. Ich habe da eine richtige Sammlung – lauter Filme, die sich andere schon aus politischer Korrektheit nicht zulegen würden. Steiner, das eiserne Kreuz zum Beispiel oder Sniper, Wir waren Helden oder das Beste: Band of Brothers.

ZEIT: Im Jahr 2003 haben Sie mit Jürgen Möllemann einen Freund und engen politischen Weggefährten verloren, der mit hoher Wahrscheinlichkeit Selbstmord beging.

Kubicki: An seinem letzten Tag war ich in Berlin, ich besuchte mit meiner Fraktion aus Kiel den Bundesrat. Da rief mich Möllemann an und sagte: Vaclav – so nannte er mich immer, wenn alles gut war, von Freund zu Freund, deshalb dachte ich zunächst, alles sei in Ordnung –, also, Vaclav, vor meinem Haus stehen einige Autos, darunter ein Übertragungswagen des WDR-Fernsehens, was hat das zu bedeuten? Ich sagte: Das hat wahrscheinlich zu bedeuten, dass du gleich Besuch von der Staatsmacht bekommst. Möllemann erwiderte: Ist denn meine Immunität als Abgeordneter aufgehoben worden? Ich wusste das natürlich nicht, aber ich sagte ihm zu, dass ich mich erkundigen wolle. Es dauerte einige Zeit, bis ich erfuhr: Ja, gerade wurde Möllemanns Immunität aufgehoben. Ich rief meine Frau an, die Möllemanns Anwältin war, und sagte: Ihr müsst eine Erklärung vorbereiten, wenn es bei Möllemann zu einer Durchsuchung kommt. Möllemann telefonierte mit meiner Frau und sagte ihr, er fahre jetzt in den Landtag nach Düsseldorf. Doch das stimmte nicht, er fuhr zum Fallschirmspringen. Er stürzte in den Tod.