Wolfgang Kubicki "Hauen, bis die Schwarte kracht"Seite 5/5

ZEIT: Hilft es in solchen Momenten, wenn man eine zynische Grundhaltung hat?

Kubicki: Das hilft. Ich wusste immer: Die FDP ist meine Partei, ich liebe diese Partei. Möllemann liebäugelte damals mit der Gründung einer neuen Partei. Ich habe sofort zu ihm gesagt: Nicht mit mir, niemals. Ich bleibe in der FDP. Ich halte durch.

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ZEIT: Halten Sie sich für mutig?

Kubicki: Im politischen Alltag ganz sicher, aber was ist Mut? Was ist Angstfreiheit? Ich kam in die Politik, als es überall noch um die Aufarbeitung der NS-Zeit ging. Mein Vater war ein überzeugter Nazi gewesen, bis zum Kriegsende. Und ich habe mit ihm später lange Gespräche geführt. Das Unverständnis für Männer wie ihn kommt einem ja heute leicht über die Lippen. Aber wie hätte man sich wohl selber verhalten? Wer weiß, wenn es mit Hitlers Krieg anders gelaufen wäre, dann wäre ich vielleicht HJ-Führer in Wladiwostok geworden. Ich verabscheue Menschen, die mit ihren moralischen Urteilen schnell bei der Hand sind, ohne selbst je einer solchen Situation ausgesetzt gewesen zu sein.

ZEIT: Wieso regt Sie das so auf?

Kubicki: Wer hat denn den Mut, wirklich was zu riskieren? Ich wohne ja in dem kleinen Ort Strande in der Nähe von Kiel. Jetzt blenden wir mal zurück: Strande, mitten im Zweiten Weltkrieg, Hitlers Regime, und die Nazis wollen mich fertigmachen. Welcher meiner Bekannten wäre denn bereit gewesen, mich in einem Fischkutter über die Ostsee zu bringen und für mich sein Leben und das Leben seiner Familie aufs Spiel zu setzen? Ich kenne in meinem Leben drei Menschen, denen ich das zutrauen würde. Der eine ist mein Steuerberater und Trauzeuge Joachim Stange. Der Zweite ist mein Freund Jürgen Nehm. Der Dritte ist mein Nebenbouler – Nebenbouler nennt sich der Bouleclub des Strandhotels in Strande – Uli Kaufmann. Der würde es aus Prinzip machen, weil es sich gegen die Staatsmacht richtet.

ZEIT: Und wie geht es für Sie persönlich weiter? Welches Ziel wollen Sie noch erreichen?

Kubicki: Ich will nicht aus dem Saal getragen werden. Niemand in der Partei greift mich an, nicht in Kiel, und in der Bundespartei traut sich das auch keiner so richtig. Ich habe eine gefestigte Position, bin beruflich unabhängig, meine Lust am Streit ist ungebrochen, aber ich muss mich zügeln. Natürlich juckt es mich gelegentlich, zu dokumentieren, dass ich es besser weiß als beispielsweise Peter Harry Carstensen, der schleswig-holsteinische Ministerpräsident von der CDU, aber es wäre unklug, mich da zu verkämpfen. Ich würde damit nur Vorurteile – oder vielleicht auch Urteile – über mich bestätigen, ohne dass es der Sache dienlich wäre.

ZEIT: Sie fürchten nicht das stille Leben in Holstein?

Kubicki: Im Gegenteil. Ich gehe von meinem Grundstück nur über die Straße zum Strand, klettere auf mein Boot, rufe noch einen Freund an, fahre mit ihm über die Förde zum Fischladen, der was Schönes auf den Grillrost legt. Das ist Lebensqualität.

ZEIT: Wen können Sie in der Politik eigentlich ernster nehmen, Frauen oder Männer?

Kubicki: Ich mache da eigentlich keine Unterschiede. Ich finde charmante Frauen in der Politik zwar besser als Suffragetten, doch ich finde auch attraktive Männer besser als Ekelpakete. Aber eine Geschichte muss ich Ihnen nun doch erzählen. Meine Parteikollegin Silvana Koch-Mehrin habe ich ein einziges Mal angebaggert. Wir saßen in einem Café in Brüssel, weil ich irgendwie auf die Idee gekommen war, sie zu fragen, ob sie FDP-Generalsekretärin werden will. Meine Frage hatte ihr geschmeichelt, deswegen hatten wir uns zum Kaffee verabredet. Ich lasse also meinen Charme spielen, da steht plötzlich so ein Riesenkerl neben mir, offenbar ihr Mann, eine Statur wie ein irischer Preisboxer. Da bin ich einfach aufgestanden und habe noch einen schönen Tag gewünscht.

ZEIT: Kommen wir zurück zur Politik: Worauf sind Sie stolz?

Kubicki: Ich finde es gut, dass in unserem Koalitionsvertrag steht, dass die Rasterfahndung abgeschafft wird und die Vorratsdatenspeicherung nicht stattfindet. Also, all das, was das Herz eines Rechtsstaatsliberalen erfreut, ist umgesetzt worden. Ich bin wirklich stolz, als einer der Kläger vor dem Bundesverfassungsgericht gesiegt zu haben. Und es ist gut, dass wir mit der Bundesregierung ausgehandelt haben, die finanzschwachen Länder für die Ausfälle durch das Wachstumsbeschleunigungsgesetz zu entschädigen.

ZEIT: Sie sagten, Sie vermissen die großen Debatten. Worüber sollte heute gestritten werden?

Kubicki: Zum Beispiel über Afghanistan. Wir führen dort einen Krieg! Und wo ist die große Debatte? Ich war und bin strikt gegen diesen Einsatz. Wie bitte, es soll der Kampf gegen den Terrorismus sein? Wenn wir dieser Argumentation folgen, müssen wir als Nächstes Pakistan angreifen.

ZEIT: Ihre Partei ist für diesen militärischen Einsatz.

Kubicki: Na und? Ich habe jedes Mal dagegen gestimmt.

ZEIT: Herr Kubicki, Sie selbst sagten einmal über sich: »Ich sehe einigermaßen gut aus, aber ich habe die Ausstrahlung eines Kühlschranks.«

Kubicki: Wir hatten ja bei der Landtagswahl 2005 schlechter als erwartet abgeschnitten. Da habe ich mir meine Reden angeschaut im Fernsehen, allerdings ohne Ton. Und danach habe ich diesen Satz gesagt. Ich wirke kühl, ich hatte einfach keine sympathische Ausstrahlung. Von jemandem in Designerklamotten hört man auch nicht gern, wenn er über das Elend und die Armut auf der Welt redet. Ich habe damals beschlossen, diese soziale Nummer zu lassen.

ZEIT: Keine Fotos mit netten Kindern auf dem Arm?

Kubicki: Ich bitte Sie, meine Herren. Auf dieses Niveau habe ich mich noch nie herabgelassen.

 
Leser-Kommentare
    • bob13
    • 22.03.2010 um 13:31 Uhr

    ich find Ihn gut - auch wenn ich bestimmt politisch nicht in allem seiner meinung bin. ein ein bisschen querkopf gefällt mir besser als immer stromlinienförmig.

    • kayob
    • 22.03.2010 um 15:13 Uhr

    hahahaha...der ist so geil der typ...

    ich find ihn politisch und wahrscheinlich auch menschlich ziemlich weit weg, von mir jetzt, aber lieber tausend kubickis als einen pofalla oder solche charakterköpfe...
    mit vaclav kann man streiten, mit poffi oder guido oder angie macht das keinen spaß...mit steini und rothi und ernsti übrigens auch nicht...
    ich bin für ne allparteien regierung aus so coolen säuen, wie vaclav und gysi und so...hahahahahaha, silvana angebaggert...hahahaha

  1. ist nicht meine Sache, aber er ist einer der wenigen Politiker beim dem sich das Zuhören und Nachvollziehen seiner Gedanken lohnt. Im Gegensatz zu den anderen Windeiern um Merkel und Co. herum. Die blasen nur heiße opportunistische Luft in den Raum und verdrehen ihre eigentlichen (unqualifizierten) Absichten hinter Worthülsen.

  2. ...es ist einfach erfrischend, wenn mal jemand plaudert, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Das Problem der "Windeier" besteht aber genau in dem Punkt, der anfangs erörtert wird. Er dementiert nicht, dass er aus materiellen Gründen Fraktionsvorsitzender geblieben, statt Minister geworden ist. Verständlich aus rein menschlicher Sicht - und trotzdem: Warum geht er in die Politik, wenn die Gestaltung von Politik erst in zweiter Linie entscheidend sein soll? Ist es da ein Wunder, wenn nur noch Typen "Berufspolitker" das Sagen bekommen? Ich würde mir auch mehr Typen "Kubicki" wünschen (zumal als Liberaler), insbesondere würde ich mir wünschen, dass sie dann aber auch unabhängig von persönlichen "Unannehmlichkeiten" wie "kein Anwaltsberuf während der Ministerzeit" Politik an vorderer Front machen. Denn die vordere Front ist es, die der Politik ein Gesicht gibt, nicht der Strippen ziehende Fraktionschef.

  3. Fünf Seiten Kubicki, das ist schon was! Allerdings steht das Zwischenzeilige für jemanden der ihn tiefgehender kennt deutlicher im Raum als das oberflächlich Wahrgenommene.
    Seine Offenheit ist anerkennenswert, zeigt aber auch seine zarte Seele und Verletzlichkeit, die er gerne in seinem Kühlschrank zu verstecken versucht.
    Für mich zeigt er viel zuviel Kampfgeist, was er eigentlich nicht nötig hätte, wenn es nicht von einer gewissen Angst vor etwas Ungewissem geprägt wäre.
    Wie dem auch sei, irgendetwas ist in Kiel im Busch, sonst klänge der Herr Kubicki nicht so wie er sonst klingt.
    Auf alle Fälle ist dieses Interview außergewöhnlich, und das hat sicher seine Gründe.
    Hat Spaß gemacht ihn hier zu lesen, und so bin ich gespannt, was sich in Kiel demnächst im Landeshaus auftun wird.

  4. Die vorab bekannt gewordenen Versatzstücke klangen ziemlich entsetzlich - voll Macho. Das ganze Interview jetzt ist immer noch vom Machismo geprägt, hat aber auch ganz andere Töne.

    Der Typ kommt ziemlich authentisch rüber, dumm scheint der wirklich nicht zu sein. Nur: kann man diesen Leuten trauen?

    Ich merke, wie ich meinem eigenen Urteil schon nicht mehr traue. Fair is foul and foul is fair.

    • Harzer
    • 22.03.2010 um 18:25 Uhr

    ein amüsantes, offenes, ziemlich ehrliches Interview. Und, a.p.p. Auststahlung, so schlecht ist die gar nicht, man kann es ja auch lesen.
    Ich lerne 2 Dinge.
    Jetzt kann ich mir das doch oft seltsame Verhalten und Auftreten unserer Politiker schon etwas besser erklären: Die haben oft einfach schon ab morgens einen in der Kanne.
    Haben die alle immer einen Chauffeur, oder gibt es eine Geheimbefehl für die Berliner Polizei, keine Politiker " blasen" zu lassen?
    Aber 2. auch, es geht 90% um das eigene Ego/Karriere und 10% um die Sache in der Politik.
    Reicht das für unseren Fortbestand ?

  5. (Zitat)
    "...ist bald jede politische Gestaltungsmöglichkeit futsch."
    Bald???!
    Die ist längst futsch, verdaddelt von Typen wie diesem Provinzpolitiker - unter Lambsdorff anno 1982 fing es (spätestens) an, und die ganze hier in der Großvater-Erzählung aufgeführte Daddelgarde hat mitgespurt. Cool, wa? Wo sehen Sie denn noch Qualitäten eine Politikers, der sich für die Interessen der Gemeinde einsetzt, von der er sich hat wählen und jahrelang aushalten lassen? Was will so ein bekennender Zyniker eigentlich in der Repräsentanz eines politischen Willens?
    Sagte ich politisch?
    So einer gehört auf die Couch, nicht in eine Landesvertretung.
    Mit "fair ist foul" (Shakespeare), werter Vorredner, ist das auch nicht mehr zu verzieren, es stinkt schlicht zum Himmel, was in diesem Hirn vorgeht, der Alte rotiert wahrscheinlich in seinem Stratforder Grabe, sollte er gelesen haben, auf welches Niveau Sie ihn ziehen...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Tja, "bekennder Zyniker" trifft's nach etwas Nachdenken wohl am besten, da hammse ganz recht.

    Ob William aber deswegen rotiert? Ich fürchte, ihm war schon damals nichts mehr fremd.

    Tja, "bekennder Zyniker" trifft's nach etwas Nachdenken wohl am besten, da hammse ganz recht.

    Ob William aber deswegen rotiert? Ich fürchte, ihm war schon damals nichts mehr fremd.

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