Henning Mankell "Wer zur Hölle bin ich?"

Im April erscheint der letzte Wallander-Krimi. Vorab gewährte uns Henning Mankell ein Gespräch über den Abschied von seinem Helden, das Schreiben und den Tod

ZEITmagazin: Herr Mankell, der ebenso melancholische wie arbeitswütige schwedische Kriminalkommissar Kurt Wallander hat Sie über zwanzig Jahre hinweg begleitet, Millionen von Lesern lieben ihn, zahlreiche Verfilmungen haben ihn noch populärer gemacht. In Kürze erscheint nun Ihr zehnter und letzter Wallander, »Der Feind ohne Schatten«. Ist es schwer, von ihm Abschied zu nehmen?

Henning Mankell: Ich fände es gut, wenn die Menschen Wallander vermissen. Aber trotz allem bleibt er eine fiktive Figur: Der Leser bedauert womöglich, dass es ihn nicht mehr gibt, nicht der Autor. Für mich war das einfach meine Arbeit.

ZEITmagazin: In Schweden ist der Roman schon 2009 erschienen, haben Sie viele traurige Reaktionen auf Wallanders Ende bekommen?

Mankell: Nein. Ich glaube, der Leser akzeptiert es. 

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ZEITmagazin: Ist es wirklich endgültig?

Mankell: Ich habe ja immer noch die Möglichkeit, über seine Tochter zu schreiben...

ZEITmagazin: ...Linda, Sie haben ihr schon ein Buch gewidmet, sie ist auch Polizistin.

Mankell: Ja, und wenn ich über die Tochter schreibe, wird der Vater irgendwo im Hintergrund sein. Aber ich habe noch nicht entscheiden, ob ich es tun werde.

Henning Mankell
Henning Mankell

Henning Mankell, 62, wurde in Stockholm geboren. Als er ein Jahr alt war, ließen sich seine Eltern scheiden. Er wuchs bei seinem Vater auf. Anfangs verfasste Mankell Theaterstücke, in den siebziger Jahren begann er, auch Prosa zu schreiben. Politische und gesellschaftliche Themen nehmen in seinen Büchern viel Raum ein. Besonders erfolgreich wurde seine Wallander-Krimi-Reihe. Der erste Band, Mörder ohne Gesicht, kam in Deutschland 1993 heraus. Der zehnte und letzte, Der Feind im Schatten, wird am 30. April im Paul Zsolnay Verlag erscheinen. Am gleichen Tag veröffentlicht der Hörverlag das gleichnamige Hörbuch, gelesen von Axel Milberg. Mankell lebt in Schweden und in Mosambik, wo er ein Theater leitet. Immer wieder setzt er sich, auch in seinen Büchern, für Afrika ein.

ZEITmagazin: Sie haben einmal gesagt, dass Wallander die Tür öffne für Ihre anderen Romane. Sind Ihnen Ihre anderen Bücher wichtiger als Wallander?

Mankell: Nein, ich könnte nicht sagen, welches meiner Bücher ich am meisten mag. Aber höchstens ein Drittel meiner Arbeit sind Krimis, und es ist schön, dass sie für die anderen Bücher eine Art Lokomotive geworden sind.

ZEITmagazin: Wallander ist depressiv und einsam, er hat Gewichtsprobleme und Schwierigkeiten mit Frauen. So gut er als Ermittler ist, er kommt nicht mit seinem Leben zurecht. Warum fasziniert dieser schwermütige Mann so viele Menschen?

Mankell: Ich glaube, der Grund dafür ist das Diabetes-Syndrom.

ZEITmagazin: Das müssen Sie erklären.

Mankell: Nach dem dritten Roman habe ich mich mit einer befreundeten Ärztin unterhalten. Ich wollte Wallander mit einer Krankheit ausstatten und fragte sie, welche zu ihm passen würde. Sie sagte, zu einem Mann, der so viel Junkfood in sich hineinstopfe und sich so wenig bewege, passe Diabetes. Können Sie sich James Bond vorstellen, wie er sich eine Insulinspritze verpasst? Aber Wallander ist durch seine Krankheit noch viel populärer geworden.

ZEITmagazin: Weil sie zeigt: Er ist so wie du und ich?



Mankell: Ja, und das Wichtigste ist: Menschen wie du und ich ändern sich. Wir werden morgen nicht mehr die sein, die wir heute sind. Ich glaube, das ist das Geheimnis von Wallanders Beliebtheit: dass er sich ändert, physisch und mental.

ZEITmagazin: In diesem Roman erfährt er wieder eine große, eine umwälzende Veränderung: Sein Gedächtnis beginnt ihn im Stich zu lassen. Er bekommt fürchterliche Angst. Außerdem trinkt sich seine Exfrau fast zu Tode, und eine Frau, die er einmal sehr geliebt hat, erkrankt an Krebs. Warum haben Sie ihm so ein trauriges Ende beschert?

Ich bin jetzt über sechzig, und nach allem, was ich erlebe, hat das Alter wenig Gutes an sich

Henning Mankell

Mankell: Ist das nicht das, was viele von uns erwartet? Das Leben ist eine Tragödie. Wir werden älter, irgendwann gehen wir nicht mehr zu Hochzeiten, sondern nur noch zu Beerdigungen. Ich bin jetzt über sechzig – genauso alt wie Wallander –, und nach allem, was ich erlebe, hat das Alter wenig Gutes an sich. Du rechnest jeden Tag damit, dass dir etwas zustößt, und früher oder später erwischt es dich, oder es erwischt deine Frau. Wir kämpfen unser ganzes Leben lang, und schlussendlich wird uns alles genommen.

ZEITmagazin: Finden Sie, dass Alzheimer schlimmer ist als körperliche Gebrechen?

Mankell: Es muss eine schreckliche Situation sein, wenn Ihr Körper funktioniert, aber Ihr Verstand Sie verlässt. Es ist so sinnlos, ich möchte dann nicht mehr da sein. Und ich möchte es auf jeden Fall wissen, wenn es mich erwischt. Meine Frau und ich haben eine Abmachung: Ich werde es ihr sagen, und sie wird es mir sagen.

ZEITmagazin: Das klingt alles ziemlich schrecklich. Ist das Älterwerden wirklich so schlimm?

Mankell: Selbst wenn es gut läuft – wenn Sie sechzig sind, wissen Sie, dass Sie die Hälfte Ihres Lebens schon eine Weile hinter sich haben. Das Zweite ist, dass man normalerweise die wichtigsten Entscheidungen in seinem Leben schon getroffen hat. Es ist selten, dass eine Journalistin in diesem Alter sagt, ich werde jetzt Ärztin. Und es bedeutet, dass man oft zurückschaut, dass man sich fragt, was habe ich mit meinem Leben getan, und das kann beängstigend sein für viele Menschen. Das ist ja auch das, was Wallander in diesem letzten Buch macht: Er schaut zurück. Wallander zieht Bilanz, er fragt sich, wer er eigentlich ist. Diese Frage stellt man sich, wenn man sehr jung ist. Und wenn man älter ist, fragt man sich wieder: Wer zur Hölle bin ich eigentlich?

ZEITmagazin: Wenn Sie beschreiben sollten, wer Sie eigentlich sind, was würden Sie sagen?

Mankell: Ich will Ihnen ein Beispiel geben: Wenn ich zu Hause sitze und Radio höre und draußen ruft jemand um Hilfe, dann drehe ich nicht den Ton lauter, sondern gehe raus und schaue, was ich tun kann. 

ZEITmagazin: Waren Sie mal in einer solchen Situation?

Mankell: Ja, ich möchte das hier jetzt nicht weiter ausführen, aber ich bin dazwischengegangen, das war natürlich ein Risiko.

ZEITmagazin: Was haben Sie noch für Eigenschaften?

Mankell: Ich glaube, ein guter Zug an mir ist, dass ich versuche, solidarisch zu sein, und ich arbeite viel. Außerdem bin ich ein sehr ehrlicher Mann.

ZEITmagazin: Haben Sie keine schlechten Eigenschaften?

Mankell: Ich bin sehr ungeduldig mit Menschen. Das kann dazu führen, dass ich Sachen sage, die ich lieber nicht sagen würde. Aber ich habe auch kein Problem damit, mich zu entschuldigen.

ZEITmagazin: Was würden Sie anders machen, wenn Sie noch mal zwanzig wären?

Mankell: Ich würde es wieder genauso machen.

ZEITmagazin: Ganz genauso?

Mankell: Ja, ich würde wieder Geschichten erzählen. Ich habe eine Art philosophischen Ansatz über das Erzählen: Das, was uns von Tieren unterscheidet, ist ja, dass wir Geschichten erzählen können. Ich kann Ihnen von meinen Ängsten, meinen Träumen und meinen Hoffnungen erzählen. Und Sie können mir von Ihren erzählen. Aber meine Katze kann anderen Katzen nichts erzählen. Der Mensch ist ein homo narrans, wir leben durch unsere Geschichten, das macht uns aus: Also kann ich keinen Grund sehen, warum ich etwas anderes machen sollte. Nur eine Sache war wirklich dumm.

ZEITmagazin: Was denn?

Ich habe sehr viele Privilegien. Eins der wichtigsten ist, dass ich heute tue, wovon ich als Kind träumte

Henning Mankell

Mankell: Ich hatte einmal die lächerliche Angewohnheit zu rauchen. Aber vor zwanzig Jahren habe ich aufgehört. 

ZEITmagazin: Wie haben Sie das geschafft?

Mankell: Ich habe einfach aufgehört. Ich habe noch eine ähnliche Erfahrung gemacht. Es war ein Augustmorgen vor drei Jahren. Ich stand in der Küche mit meiner Tasse, und ganz plötzlich schaute ich auf den Kaffee und dachte: Du hattest jetzt genug Kaffee in deinem Leben. Seitdem habe ich nie wieder Kaffee getrunken. Und ich habe keine Magenprobleme mehr.

ZEITmagazin: Was hat Wallander falsch gemacht, dass er mit sechzig so einsam ist?

Mankell: Ich weiß nicht, ob er etwas falsch gemacht hat. Es stimmt: Er merkt, wie einsam er ist, aber er erkennt auch, dass das daran liegt, dass er seine Frau noch lange nach der Scheidung weitergeliebt hat. Wenn er andere Frauen traf, hat er sie mit seiner Frau verglichen, und seine Frau war immer besser. In diesem Sinne ist Wallander ein sehr leidenschaftlicher Mann, das ist ja nichts Schlechtes.

ZEITmagazin: Sind Sie ein leidenschaftlicher Mann?



Mankell: Ich hoffe. Ich liebe meine Frau sehr. Ich bin auch sehr leidenschaftlich, was die Politik und das Schreiben angeht. Ich brenne immer noch, genau wie damals, als ich jung war. 

ZEITmagazin: Sie haben schon als Junge gewusst, dass Sie Geschichten erzählen wollen. So früh zu wissen, was man tun will, ist ein großes Geschenk.

Mankell: Ich habe sehr viele Privilegien, enorme Privilegien. Eins der wichtigsten ist, dass ich heute tue, wovon ich als Kind träumte. Viele haben einen Traum, doch nur wenige haben die Möglichkeit, ihn zu leben.

ZEITmagazin: Sie haben die Schule abgebrochen und sind zur See gefahren. Dann haben Sie in Paris gelebt. Was haben Sie in diesen Wanderjahren gelernt?

Mankell: Zu überleben, Verantwortung für meine Handlungen zu übernehmen, Entscheidungen zu treffen. Ich glaube, es war Maxim Gorki, der einmal gesagt hat: Das Leben ist die beste Universität.

ZEITmagazin: Sie leben einen Großteil des Jahres in Mosambik. Das Leben in Afrika, so haben Sie einmal gesagt, habe Sie zu einem besseren Schriftsteller gemacht. Wie meinen Sie das?

Mankell: Ja, ich habe dort viel gelernt. Wenn wir in Europa eine Geschichte erzählen, gehen wir meist linear vor. Darf ich einmal Ihren Block haben?

ZEITmagazin: Ja, gerne. (er zeichnet:)

Mankell: Aber in vielen afrikanischen Ländern erzählen sie so: In einem afrikanischen Buch wäre es völlig normal, dass eine Journalistin und ein Autor zusammensitzen, und dann kommt plötzlich einer rein, der schon 25 Jahre tot ist, und unterhält sich mit ihnen.

 

ZEITmagazin: Sie können die Anzahl der Seiten eines Buches fast genau angeben, bevor Sie anfangen zu schreiben. Wie kommt das?

Mankell: Ich denke sehr lange nach, und dann denke ich noch mal sehr lange nach. Schließlich mache ich einige Recherchen und plane das Buch ganz genau durch, und dann fange ich erst an zu schreiben. Die meiste Arbeit ist also bereits vor dem Schreiben getan. Daher weiß ich so genau, wie lang das Buch wird. Aber wichtiger ist etwas anderes: Wenn ich mir so genau klar darüber bin, wie der Roman aussehen soll, dann kann ich improvisieren. Das geht nicht, wenn man nicht genau weiß, wo man hinwill. Manche sagen, sie fangen an zu schreiben, ohne zu wissen, worauf es hinausläuft, aber die lügen. Wenn Sie mit Ihren Freunden ausgehen und sagen, hey, jetzt erzähle ich euch eine Geschichte, dann tun Sie das nicht, wenn Sie das Ende der Geschichte nicht kennen.

ZEITmagazin: Sie haben über vierzig Romane, einige Theaterstücke und Filmskripts geschrieben. Sie scheinen nicht unter Schreibblockaden zu leiden.

Mankell: Normalerweise habe ich keine Probleme mit dem Schreiben. Aber ich habe auch so eine Art Technik: Ich arbeite immer an zwei Sachen gleichzeitig. Wenn ich mit der einen Probleme bekomme, nehme ich mir einfach die andere vor. Und ich habe noch einen Trick, der ist von Graham Greene übernommen. Ich höre abends mitten im Satz auf, dann weiß ich am nächsten Tag zumindest schon mal, wie dieser Satz weitergeht, das erleichtert mir den Start.

ZEITmagazin: Haben Sie noch andere Tricks?

Ich glaube, das ist das Geheimnis von Wallanders Beliebtheit: Dass er sich ändert, physisch und mental

Henning Mankell

Mankell: Ich höre keine Musik beim Schreiben, aber ich denke sehr viel an Musik. Ein Buch ohne Musikalität, ohne Rhythmus ist in der Regel ein ziemlich schlechtes Buch. Manchmal denke ich an den Jazzmusiker Charlie Parker, der hat oft zwanzig Minuten improvisiert. Oder ich denke an Bach, da ist auch alles sehr gut organisiert, daraus kann dann neue Freiheit entstehen.

ZEITmagazin: Ist die Schriftstellerei nicht ein sehr einsames Geschäft?

Mankell: Ich habe ja noch ein ganz großes Privileg: Ich kann allein in meinem Zimmer sitzen und schreiben, und dann öffne ich die Tür und gehe in einen Raum voller Menschen und erarbeite etwas mit Ihnen. Ich spreche jetzt von meiner Tätigkeit am Theater in Mosambik.

ZEITmagazin: Das ist Ihr Ausgleich zum Schreiben?

Mankell: Ich sagte einmal zu meiner Frau, ich habe keine Geliebte, ich habe das Theater. Aber wenn ich zwischen der Schriftstellerei und dem Theater wählen müsste, was hoffentlich nicht passiert, würde ich das Schreiben wählen.

ZEITmagazin: Muss man Dinge weglassen, wenn man älter wird, entscheiden, was man mit seiner knapper werdenden Zeit macht?

Mankell: Ja, das glaube ich schon. Ich zum Beispiel gucke kaum fern. Wenn ich jeden Tag nur eine Stunde weniger fernsehe, dann sind das etwa vier Wochen im Jahr. Damit kann man wahnsinnig viel anfangen. Und ich versuche, diszipliniert zu sein in dem, was ich tue. Das heißt nicht, dass ich die ganze Zeit arbeite, ich versuche eben nur, nicht auf eine dumme Art faul zu sein.

ZEITmagazin: Es heißt von Ihnen, Sie täten nichts lieber als arbeiten.

Mankell: Das mache ich tatsächlich sehr gerne, aber es gibt noch eine ganze Menge anderer Dinge, die ich gerne tue.

ZEITmagazin: Und die wären?

Mankell: Zu Hause sein, mit meiner Frau sprechen. Musik hören. Ich liebe es, spazieren zu gehen. Lesen, natürlich. Mit meiner Familie zusammen sein.

ZEITmagazin: Können Sie auch gut allein sein?

Mankell: Ja, ja. Kein Problem.

ZEITmagazin: Sie fühlen sich nicht einsam?

Mankell: Nein, das ist für mich eine ziemlich normale Situation. Meine Frau...

ZEITmagazin: ...Eva Bergman, die Tochter des Regisseurs Ingmar Bergman ...

Mankell: ...sie ist Regisseurin am Theater in Stockholm, und ich bin wie gesagt oft in Afrika.

ZEITmagazin: Ist das Geheimnis Ihrer Ehe, dass jeder seine eigene Welt hat?

Mankell: Ja, in gewisser Weise. Wir wollen so viel wie möglich zusammen sein, aber auf der anderen Seite ist es sehr wichtig, dass jeder sein eigenes Leben hat. Außerdem telefonieren wir jeden Tag, auch wenn es manchmal nur fünfzehn Sekunden sind, das ist wunderbar, als würde man sich kurz berühren. Selbst wenn ich mitten in der Wüste bin, versuche ich, ein Satellitentelefon aufzutreiben.

ZEITmagazin: Sie haben vier Söhne. Haben Sie auch Enkel?

Mankell: Ja, und es ist wundervoll. Das biologische Leben dreht sich ja darum, Kinder zu haben, darum sind wir hier, und was wir sonst tun, ist der Natur komplett egal, ob ich ein Buch schreibe oder nicht. Es ist toll, zu sehen, dass man ein Glied der Kette ist.

ZEITmagazin: Sie haben einmal gesagt, dass die interessantesten Konflikte zwischen den Generationen stattfinden?

Mankell: Ja, Kinder wollen ihren eigenen Weg finden. Und wir als Eltern müssen das akzeptieren. Wir müssen sie sogar unterstützen. Mein Vater tat das. Er war sehr beunruhigt, als ich die Schule abgebrochen habe. Aber er entschied sich dazu, mich zu unterstützen. Leider versuchen viele Eltern, den Kindern das eigene Leben aufzuzwingen. Wir sollten ihnen das Fliegen beibringen, aber nicht entscheiden, wohin sie fliegen.

ZEITmagazin: Haben Sie Ihre Kinder fliegen lassen?

Mankell: Ja, ich denke schon, ich glaube nicht, dass sie Schlechtes über mich sagen würden.

ZEITmagazin: Sie selbst sind ohne Mutter aufgewachsen.

Mankell: Ja, sie tat, was normalerweise Männer machen: Sie ging einfach. Aber mein Vater war ein sehr gefühlvoller Mann, er hatte keine Angst vor Emotionen. Mein Leben war voller Liebe. In dieser Hinsicht war er ein außergewöhnlicher Mann, glaube ich.

ZEITmagazin: Ihr Vater war Richter, glauben Sie, dass Sie von ihm einen besonderen Sinn für Gerechtigkeit vermittelt bekommen haben?

Mankell: Er gab mir sicherlich schon früh ein Gefühl dafür, wie wichtig das Rechtssystem ist. Und dass man einen Preis zahlen muss, wenn man die Gesetze bricht.

ZEITmagazin: Wallander ist oft fassungslos über die herrschende Ungerechtigkeit. Was macht Sie wütend?

Mankell: Dass wir in einer schrecklichen Welt leben. Wir haben jetzt eine Dreiviertelstunde gesprochen, in dieser Zeit sind wahrscheinlich 150 Kinder an Malaria gestorben. Kein einziges Kind müsste daran sterben, wenn es Medikamente bekäme. Oder nehmen Sie die Tatsache, dass Millionen von Kindern nicht lesen können. Aber das Schlimmste ist, wir lassen alles laufen, wir hätten viele Probleme schon längst lösen können.

ZEITmagazin: In »Der Feind ohne Schatten« geht es um einen Schweden, der für Amerika spioniert. Sie haben die USA oft kritisiert, wie sehen Sie deren Rolle in der Welt?

Mankell: Wir haben in der Ära der USA gelebt. Aber gerade ändert sich viel. Es ist mehr als hundert Jahre her, dass die Vereinigten Staaten England als größte Wirtschaftsmacht überholt haben. In zehn Jahren wird dasselbe noch einmal passieren, dann wird China Amerika überholen. Wir stehen also kurz vor der Epoche Asiens. Jetzt wird sich zeigen, ob die Chinesen ebenso arrogant sein werden gegenüber dem Rest der Welt wie die Amerikaner.

ZEITmagazin: Kommen wir noch einmal auf Ihren schwermütigen Helden zurück. Wallander hat große Angst vor dem Tod. Sind das Ihre Ängste, die sich da widerspiegeln?

Mankell: Nicht unbedingt. Vor dreißig Jahren hätte ich wahrscheinlich Ja gesagt. Aber in Afrika habe ich ein anderes Verhältnis zum Leben und zum Tod gewonnen. Dort ist der Tod ein ganz normaler Teil des Lebens. Bei uns in Europa gehen wir mit dem Tod nicht mehr um. Vor fünfzig Jahren war es ganz normal, dass Kinder ihre Großeltern tot gesehen haben. Heute überlassen wir alles den Krankenhäusern und Bestattungsunternehmen. Das ist ein ernstes Problem. Wie sollen Menschen Respekt vor dem Leben bekommen, wenn sie nichts über den Tod wissen?

ZEITmagazin: Sie glauben nicht an Gott?

Mankell: Nein. Ich respektiere Menschen, die es tun, ob sie nun an Allah glauben oder an den christlichen Gott. Doch ich glaube, das große Abenteuer am Leben ist ja, dass es nur ein Mal stattfindet. Man kann keinen Schritt zurückgehen. Die Idee des ewigen Lebens kann ich nicht teilen.

ZEITmagazin: Sie haben also wirklich keine Angst vor dem Sterben?

Mankell: Nein, ich habe eine andere Angst, eigentlich ist es lächerlich: Für mich ist es erschreckend, dass ich so lange tot sein werde, dass ich Millionen von Jahren tot sein werde. Ich mag diesen Gedanken nicht.

Das Gespräch führte Christine Meffert

 
Leser-Kommentare
    • Guido3
    • 21.03.2010 um 19:44 Uhr

    Tolles Interview.

    • hagego
    • 29.03.2010 um 14:48 Uhr

    Dieses von Christine Meffert mit Henning Mankell geführte Interview ist ein wahres und rares Kleinod! Mein Kompliment!

    Frau Meffert, zwei Fragen möchte ich Ihnen via ZEIT-Kommentar stellen, wenn Sie erlauben:

    Erstens,
    "was hat denn Henning Mankell konkret auf Ihrem Notizblock gezeichnet oder gescribbelt?"

    Zweitens,
    "konnten Sie durch Ihr Interview in Erfahrung bringen, welcher der drei Wallander-Schauspieler (Rolf Lassgard; Krister Henriksson; Kenneth Branagh) den Vorstellungen des Autors Henning Mankell am nächsten kommt?"

    -

    Was Henning Mankell in diesem Interview von sich preisgegeben hat, finde ich beachtlich. Es macht ihn nur noch sympathischer. Wichtig für ein solch gelungenes Interview ist sicherlich auch die Atmosphäre, eine gewisse "beiderseitige Empathie" und eine nicht allzu aufdringliche Neugierde der Journalistin.

    Da ja die Schauspielerin Johanna Sällström Anfang 2007 überraschend im Alter von 32 Jahren gestorben ist, wird es in der letzten Wallander-Krimi-Verfilmung quasi eine neue Tochter geben müssen. Schade, nachdem schon ihrem Film-Freund Stefan Lindman (Schauspieler: Ola Rapace)) ein spektakuläres Film-Ende ins Drehbuch geschrieben wurde.

  1. henning mankell ist auch einer von den menschen, die man wirklich in der politik (besonders in der internationalen) gebrauchen könnte. andrerseits sorgt vielleicht gerade auch dieser abstand, der zwischen politik und kultur besteht das, was ihn so faszinierend und zeitlos macht.

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    Menschen wie Henning Mankell, die sich durch Verabtwortungsbewusstsein, Kompetenz, Moral und Mut auszeichnen, bräuchte es auch dringend in der Politik, und vor allem auch in der Wirtschaft (hier vor allem solche mit VERANTWORTUNGSGEFÜHL und MORAL). Im dt. Bundestag würden mir als herausragende Personen mit diesen Eigenschaften spontan nur Hans-Christian Ströbele, Claudia Roth und Gregor Gysi einfallen.
    Mankells Engagement für Afrika und unsere Demokratie, dass sich durch alle seine Romane zieht, ob nun Wallander oder nicht, ist bewundernswert. Und auch literarisch ist er ein Meister seiner Kunst, er schafft es, spannende Kriminalromane zu schreiben, die aber stechend gut und hintergründig formuliert sind, zudem zieht sich die Verteidigung der Demokratie und des Rechtsstaates als zentrales Element durch seine Bücher!

    Menschen wie Henning Mankell, die sich durch Verabtwortungsbewusstsein, Kompetenz, Moral und Mut auszeichnen, bräuchte es auch dringend in der Politik, und vor allem auch in der Wirtschaft (hier vor allem solche mit VERANTWORTUNGSGEFÜHL und MORAL). Im dt. Bundestag würden mir als herausragende Personen mit diesen Eigenschaften spontan nur Hans-Christian Ströbele, Claudia Roth und Gregor Gysi einfallen.
    Mankells Engagement für Afrika und unsere Demokratie, dass sich durch alle seine Romane zieht, ob nun Wallander oder nicht, ist bewundernswert. Und auch literarisch ist er ein Meister seiner Kunst, er schafft es, spannende Kriminalromane zu schreiben, die aber stechend gut und hintergründig formuliert sind, zudem zieht sich die Verteidigung der Demokratie und des Rechtsstaates als zentrales Element durch seine Bücher!

  2. Menschen wie Henning Mankell, die sich durch Verabtwortungsbewusstsein, Kompetenz, Moral und Mut auszeichnen, bräuchte es auch dringend in der Politik, und vor allem auch in der Wirtschaft (hier vor allem solche mit VERANTWORTUNGSGEFÜHL und MORAL). Im dt. Bundestag würden mir als herausragende Personen mit diesen Eigenschaften spontan nur Hans-Christian Ströbele, Claudia Roth und Gregor Gysi einfallen.
    Mankells Engagement für Afrika und unsere Demokratie, dass sich durch alle seine Romane zieht, ob nun Wallander oder nicht, ist bewundernswert. Und auch literarisch ist er ein Meister seiner Kunst, er schafft es, spannende Kriminalromane zu schreiben, die aber stechend gut und hintergründig formuliert sind, zudem zieht sich die Verteidigung der Demokratie und des Rechtsstaates als zentrales Element durch seine Bücher!

    Antwort auf "beeindruckender mann"

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