Mankell: Ja, und das Wichtigste ist: Menschen wie du und ich ändern sich. Wir werden morgen nicht mehr die sein, die wir heute sind. Ich glaube, das ist das Geheimnis von Wallanders Beliebtheit: dass er sich ändert, physisch und mental.

ZEITmagazin: In diesem Roman erfährt er wieder eine große, eine umwälzende Veränderung: Sein Gedächtnis beginnt ihn im Stich zu lassen. Er bekommt fürchterliche Angst. Außerdem trinkt sich seine Exfrau fast zu Tode, und eine Frau, die er einmal sehr geliebt hat, erkrankt an Krebs. Warum haben Sie ihm so ein trauriges Ende beschert?

Ich bin jetzt über sechzig, und nach allem, was ich erlebe, hat das Alter wenig Gutes an sich
Henning Mankell

Mankell: Ist das nicht das, was viele von uns erwartet? Das Leben ist eine Tragödie. Wir werden älter, irgendwann gehen wir nicht mehr zu Hochzeiten, sondern nur noch zu Beerdigungen. Ich bin jetzt über sechzig – genauso alt wie Wallander –, und nach allem, was ich erlebe, hat das Alter wenig Gutes an sich. Du rechnest jeden Tag damit, dass dir etwas zustößt, und früher oder später erwischt es dich, oder es erwischt deine Frau. Wir kämpfen unser ganzes Leben lang, und schlussendlich wird uns alles genommen.

ZEITmagazin: Finden Sie, dass Alzheimer schlimmer ist als körperliche Gebrechen?

Mankell: Es muss eine schreckliche Situation sein, wenn Ihr Körper funktioniert, aber Ihr Verstand Sie verlässt. Es ist so sinnlos, ich möchte dann nicht mehr da sein. Und ich möchte es auf jeden Fall wissen, wenn es mich erwischt. Meine Frau und ich haben eine Abmachung: Ich werde es ihr sagen, und sie wird es mir sagen.

ZEITmagazin: Das klingt alles ziemlich schrecklich. Ist das Älterwerden wirklich so schlimm?

Mankell: Selbst wenn es gut läuft – wenn Sie sechzig sind, wissen Sie, dass Sie die Hälfte Ihres Lebens schon eine Weile hinter sich haben. Das Zweite ist, dass man normalerweise die wichtigsten Entscheidungen in seinem Leben schon getroffen hat. Es ist selten, dass eine Journalistin in diesem Alter sagt, ich werde jetzt Ärztin. Und es bedeutet, dass man oft zurückschaut, dass man sich fragt, was habe ich mit meinem Leben getan, und das kann beängstigend sein für viele Menschen. Das ist ja auch das, was Wallander in diesem letzten Buch macht: Er schaut zurück. Wallander zieht Bilanz, er fragt sich, wer er eigentlich ist. Diese Frage stellt man sich, wenn man sehr jung ist. Und wenn man älter ist, fragt man sich wieder: Wer zur Hölle bin ich eigentlich?

ZEITmagazin: Wenn Sie beschreiben sollten, wer Sie eigentlich sind, was würden Sie sagen?

Mankell: Ich will Ihnen ein Beispiel geben: Wenn ich zu Hause sitze und Radio höre und draußen ruft jemand um Hilfe, dann drehe ich nicht den Ton lauter, sondern gehe raus und schaue, was ich tun kann. 

ZEITmagazin: Waren Sie mal in einer solchen Situation?

Mankell: Ja, ich möchte das hier jetzt nicht weiter ausführen, aber ich bin dazwischengegangen, das war natürlich ein Risiko.

ZEITmagazin: Was haben Sie noch für Eigenschaften?

Mankell: Ich glaube, ein guter Zug an mir ist, dass ich versuche, solidarisch zu sein, und ich arbeite viel. Außerdem bin ich ein sehr ehrlicher Mann.

ZEITmagazin: Haben Sie keine schlechten Eigenschaften?

Mankell: Ich bin sehr ungeduldig mit Menschen. Das kann dazu führen, dass ich Sachen sage, die ich lieber nicht sagen würde. Aber ich habe auch kein Problem damit, mich zu entschuldigen.

ZEITmagazin: Was würden Sie anders machen, wenn Sie noch mal zwanzig wären?

Mankell: Ich würde es wieder genauso machen.

ZEITmagazin: Ganz genauso?

Mankell: Ja, ich würde wieder Geschichten erzählen. Ich habe eine Art philosophischen Ansatz über das Erzählen: Das, was uns von Tieren unterscheidet, ist ja, dass wir Geschichten erzählen können. Ich kann Ihnen von meinen Ängsten, meinen Träumen und meinen Hoffnungen erzählen. Und Sie können mir von Ihren erzählen. Aber meine Katze kann anderen Katzen nichts erzählen. Der Mensch ist ein homo narrans, wir leben durch unsere Geschichten, das macht uns aus: Also kann ich keinen Grund sehen, warum ich etwas anderes machen sollte. Nur eine Sache war wirklich dumm.

ZEITmagazin: Was denn?

Ich habe sehr viele Privilegien. Eins der wichtigsten ist, dass ich heute tue, wovon ich als Kind träumte
Henning Mankell

Mankell: Ich hatte einmal die lächerliche Angewohnheit zu rauchen. Aber vor zwanzig Jahren habe ich aufgehört. 

ZEITmagazin: Wie haben Sie das geschafft?

Mankell: Ich habe einfach aufgehört. Ich habe noch eine ähnliche Erfahrung gemacht. Es war ein Augustmorgen vor drei Jahren. Ich stand in der Küche mit meiner Tasse, und ganz plötzlich schaute ich auf den Kaffee und dachte: Du hattest jetzt genug Kaffee in deinem Leben. Seitdem habe ich nie wieder Kaffee getrunken. Und ich habe keine Magenprobleme mehr.

ZEITmagazin: Was hat Wallander falsch gemacht, dass er mit sechzig so einsam ist?

Mankell: Ich weiß nicht, ob er etwas falsch gemacht hat. Es stimmt: Er merkt, wie einsam er ist, aber er erkennt auch, dass das daran liegt, dass er seine Frau noch lange nach der Scheidung weitergeliebt hat. Wenn er andere Frauen traf, hat er sie mit seiner Frau verglichen, und seine Frau war immer besser. In diesem Sinne ist Wallander ein sehr leidenschaftlicher Mann, das ist ja nichts Schlechtes.

ZEITmagazin: Sind Sie ein leidenschaftlicher Mann?