HOTELTEST Westerwelles Weltniveau

Was ist dran am gerade eröffneten Kameha Grand Hotel in Bonn, das der Außenminister so überschwänglich lobt?

Für Guido Westerwelle ist dies "eines der spannendsten Hotels der Welt"

Für Guido Westerwelle ist dies "eines der spannendsten Hotels der Welt"

Seit Langem eröffnete in Deutschland kein Hotel mehr mit so viel Getöse wie vor drei Wochen das Kameha Grand in Bonn. Das Haus, ein gigantischer Bau aus Glas und Aluminium, mehr Hangar als Hotel, liegt direkt gegenüber dem alten Regierungsbezirk am rechten Ufer des Rheins. Zur Opening Party kamen Thomas Gottschalk, Maybrit Illner, Kai Pflaume, Michaela Schaffrath (Pornostar a. D.), diverse Wirtschaftsbosse – und der Außenminister. Warum Guido Westerwelle auf dem politisch wenig bedeutenden Fest auftrat, beschäftigt seitdem das Land. Weil Bonn sein Wahlkreis ist, wie er selbst sagt? Oder weil sein Lebensgefährte an der Organisation der Feier mitwirkte, wie man es ihm unterstellt?

Mindestens ebenso interessant und leichter zu klären ist die Frage nach Westerwelles Geschmack. »Eines der spannendsten Hotels, die man auf der Welt finden kann«, hat er das Kameha Grand genannt. Wer mit diesen Worten im Gedächtnis die Lobby betritt, erlebt gleich die erste Überraschung: Es ist auffallend deutsch hier. Unter der schwarzen Decke stehen Sofas in Rot und Gold. Die weißen Säulen sind schwarz und gold geblümt, der Innenhof ist zugekübelt mit silogroßen goldenen Blumentöpfen. Schon klar, das hat der holländische Designer Marcel Wanders als ironische Brechung gemeint. Es würde einen jedoch nicht wundern, wenn an dem verspiegelten Tresen zuweilen eine Easy-Listening-Version der Nationalhymne dudelte.

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Hinter der Lobby liegt der Kameha Dome. Eine Glashalle, glatt und kalt, in der man sich verloren fühlt, wenn sie leer ist, und die einen klaustrophobisch macht, wenn viele Menschen darin stehen. Hier soll bald eventet werden mit Auto- und Modepräsentationen. Bis jetzt steht hier nur ein »interaktiver Fischteich«, ein weiß eingefasster, liegender Touchscreen. Hier brauchen die Kois kein Wasser, und es plätschert trotzdem. Der Teich ist ein Produkt der Telekom. Der Konzern hat im Hotel auch eine Ladestation für Mobiltelefone aufgestellt und Multimediatechnik in den Tagungsräumen installiert. Als kleines Dankeschön gibt es eine Telekom-Suite, deren Magentarot sich maximal mit dem Karminrot des Kameha beißt.

Das Haus wurde für Kunden aus der Wirtschaft errichtet. An gewöhnliche Gäste haben die Architekten wenig bis gar nicht gedacht. Trotz der Lage des Gebäudes hat kein Zimmer Rheinblick, abgesehen von den Suiten. Stattdessen soll man zum Beispiel in den Dome schauen, vom Bett aus direkt auf die Events. Das funktioniert allerdings auch umgekehrt. Da steht man dann im Dome und verfolgt durch die transparenten Gardinen, wie ein Mann in Unterhose mit buchhalterischer Akribie seine Socken über den Stuhl hängt.

Im Erdgeschoss des Dome ist die Brasserie untergebracht. Ein freundlicher Kellner geleitet einen zum Tisch, über dem ein gigantischer Kronleuchter aus Holz hängt. Wären da nicht noch die niedlichen roten Tischleuchten, würde das Licht an eine Diskothek erinnern, in der nach der Party gerade ausgefegt wird.

Zumindest kann man so gut die Karte lesen. Sie hat die Spannweite einer Cessna und ist wie vieles im Kameha ein bisschen groß gemeint. Zum Glück finden sich darauf auch klassische Gerichte. Die Consommé kommt im ersten Anlauf jedoch leider kalt und im zweiten leider sauer. Perfekt ist dagegen das Wiener Schnitzel, weniger perfekt der vorwitzige Kellner, der sich zwar gern mal in Gespräche einmischt, aber das Entscheidende vergisst. Eben erst hatte man ihm seine Laktoseunverträglichkeit mitgeteilt, jetzt bringt er milchiges Allerlei als »Gruß aus der Küche«. Als man ihn daran erinnert, findet er die tröstlichen Worte: »Ach, das habe ich ja ganz vergessen, na, dann esse ich es selbst.«

Leser-Kommentare
  1. des Herrn Rath, welches dieses Hotel und die Kameha Bar in Köln gebaut habt, ist bekannt für seine 4 Monatigen Pressverträge. Es werden Menschen mit 4 Monatsverträgen gelockt, mit dem VErsprechen, dass eine FEstanstellung avisiert ist. Nach 4 monatiger Auspressung der Zitrone mit 12-15 h Tagen ohne Lohnausgkleich, werden die Leute entlassen und die nächsten kommen an die Reihe.

    Eine Leser-Empfehlung
  2. Herr Niederberghaus - Ihr Artikel hat mich sehr erfreut! Danke! :-)

    (War das ein aussagekräftiger Kommentar...? Eher nicht - aber: TROTZDEM!)

  3. ... das ist aber NICHT erfrischend - eher erdrückend... Ganz FDP-like?

    Eine Leser-Empfehlung
  4. nach meinen Recherchen ist die Kameha Holding eine "Briefkastenfirma" in der Baarerstraße 53 in Zug / Schweiz. Das Haus hat weit über 100 weitere "Geschäftsadressen". Warum Herr Rath seit vielen Monaten im Zusammenhang mit der Holding von "solventen Provatinvestoren" und selbst eingesetztem Kapital n beträchtlicher Höhe redet, vestehe ich nicht: das Einlagekapital der Holding beträgt 100.000 Schweizer Franken...Da fragt man sich, ob die bisherigen Artikelschreiber dies nicht wissen - mich hat die Recherche 15 Minuten gekostet - oder diese Informationen schlicht verschweigen..
    vgl auch: http://www.moneyhouse.ch/...

  5. Dieses Hotel würde ich als spät-deutsch-dekadent bezeichnen.
    Das passt zu Westerwelle.
    Es war schon immer etwas besonderes, einen guten Geschmack zu haben.
    Er hat ihn halt nicht.

  6. @jarreaude: Handelt es sich um das Tatsächliche Kapital oder nur dem Stammkapital? Investoren werden in aller Regel ihr Geld nicht einer Firma geben, damit diese das Stammkapital aufstocken kann. Sondern um zu investieren.

  7. der Einzigartige - hawaiianischer König - spätrömische Dekadenz - heutdeutsche Überheblichkeit mit Knebelverträgen für das Personal: Das ist die Geschmacksverirrung von Herrn Westerwelle mit Partner. - Liebe Geringverdiener, wacht endlich auf und zahlt es dieser Mischpoke heim. -

  8. Was mich an diesen Designer-Hotels (besonders in Europa) stoert ist, dass der Grundsatz hier immer "Form ueber Funktion" zu heissen scheint. Was nuetzen denn florale Teppiche und barocke Bilder an der Wand wenn gleichzeitig die Matratze zu hart und zu kurz ist, die Kissen zu weich, der Kleiderschrank (falls vorhanden) ueber ganze zwei (!) Designer-Kleiderbuegel verfuegt, kein Duschvorhang/Kabine vorhanden ist, und keine richtigen Bett- und Bodenlampen im Zimmer sind (unter diesen flimsigen, ans Bett montierten Strahlern kann doch niemand lesen ...) Wenn's geht buche ich deshalb lieber eine x-beliebige internationale Standard-Hotelkette, da weiss man wenigstens, dass man einen funktionalen Raum kriegt und nicht so einen hyper-designten Unsinn.

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