Malik El Djebena (Tahar Rahim) träumt an seinen Ausgangstagen stets von einem besseren Leben in Freiheit

Sechs Jahre hat Malik dieses Mal bei »den Großen« abzusitzen, wie ihm sein entnervter Anwalt verkündet. Sechs Jahre mögen draußen reichen, um in Ruhe erwachsen zu werden, das Leben in die Hand zu nehmen, sich noch einmal für oder gegen etwas zu entscheiden. Doch im Knast gibt es keine Jugend. Der neunzehnjährige Malik El Djebena (Tahar Rahim) macht aber nicht den Eindruck, als begreife er, was auf ihn zukommt.

In Jacques Audiards mit neun Césars ausgezeichnetem Film Ein Prophet erfährt man nichts über Maliks Straftat, seine Anklage oder Verteidigung. Ob er zu den Gebetsstunden gehe, welche Ernährungsgewohnheiten er habe und ob er noch etwas anderes könne als Polizisten angreifen, wird er einmal von den Wächtern gefragt. Doch der junge Franzose maghrebinischer Herkunft hat keinen Glauben. Er isst, was es gibt. Und was er kann, weiß er zu diesem Zeitpunkt wohl selbst noch nicht.

Der alte Korse César (Niels Arestrup), der in Habichtshaltung den Gefängnishof kontrolliert, nimmt den Neuzugang unter seine Fittiche. César führt Malik in eine totalitäre Parallelgesellschaft ein, die unter den Augen gekaufter Wachleute einen blühenden Tauschhandel mit Kaffee, Zigaretten und Drogen betreibt. Ein Staat im Staat, von oben nach unten durchregiert von der Korsenmafia und ihrem Paten César. Mit seinem Geld und seinem Heer an Prügelknaben regiert er einen nicht unbeträchtlichen Teil der französischen Unterwelt. Malik wird sein bester Mitarbeiter, sein designierter Erbe und schließlich und folgerichtig seine größte Bedrohung.

Ein Prophet ist weit mehr als ein Gefängnisfilm. Jacques Audiard gelingt es, aus der tatsächlich prekären Gefängnissituation in Frankreich ein soziokulturelles Epos zu entwickeln, einen Karriere- und Bildungsroman, der seine Hauptfigur auf eine Reise durch die niedersten Instinkte schickt. Er erzählt eine komplexe Geschichte von Rache und Herrschaft, von der Suche nach einem Vater und von dessen Vernichtung. Die Verrohung erscheint hier als Folge einer in archaischen Verteilungskämpfen kasernierten Männergesellschaft. Der wortkarge Malik beginnt, das Töten zu trainieren. Er schneidet sich buchstäblich ins eigene Fleisch beim Versuch, eine Rasierklinge unter der Zunge zu platzieren. Wie er schließlich das mörderische Metall im Moment des Angriffs hervorfletschen lässt, ist ein schlagendes Bild für die Doppelzüngigkeit der staatlich tolerierten Knastbestialität, das man so schnell nicht mehr loswird.

Ein Prophet lässt uns zusehen, wie Macht entsteht und wieder zerfällt, wie sie für neue Opfer, Täter und Dulder sorgt. Das Bestürzendste daran ist, dass wir irgendwo auf Maliks Weg zum Knastherrscher zu seinen Komplizen geworden sind.